Van der Rohe-Enkel Dirk Lohan: „In Chicago hat man großes Interesse“

Von: Eckhard Hoog
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„Er war ein philosophischer Mensch“: Dirk Lohan. Enkel des in Aachen geborenen Baumeisters Ludwig Mies van der Rohe, erinnert sich im Interview an seinen Großvater. Gestern war Lohan Ehrengast des internationalen Mies-Symposiums im Ludwig Forum. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Dirk Lohan ist der Enkel Ludwig Mies van der Rohes, 1938 in Rathenow bei Berlin geboren. Nach dem Abitur studierte er in Chicago, machte sein Architektur-Diplom aber in München, weil er damals noch nicht wusste, ob er in den USA oder in Deutschland leben wollte. Im Alter von 24 Jahren begann er, im Büro seines Großvaters zu arbeiten.

Sieben Jahre später, am 17. August 1969, starb Mies van der Rohe. Der Enkel übernahm mit zwei Partnern das Büro in Chicago. Nachdem beide ausgeschieden waren, führte er es unter seinem eigenen Namen fort. Dirk Lohan war gestern der Ehrengast des internationalen Symposiums im Rahmen der Ausstellung der Collagen und Fotomontagen Mies van der Rohes im Aachener Ludwig Forum. Wir sprachen mit ihm.

Sie waren ganz sicher nicht zum ersten Mal in Aachen. Wissen Sie eigentlich, wie oft Sie schon hier waren?

Lohan: Die Zahl weiß ich jetzt nicht, aber das erste Mal war ich 1959 hier, das ist also schon lange her. Und zwar war der Anlass, dass Mies van der Rohe zu Gast in seiner Geburtsstadt war. Sein Bruder Ewald lebte noch, er führte den Steinmetzbetrieb des Vaters weiter. Wir wohnten damals im Hotel Quellenhof. Die Gewerbeschule wurde nach Mies benannt, und er wurde bei der Gelegenheit geehrt. Wir hatten dann auch einen Ausflug nach Gulpen, zum Schloss Wittem, gemacht, das kannte Mies von früher. Dort sind wir ein paar Tage geblieben. Zurück nach Aachen, wollte er dasselbe Zimmer wieder haben.

Das Hotel sagte aber, das gehe nicht, man müsse den Raum erst mal enträuchern, weil Mies so viel geraucht habe. So- weit ich weiß, war aus Berlin Werner Düttmann dazugekommen. Das war der Senatsbaudirektor. Er war Architekt und fragte Mies, ob er in Berlin ein kleines Museum für moderne Kunst bauen würde. Sie haben sich darüber unterhalten, und ich war dabei. Ich war von Anfang an bei der Kreation der Neuen Nationalgalerie dabei. Ich habe dann später auch den ganzen Bau geführt in den sechziger Jahren.

Sie sind der Enkel, tragen aber nicht den Namen Mies. Wie kommt das?

Lohan: Meine Mutter ist seine Tochter. Da ist es natürlich klar, dass sie als verheiratete Frau nicht den Namen Mies trägt.

Wie finden Sie die Ausstellung der Mies-Collagen im Ludwig Forum?

Lohan: Ausgesprochen interessant und hervorragend, weil es ein Aspekt seiner Arbeiten ist, der bisher noch nie separat und spezifisch untersucht und ausgestellt worden ist. Dass das auch in Aachen sozusagen erdacht wurde, muss ich sagen, ist ganz etwas Besonderes. Und ich wünschte, dass die Ausstellung in mehrere Städte kommen würde, unter anderem auch nach Chicago, wo es großes Interesse daran gibt. Absolut. Weil es dort viele Leute gibt, die Mies in den USA kannten.

Welche Bedeutung haben die Collagen in seinem Werk?

Lohan: Das war die Zeit, als man noch keine Computer hatte. Mies hatte immer mit zwei Methoden gearbeitet, um seine Arbeiten zu zeigen. Eine waren dreidimensionale Modelle und die andere waren die perspektivischen Collagen, die er entwickelt hatte. Das waren handgezeichnete, auf Karton oder Büttenpapier gezeichnete – meistens mit Tusche – Darstellungen eines Raumes, so wie er aussehen würde. Da wurden dann diese Elemente von Kunstwerken hineingeklebt, um das Raumgefühl aufzuzeigen. Heute wird das alles mit Computern gemacht.

Welche Bedeutung hat Mies van der Rohe heute noch in den USA? Kennt man seinen Namen?

