Aachen - Ute Lemper: „Es ist meine Mission, diese Lieder zu singen“

Ute Lemper: „Es ist meine Mission, diese Lieder zu singen“

Letzte Aktualisierung:
10209413.jpg
Die Abstimmung stimmt schon: Ute Lemper bereitet sich mit dem Aachener Sinfonieorchester auf ihr Konzert bei den Kurpark Classix am 20. Juni vor. Foto: Andreas Steindl

Aachen. In den 80er Jahren wurde Ute Lemper als legitime Marlene-Dietrich-Nachfolgerin gehandelt und gelangte zu Weltruhm auf den Musical-Bühnen. Doch ihre Künstlerseele ließ sie nie in Gefangenschaft nehmen. Zu ihrem musikalischen Repertoire zählten in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten Jazz, Funk, Tango, deutsche Lieder der Vorkriegs- und Zwischenkriegszeit, Weltmusik und französisches Chanson.

Als Stargast des Crossover-Konzerts der Kurpark Classix in Aachen wird die aus dem Münsterland stammende und in New York lebende Lemper ihr „Best Of Chanson“-Programm präsentieren. Einen Vorgeschmack darauf gab es jetzt bereits im Probenraum des Aachener Sinfonieorchesters, wo sich Lemper mit den Musikern und Generalmusikdirektor Kazem Abdullah auf das Konzert einstimmte. Mit ihrem Programm begreife sie sich wie eine Missionarin, sagt sie im Interview mit unserem Mitarbeiter Michael Loesl.

 

Frau Lemper, Sie haben sich mit Ihren letzten Bühnenprogrammen auf Reisen zu den Stimmen von querdenkenden Poeten wie dem chilenischen Oppositionellen Pablo Neruda begeben. Nimmt sich Ihr „Best Of Chanson“-Konzertabend dagegen nicht geradezu schmeichlerisch aus?

Lemper: Mein Chanson-Verständnis greift weit. Und ich halte Brecht, Weill und Brel nicht für Schmeichler. Im Gegenteil: Sie waren, mit ihrem Geistesreichtum für mich sehr wichtige Impulsgeber, als ich heranwuchs. Das Anarchische ihrer Lieder, das Ideenreiche ist heute in der stereotypisierten Welt vielleicht sogar noch relevanter als damals, in meiner Jugendzeit. Die Lieder beschreiben nicht angepasste Leute, Matrosen, Huren, Kriminelle, kurzum: Exoten, die nicht Teil der Gesellschaft waren und sind.

Woher stammt Ihre Leidenschaft für Menschen am Rande der Gesellschaft und für Freiheitskämpfer, die in Ihrem Werk einen bedeutenden Platz einnehmen?

Lemper: Ich bin in den 60er Jahren in einem sehr gradlinigen Elternhaus aufgewachsen und musste viel rebellieren, um mich aus der Engstirnigkeit meiner Heimat befreien zu können. Außenseiter interessierten mich damals wie heute, weil sie Strukturen und Konventionen infrage stellen.

Aber gibt es im Showgeschäft, das Sie letztlich berühmt werden ließ, nicht endlos viele Restriktionen?

Lemper: Natürlich, deswegen musste ich mich ja auch von den Rollen, in denen man mich zunächst sehen wollte, emanzipieren. Inzwischen ist mein Selbstverständnis als Künstlerin von Vielfalt geprägt. Wenn man so will, gehört die Vielfalt ganz existenziell zu mir. Alles, woran ich über die Jahrzehnte gearbeitet habe, kulminiert in dem, was ich heute bin.

Vierfache Mutter, Ehefrau und Künstlerin, die in Manhattan beheimatet ist.

Lemper: Ja, auch das bin ich. Aber ich bin jetzt, mit 51 Jahren, frei dafür, bedingungslos zu lieben. Auch davon handelt mein Chanson-Programm.

Wie deutsch fühlen Sie sich nach vielen Jahren als Exilantin in verschiedenen europäischen Ländern und in New York eigentlich noch?

Lemper: Ich begreife mich als Weltbürgerin. Natürlich bin ich ein wachsamer, politisch und vor allem gesellschaftlich interessierter Mensch und weiß deswegen selbstverständlich, dass hinter jeder Tugend, die man an Nationalitäten festmacht, auch Aspekte stecken, die meinem freiheitlichen Selbstverständnis widersprechen.

Was ist für Sie typisch deutsch?

Lemper: Das leckere Brot und das lineare Denken. Gradliniges Denken scheint Deutschen in die Wiege gelegt worden zu sein. Das Wissen um demografische Größe und Vielfalt ist in Amerika ein anderes.

Dann dürften Sie sich daheim in Amerika ja entsprechend oft die Augen reiben, wo sich die Trennlinie zwischen „die“ oder „wir“ alltäglich viel deutlicher abzeichnet.

