„Unterwerfung“ im Theater Aachen: Brennende Themen im Schwall des Textes

Von: Eckhard Hoog
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Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ als Bühnenadaption im Theater Aachen: Den Protagonisten FranÇois spielt Karl Walter Sprungala (links). Den „Chor der Bürger“ stellen der Opernchor Aachen und der Sinfonische Chor Aachen dar. Rechts: Rainer Krause als Schriftsteller Joris-Karl Huysmans und Elke Borkenstein als „Die Frau“. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Es ist das Stück der Stunde – landauf, landab reißen sich die Theater um den Stoff und kreieren ihre je ganz eigene Bühnenadaption von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“.

Das Erstarken der extremen Rechten, die vermeintliche Gefahr einer Islamisierung des Westens, die Krise Europas, der in Bedeutungslosigkeit versinkende Linksliberalismus, die Wertediskussion – all das an aktueller Brisanz findet sich verwoben in der Zukunftsvision einer islamischen Republik Frankreich. Das Theater Aachen hat Houellebecqs „Unterwerfung“ kurzfristig auf den Spielplan gesetzt. Die Premiere endete am Samstagabend mit einhelligem Applaus.

Muslim als Präsident

Protagonist ist François, Literaturwissenschaftler an der Sorbonne, der 2022 einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel miterlebt. Aus Angst vor der drohenden Übermacht der Rechten gehen die Sozialisten eine Koalition mit der muslimischen Bruderschaft ein. Deren Chef, Mohammed Ben Abbes, zieht denn auch als Präsident in den Élysée-Palast ein – während sich das Land am Rande eines Bürgerkriegs bewegt. Der sich zunächst gemäßigt gebende Politiker offenbart nach der Wahl sein wahres Gesicht und krempelt die Gesellschaft zu einem muslimischen Religionsstaat um. Der Rektor der Sorbonne konvertiert. Wer sich unter den Dozenten dem nicht anschließt, wird entweder durch die Saudis bestochen oder mit goldenem Handschlag aus dem Verkehr gezogen.

Ewa Teilmans hat den Roman auf eine Version für drei monologisierende Schauspieler und einen großen Chor konzentriert – mit gewaltiger Textmenge, ohne Handlung und ohne Dialoge. Intensives Zuhören ist angesagt während der dreieinviertelstündigen Aufführung, inklusive Pause.

Karl Walter Sprungala spielt den saturierten, dem Wein zugeneigten Literaturwissenschaftler François, den an seiner Profession nur mehr die gelegentliche Aussicht auf sexbereite Gespielinnen unter den Studentinnen reizt. Ansonsten repräsentiert er in lässiger Manier den Typus des französischen Intellektuellen, dem so etwas wie Verantwortung völlig fremd geworden ist.

Rainer Krause verkörpert eine Figur, die bereits 1907 gestorben ist: den französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, François‘ „Bruder im Geiste“, wie er benannt wird. Auf seiner lebenslangen Suche nach Sinn landete der Mann am Ende in einem Benediktinerkloster. Rainer Krause erscheint als Mann von vorgestern: mit langem Bart, gekleidet im Gehrock längst vergangener Zeiten. Weshalb er daraus wieder auferstanden ist und hin und wieder François‘ verbale Bälle ungefragt aufnimmt, bleibt rätselhaft.

Elke Borkenstein ist „Die Frau“ – sie spielt sie alle: die Muslima, die Jüdin, die Sexbombe und die sich Unterwerfende wie die knechtisch ergebene „O“ aus der „Geschichte der O“, auf die der Roman auch anspielt. Fast nackt präsentiert sie in einer Szene die Figur zu muslimischen Zeiten: mit Burkahaube.

All das schwirrt in den Gehirnwindungen von Autor Houellebecq herum – im Bühnenbild (Andreas Becker) sichtbar gemacht mit einem Neonlicht-versehenen Klettergerüst, auf dem die drei herumturnen. Projizierte Bilder von neuronalen Netzen geben eine sehr abstrakte Orientierung in dieser Szenerie, die dem überbordenden Schwall des Textes aber nichts von seiner Schwerverdaulichkeit nimmt. Zumal die Erklär-Passagen über die politische Entwicklung mit ihrer Unzahl an Namen so langatmig daherkommen wie im Roman. François referiert die Geschehnisse, in Vergangenheitsform und indirekter Rede. Der Text wird frontal ins Publikum gesprochen – wie bei einer Vorlesung.

Der „Chor der Bürger“ in Gestalt des Opernchors und des Sinfonischen Chors Aachen gibt immer wieder markige Sprüche ab, die François ängstlich zusammenzucken lassen: „Wir sind das französische Volk!“ Oder es wird sehr schön, aber inbrünstig gesungen: gregorianisch klingende Choräle. Anno Schreier hat hymnische Chorstücke komponiert: „Herr, erbarme Dich!“ Allein: Ausgerechnet die Bürger einer politisch total zersplitterten Nation artikulieren sich im Gleichklang eines Chors? Da fehlt es an Logik. Überhaupt: Die ganze Personalzusammenstellung bleibt unmotiviert.

François hält jedenfalls die Aussicht auf eine fröhliche Polygamie nicht für unwillkommen. Am Ende stellt er sich im Duktus des Konjunktivs die Möglichkeit der Konversion für sich vor. Sein letzter Gesichtsausdruck, ehe das Licht verlöscht: selig lächelnd.

Der Chor ist bei den ungewohnten Sprechpassagen schwer zu verstehen. Karl Walter Sprungala hat einen viel zu umfangreichen Text zu bewältigen – eine fast unmenschliche Aufgabe, die er demnächst sicher noch perfekter beherrscht. Immerhin: Das Theater Aachen hat einige brennende Themen der Stunde auf die Bühne gebracht – vielleicht ist das hier überhaupt das Wichtigste.

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