Lohan: Absolut. Er ist in 30 Jahren einer der großen amerikanischen Architekten geworden. Außerdem gibt es dort sehr viele Gebäude, die er entworfen hat, sehr viel mehr als in Deutschland – in New York, Chicago und Detroit, sogar in Kanada, in Toronto und Montreal. Er ist schon sehr bekannt. Das Farnsworth-Haus zum Beispiel, das liegt etwa eine Autostunde von Chicago entfernt an einem Fluss, da kommen tatsächlich aus der ganzen Welt Gruppenreisende, Architekturkenner, Liebhaber oder Studenten, die sich das Haus ansehen wollen. Das ist inzwischen ein Museum geworden, obwohl es ursprünglich nur ein Ferienhaus war.

Sie haben lange mit ihm zusammengearbeitet. Welche Erinnerungen an ihn sind für Sie am stärksten?

Lohan: Für mich sind die stärksten Erinnerungen die an seine Persönlichkeit, an seinen Ernst, seine Art, tief zu denken. Zum Beispiel habe ich in den sieben Jahren mit ihm immer einmal in der Woche abends zusammengesessen. Er hat mir sehr viel von seinen Jahren in Deutschland und seinem Werdegang erzählt. Das haben wir immer auf Deutsch gemacht. Und wenn wir dann über unsere Arbeiten in den USA sprachen, haben wir Englisch gesprochen, weil das naheliegend war. Er war in den USA berühmt dafür, dass er sehr schweigsam war und nicht viel geredet hat.

Das war deswegen so, weil er mit 52 Jahren von Deutschland in die USA kam, und er konnte kein Englisch. Man muss sich das mal überlegen. Und er wurde dann Professor und musste Vorlesungen halten. Das hat er zuerst mit Übersetzern bewältigt, mit zwei Studenten aus dem Bauhaus. So langsam hat er dann Englisch gelernt, das war der Grund für seine gewisse Zurückhaltung in der englischen Sprache. Aber wenn er deutsch sprach, da ging es richtig los, da war er ganz Rheinländer. Da hat er gelacht und Witze erzählt. Das war viel lockerer. eigentlich gab es zwei Mies, den englischen und den deutschen.

Was war er für ein Mensch?

Lohan: (denkt lange nach) Ein philosophischer Mensch. Jedermann, der ihn traf und mit ihm sprach, erkannte sehr schnell, dass er ein wichtiger Mann war, dass er etwas zu sagen hatte. Er war inzwischen ja ein Elder Statesman geworden, und was er zu sagen hatte, war immer bemerkenswert. Viele Menschen erinnern sich noch heute daran. Ich zum Beispiel habe das selbst erlebt: Wenn er in einen Raum trat, in dem sich 20 oder 50 Leute befanden, dann wurde alles ganz schnell ganz still, alles bezog sich nur noch auf ihn, als ob er der Kaiser oder der Präsident gewesen wäre. Er war einfach jemand, den man bemerkte, obwohl er nicht viel sagte.

Welches Verhältnis hatte Mies van der Rohe zu seiner Heimatstadt?

Lohan: Er ist immer gerne hierher gekommen. Das erste Mal war er 1952 nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen, da war ich nicht dabei. Mies war sehr eng mit seinem Bruder Ewald verbunden, sie hingen aneinander. Ich glaube, die ersten 19 Jahre, in denen er hier lebte als Maurerlehrling, als er auch Zeichnen gelernt hatte, das war der wichtige Anfang für ihn gewesen. Der Steinmetzbetrieb seines Vaters hatte auch Steinarbeiten am Dom ausgeführt. Da gibt es eine schöne kleine Geschichte, die wichtig für Mies' Leben geworden ist. Als er nach Berlin ging, hat sein Bruder die Führung des Betriebes übernommen.

Der war dann schon etwas geschäftlicher ausgerichtet gegenüber seinem Vater. Da gab es Besprechungen, in denen es hieß: „Wir können das auch schneller machen, man sieht das doch gar nicht.“ Und der Vater hat in der Gegenwart von Mies dann mal gesagt: „Ja schau mal, da oben auf dem Kölner Dom, dieses Kreuz da oben, das sieht zwar kein Mensch, wie genau das gemacht ist. Aber Gott sieht es!“ Das hat Mies tief geprägt. Seitdem ist er in den USA ganz bekannt für dieses Schlagwort: „God is in the details!“

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