US-Violinvirtuosin: „Am Ende eines Tages bin ich einfach ich“

Von: Sabine Rother
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Zu Gast in Aachen: die US-Violinvirtuosin Hilary Hahn. Foto: Michael Patrick O’Leary

Aachen. Ein fester Blick und eine zarte Gestalt: Hilary Hahn ist eine moderne Virtuosin auf der Violine mit einer Bilderbuchkarriere. Die dreimalige Grammy-Gewinnerin beeindruckt ein Millionenpublikum weltweit durch ihr ungewöhnliches Repertoire und ihre Frische.

Im Alter von erst 16 Jahren nahm die inzwischen 36-jährige amerikanische Musikerin mit familiären Wurzeln in der Pfalz ihre erste CD auf. Inzwischen gibt es 15 Alben von ihr. Am Montag ist Hilary Hahn an der Seite von Pianist Cory Smythe Solistin beim Meisterkonzert im Aachener Eurogress zu Gast. Wir sprachen mit ihr über Vorlieben, Experimente und Pläne.

Sie sind Amerikanerin, haben Vorfahren in Deutschland und wurden durch Lehrer wie Klara Berkovich mit der franco-belgischen, durch Jascha Brodsky mit der russischen Violintradition konfrontiert. Wo empfinden Sie persönlich Ihre Wurzeln?

Hilary Hahn: Ich denke, ich bin eine typische Musikerin. Wir kommen von überall her und bringen alle Arten von Einflüssen mit. Natürlich fühle ich mich durch meine Familie mit Europa verbunden, aber in erster Linie bin ich Amerikanerin. Ja, ich habe unterschiedliche Violinschulen erfahren, aber am Ende eines Tages bin ich einfach ich selbst.

Wo fühlen Sie sich daheim?

Hahn: Unterwegs!

Sie sind ein Kind der Suzuki-Früherziehung, haben also als sehr kleines Mädchen angefangen. Was bedeutet Suzuki für Sie?

Hahn: Ich habe das geliebt! Die Gruppen waren Spaß, die Einzelstunden sehr hilfreich. Ein wunderbarer Start für mich.

Sie haben mehr als 200 Städte in 27 Ländern besucht. Gibt es Favoriten darunter?

Hahn: Ich mag Städte, in denen ich schöne Spaziergänge unternehmen und irgendwo an einer Ecke einen Kaffee trinken und die Leute beobachten kann. Es ist schön, wenn viele Künste sich an einem Ort vereinen. In solchen Städten bin ich glücklich.

In Deutschland war Ihr erster Dirigent Lorin Maazel. Was hat Sie beeindruckt?

Hahn: Das war eine gute Erfahrung! Er gab mir die Chance, wirklich frei zu sein in meiner Arbeit mit dem Orchester. Es war alles möglich mit ihm. Er nahm mich einige Jahre lang mit auf Europa-Tourneen, wo ich vor riesigem Publikum spielte, das eigentlich ihn sehen wollte. Das war meine Gelegenheit, die europäische Konzertszene zu erobern, wozu auch der TV-Bereich gehörte.

2007 haben Sie mit dem Radio Sinfonieorchester Stuttgart zum 80. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. im Vatikan gespielt. Eine besondere Erfahrung?

Hahn: Es war eines der ungewöhnlichsten Konzerte, die ich je gespielt habe. Vor 10 000 Menschen aufzutreten ist unglaublich, doch man kommt sich wie in einer anderen Welt vor, wenn man in der Mitte dieses Saals eine Gestalt in Weiß auf einem Thron erblickt. Vor dem Auftritt haben mich Leute der Schweizer Garde betreut. Ich fühlte mich dort bereits in einer anderen Zeit!

Sie spielen Bach, aber auch Filmmusik. Zeitgenössische Musik ist Ihnen wichtig. Ihr Projekt „In 27 Pieces – The Hilary Hahn Encores“, für das international renommierte Komponisten 27 Zugaben für Sie geschrieben haben, ist bemerkenswert. Ganz offensichtlich lieben Sie die Abwechslung.

Hahn: Ja, ich mag das, wenn es Verbindungen zu meinem Ganzen gibt, wie die Äste eines Baumes. Die „27 Pieces“ sind ein ganz wichtiges Projekt. Ich bin noch immer dabei, die neuen Verbindungen, die dabei entstanden sind, zu sortieren – auch im Hinblick auf mögliche Kooperationen. Generell ist mir neue Musik aus dem gleichen Grund wichtig wie alte Musik, die ja auch einmal neu war. Musik drückt stets den Zeitgeist aus.

Was lieben Sie an der zeitgenössischen Musik?

Hahn: Den Moment der Überraschung. Man weiß nie, wie sich ein Werk entwickelt, und jede Art von Interpretation kann kraftvoll sein. Da gibt es keine Traditionen, und wenn mal etwas unklar ist, frage ich einfach den Komponisten.

Komponisten lieben es, für Sie zu schreiben. Wie erklären Sie sich das?

Hahn: Da müssen Sie sie selbst fragen. Ich selbst gebe mir Mühe, einem neuen Werk möglichst zahlreiche Aufführungen zu widmen.

Wie gehen Sie an komplexe Kompositionen heran?

Hahn: Zunächst spiele ich die Musik, sie leitet mich zur Interpretation. In diesem Prozess erkunde ich, was ich persönlich in der Musik fühle. Wenn ich Kollegen zuhöre, erlangt die Komposition weitere Dimensionen, ich werde zu neuen Ideen angeregt.

Sie haben drei Grammys und weitere Auszeichnungen erhalten. Was bedeuten das Ihnen?

Hahn: Eine große Ehre, aber die Arbeit geht weiter.

In Aachen spielen Sie Werke von Mozart, Bach, Gracía Abril, Copland und Tina Davidson. Warum diese Stückauswahl?

Hahn: García Abrils „Six Partitas“ wurden für mich geschrieben, sie sind brandneu. Eine Europapremiere in Aachen. Abrils Kompositionsstil ist zwingend, flüssig und expressiv, so reich, dass ich ihn noch viel mehr erkunden muss. Ich möchte das ganz neue Werk neben Bachs dritte Sonate stellen, damit verbinde ich 250 Jahre Musikgeschichte. Mozarts Sonaten spiele ich seit Studienzeiten, jedes Jahr gehört eine zu meinem Repertoire. Davidsons „Blue Curve of Earth“ wurde in Wyoming geschrieben, beim Blick auf die Erdkugel aus dem All. Es ist eines meiner „27 Encores“.

Und Ihre nächsten Projekte?

Hahn: Ich werde für 14 Monate im Wiener Konzerthaus „Artist in Residence“ sein, eine neue Erfahrung. Ich fühle mich wie ein Kind im Süßigkeitengeschäft. Da kann ich mit fünf unterschiedlichen Orchestern arbeiten, will regionale Initiativen entwickeln, um der Allgemeinheit klassische Musik näherzubringen. 2017 werde ich in Seattle und Lyon sein. Ich selbst werde als erste eigene Produktion die 27 Kompositionen aus meinem Projekt herausbringen.

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