„Urban Girls“: Großstadtmädels ohne Illusionen

Von: Jenny Schmetz
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„Das hier ist Rap, du Depp“: Emilia Rosa de Fries in „Urban Girls“ am Theater Aachen. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Yo, Mann! Augen auf! Das ist ein Mädelsabend! Von der Hinterhofbühne der Aachener Kammer glotzen sie einen unromantisch an: zwei Frauenaugen. Daneben an den Wänden lauter Frauenbilder: auf Pop-, Werbe-, Filmplakaten, abgerissen, überklebt. Darunter Müll, Schreibmaschine, Ghettoblaster. Uns erwarten schonungslose Frauenblicke auf prekäre Verhältnisse gestern und heute – aber mit Augenzwinkern.

Ein weibliches Team (Regisseurin Jenke Nordalm, Dramaturgin Inge Zeppenfeld, Ausstatterin Jelena Nagorni, die Schauspielerinnen Emilia Rosa de Fries und Katja Zinsmeister) bringt zwei Erfolgsromane junger Autorinnen auf die Bühne – okay, ein Musiker (Henrik von Holtum) darf auch mitspielen.

Es ist eine ambitionierte Idee, die zwei starken Texte – Irmgard Keuns Debüt „Gilgi – eine von uns“ (1931) und Dorota Maslowskas Rap „Die Reiherkönigin“ (2005) – zu verschwistern. Zu ihren Protagonistinnen, zwei Großstadtmädchen um die 20, lässt sich im Programmheft schlau von Feminismus und Kapitalismus schreiben und darauf das hippe Label „Urban Girls“ kleben. Allein: Die Umsetzung gerät leider arg angestrengt.

An der Schreibmaschine sitzt zunächst Gilgi, Stenotypistin im Köln der 20er Jahre. Sie verliert ihre Arbeit, wird ungewollt schwanger, will aber selbstbestimmt leben und lieben. Danach folgt eine Art drastische Fortsetzung 2004 in Warschau: Mit Ghettoblaster tritt die Rap-Punk-Poetin MC Doris alias Autorin Maslowska auf, allein mit Kind, „die soziale Lage beschissen“. Emilia Rosa de Fries spielt beide Frauen ohne Illusionen, im ersten Teil zurückhaltend mit hochgestecktem Haar und hochgeschlossener Bluse, im zweiten Teil nach der Pause offensiver mit offenen Haaren und Kapuzenjacke.

An ihrer Seite switcht Katja Zinsmeister oft komisch von Rolle zu Rolle: in Keuns Köln von der Erzählerin und Gilgis Freundin zu Männern und Müttern. Auf 15 kurze Szenen wurden die fast 300 Romanseiten verdichtet, die Regisseurin sorgt für fließende Übergänge, aber in gerade mal einer Stunde ergibt sich eine Hetze zur nächsten Handlungsstation, zum nächsten Kostüm, zur nächsten Requsite. Zeit- wie Lokalkolorit und die Tiefe der Figuren gehen in dieser bebilderten Digest-Version ziemlich flöten.

Nach der Pause zieht das Tempo noch an. „Yo, Mann!“: „Das hier ist Rap, du Depp.“ Maslowskas Erzählerin MC Doris mischt einen lustig-lustvollen Schwall aus Jugend-slang und Fäkaljargon, Konsum- und Medienkritik, Literaturzitaten und Popsplittern. Das rappt, reimt und reihert. Die rasend rhythmisierte Sprache schreit nach einem lautem Vortrag.

Nur ein paar Brocken sind davon in Aachen eine gute halbe Stunde lang zu hören. De Fries und Zinsmeister wird der vertrackt hip-holprige Sound mit etwas mehr Übung sicherlich noch lässiger durch die Kehlen rutschen.

Vielleicht hätte frau besser nur einen der beiden Romane vertheatern sollen? Aber: Yo, Girls! Welch ein Kraftakt! Applaus, Applaus.

Weitere Termine: 17., 20., 24., 27., 30. Januar, 6., 11., 21. Februar, 4., 6., 28. März, 5., 11. April. Karten in allen Servicestellen Ihrer Tageszeitung.

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