Verdis „Maskenball”: Szenisch gefällig, musikalisch volle Pulle

Von: Armin Kaumanns
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Der finale Maskenball - getauc
Der finale Maskenball - getaucht in Blutrot - endet tödlich: Irina Popova (Amelia, l.), Yikun Chung (König Gustav) und der Chor. Foto: Carl Brunn

Aachen. Nein, von Intendantenbonus zu sprechen, wäre nun wirklich unangebracht. Wenn das Aachener Publikum seinem Intendanten (und dem Ensemble) nach der Premiere von Verdis „Ein Maskenball” mit stehenden Ovationen für seine überhaupt erste Regiearbeit huldigt, so gilt das sicher auch Michael Schmitz-Aufterbecks Fähigkeit, seinen Mitarbeitern auf und hinter der Bühne wie seinen Kunden im Parkett gefällig zu sein.

Im Sinne von: gefallen. Sein „Maskenball” tut niemandem weh, spart darüber hinaus noch Geld, nämlich das Honorar für den Gastregisseur, und nach rund drei Stunden Verdi ist der König tragischerweise wirklich tot.

Der infantile König spielt Theater

Kein experimenteller Regie-Schnickschnack also. Stattdessen eine weitgehend respektable Handwerksleistung. Zunächst die Idee zur Ouvertüre: Der König spielt Theater. Kurbelt und zuppelt an einem aus dem Spielwarenmuseum entliehenen Holzkasten herum, damit blaue Wellen wogen, darüber Dreimaster und Regenwolke von links nach rechts ziehen. Es ist auch eine Kiste mit Pappfigürchen dabei, von denen man ahnt, dass sie später noch bedeutend werden.

Will sagen: der weltfremde, infantile König, der den Künsten seine Aufmerksamkeit schenkt statt den Umstürzlern, die ihm ans Fell wollen. Er sieht sie nicht hinter den Lamellentüren des großen, leeren Bretterkastens, den Oliver Brendel auf die Bühne geklotzt hat. Aber aus dem Graben tönen schon die verschachtelt-hinterhältigen Motive, die dem Monarchen zum Schicksal werden. Ja, der Soundtrack zum Drama, angerichtet von Péter Halász und dem Sinfonieorchester Aachen, kann sich hören lassen: volle Pulle Verdi.

Nun, diese Spielzeug-Idee reicht nicht weit. Im zweiten Akt, da ist die unselige Liebesgeschichte zwischen dem König und der schönen, aber mit dem besten Freund verheirateten Amelia schon in Richtung Entsagung eingestielt, steht das Spielzeug kaputt im Eck. Im dritten tauchen dann die Pappfigürchen beim Ehemann der Geliebten, Renato, wieder auf, der sie mit einem Revolver bedrohen muss. Man weiß, dass das ernst gemeint ist, auch wenns ein wenig putzig aussieht und nicht wirklich Sinn ergibt.

Überhaupt wundert man sich über die schlichten Mittel, mit denen hier Theater gezaubert wird. Nächtens ist der Bühnenkasten blau, zur Meuchelstunde rot, im Zelt der Wahrsagerin gelb-orange. Für dieses dramatische zweite Bild hat die Schneiderei pittoreske Kostüme (Sandra Münchow) für den lagernden Damen- und Kinderchor angefertigt, in angenehmem Gegensatz zu der ansonsten eher puristischen Ausstattung.

Dabei ist der Wahrsagerin Haut komplett mit Tattoos bemalt, dazu muss sie auf Stöckelschuhen gehbehindert tun. Dann kriegt ein zukunftssuchender Matrose vom König das Offizierspatent zugesteckt, noch bevor ihm dieser Karrieresprung verheißen wird. Auch hier gelingen die Massenszenen nicht, der Chor hat Schwierigkeiten, sich geordnet durch die sich nur spärlich und schmal öffnenden Lamellen zu quetschen.

Kino in Breitwandformat

Das alles steht auf dem Zettel des Nörglers, dem flüssigen Gesamteindruck des Bühnengeschehens tut das wenig Abbruch. Denn Schmitz-Aufterbeck stellt Verdis rasanter Geschichte nichts in den Weg. Sie reißt mit, fesselt bisweilen. Etwa wenn im zweiten Akt die Liebenden vor lauter Abgründen zueinander nicht kommen können, dann ist das ganz großes Kino in Breitwandformat. Auch der finale Maskenball, getaucht in uniform barockes Blutrot, verfehlt seine Wirkung nicht: Der ausführlich sterbende König ist ein Guter, alles Verzeihender.

Mit diesem Ensemble ist Staat zu machen. Bravi für die neue Mezzosopranistin.

Yikun Chung als Gustav meistert locker jede Höhe, strahlt, schmelzt, wie man es sich von einem Tenor wünscht. Tito You (als Gast), der zweite Koreaner in leitender Funktion am schwedischen Hof, verfügt über einen außergewöhnlich gut geführten Bariton, der der Partie des treu-eifersüchtigen Renato musikalische Tiefenschärfe verleiht.

Irina Popova als Amelia erblüht im letzten Akt zu ganzer stimmlicher Schönheit, vorher stört ihr sehr üppiges Vibrato dramatisch. Jelena Rakic in der Pagen-Hosenrolle ist von der Regie so etwas wie ein Puck oder Harlekin zugedacht, warum auch immer. Sie singt in guter Soubrettenmanier, die Koloraturen rühren an ihre Grenzen.

Viel Applaus, sogar etliche Bravi heimste die neue Mezzosopranistin Sanja Radisic ein, die als Ulrica äußerst ansehnlich auftritt. Ihr Mezzo vereinigt ausdrucksstarke, kaum verbundene Register zu aparter Originalität. Der Chor, besonders die stark beschäftigten Männer, findet zu einer schon fast gewohnt guten Leistung. Ja, mit dem Ensemble kann Aachen einigen Staat machen. Bei Verdi bleibt die Zukunft des Staates eher ungewiss.

Die nächsten Vorstellungen: am 10., 25. Februar, 3., 14., 23. März. Rund drei Stunden, eine Pause.

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