Lemper: Amerika besitzt eine 50:50-Spannung. Einerseits gründet das ganze Land auf individueller Initiative, also darauf, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, was gedankliche Freiheit voraussetzt. Andererseits wird das Land jeden Tag vom Aberglauben reaktionärer religiöser Fanatiker vergewaltigt.

Sie reden viel von freiem Denken, von Freiheit. Liegt die nicht letztlich, ungeachtet der Nationalität, in jedem selbst begründet?

Lemper: Sicher, aber man muss sich die Freiheit nehmen, sich selbst zu mögen, um in freiheitlich geprägten Gemeinschaften leben und lieben zu können.

Das ist das große Menschheitsthema Selbstliebe.

Lemper: Damit sind wir wieder beim Mut zum Anderssein. Beim Mut, den Individualismus zu leben, den das Chanson so vortrefflich spiegelt.

Sind Sie eine Chanson-Missionarin?

Lemper: Ich halte das Chanson am Leben und es ist in der Tat meine Mission, diese Lieder immer wieder zu singen. Das Musikgeschäft ist heute so strukturiert, dass junge Menschen gar keinen Zugang mehr zu Liedern bekommen, deren Texte eben nicht zum Überhören geschrieben worden sind. Es gibt heute kaum noch Künstler, die sich dieser Lieder annehmen, um damit ihr eigenes Leben und das Leben der Zuhörer zu erzählen. Die Kaste der Chanson-Interpreten gibt es eigentlich gar nicht mehr. Aber es ist das Genre, das ich am meisten liebe. In jedem meiner Konzertprogramme singe ich immer mindestens ein großes Chanson.

„Best of Chanson“ bedeutet also Stücke von Brel, Piaf, Weill, Holländer und Ferré?

Lemper: Ja, diese Chansons sind keine alten Möbelstücke, die ich um der nostalgischen Ausstellung willen auf die Bühne hole. Gerade das Empfinden der französischen Existenzialisten, das in den großen Chansons Ausdruck fand, passt perfekt in das Heute. Es gibt keine romantisch-verklärten Momente in meinem Chanson-Programm und erst recht nichts einlullend Operettenhaftes. Es geht, ganz im Gegenteil, um das nackte Leben, ohne jede Interpretation.

Sie wollen also keine musikalischen Lutschbonbons verteilen?

Lemper: Nettes Bild! Nein, natürlich nicht. Ich kann ein Hochqualitäts-Programm ankündigen, in dem auch Songs von Astor Piazolla und George Gershwin ihren Platz haben. Das Sinfonieorchester Aachen wird die Arrangements der Lieder spielen, die ich im Laufe der Jahrzehnte für mich gesammelt habe.

Sind Sie rückblickend stolz darauf, mit Ihrem Debütalbum „Ute Lemper singt Kurt Weill“ im Jahr 1986 den Liedern von Weill zu einer Art Comeback verholfen zu haben?

Lemper: Die Platte ist Teil meines Künstlerherzens, das sich für mich wie ein Mosaik an Kulturen und Erinnerungen ausnimmt. Weills Kompositionen waren während des Nationalsozialismus in Deutschland als sogenannte degenerative Musik verbannt und zensiert worden. Ich war also ganz sicher nicht die Erste, die sie wieder gesungen hat. Stolz ist deswegen nicht das richtige Wort. Ich bin rückblickend vielleicht froh, mich mit Musik verbunden zu haben, die eingegriffen hat in das politische und gesellschaftliche Leben.

Ist es damit heute vorbei?

Lemper: Na ja, für mich nicht, aber Authentizität zählt heute viel weniger als Kommerz. Das große französische Chanson, dieses große Kapitel Authentizität, das von den 50er Jahren bis in die 80er und 90er hinein existierte, scheint abgeschlossen zu sein. Literatur in der Musik, Poesie in der Musik, Jacques Prévert, Léo Ferré – dieses Kultur-Kapitel ist geschlossen.

Macht Ihnen der Umstand zu schaffen?

Lemper: Nein, ich bin egoistisch genug, mir mein Leben interessant und lebenswert zu gestalten. Kultur ist nicht der Anspruch, sondern das Gesicht der Gesellschaft. Sie befindet sich in ständiger Evolution, aber ich kann mich auch nicht von einem gewissen Kulturpessimismus freisprechen. Es findet viel Massenbefriedigung statt, die kaum noch an das Herz oder die Vorstellungskraft von Zuhörern, Zuschauern und Lesern appelliert.

Was ist Ute Lempers „Best of Chanson“-Programm in diesem Zusammenhang?

Lemper: Qualität und Liebe. Darum bin ich bemüht. Klingt ganz schön rebellisch, oder?

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert