„Unser Beitrag zur Zukunft”

Von: Michael Loesl
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Es werde Licht: Linkin Park br
Es werde Licht: Linkin Park bringen ihr erstes Konzeptalbum heraus. „A Thousand Suns” erscheint am kommenden Freitag. Die US-Band fordert Visionen und bietet neue Ideen. Foto: Klaus Thymann/Warner

Wo sind die schwarz gekleideten Miesgucker? Und warum fehlen eigentlich an diesem Augusttag die obligatorischen Autogrammjäger vor Kölns bevorzugter Starherberge? Als Linkin Park zuletzt 2007 den Domblick genossen, herrschte noch ein Hauch des klassischen Rock’n’Roll im Hotel.

Meister Proper mit amerikanischem Akzent und in fünffacher Ausführung wirkte vor drei Jahren sowas von „bodyguardistisch”, dass man seinen Auftraggebern, den sechs Musikern aus Los Angeles, entweder völlige Selbstüberschätzung oder Sinn für bewusste Albernheiten attestieren musste.

Den Vorwurf, Linkin Park seien eine Nu-Metal-Boyband, konnte die Menge an dunkel dreinblickenden Aufpassern, der sich gerade mal noch Take That als Jungherzensbrecher bedienten, erst recht nicht aus dem Weg räumen. Und heute? Ein schmächtiges Männchen führt Linkin Parks Kunstgewissen, Mike Shinoda, freundlich statt mürrisch in den Fahrstuhl und lächelt sogar mokant, als sich sein Schützling während der Fahrt in den dritten Stock über den einzigen „Babysitter” lustig macht, der die Band diesmal nach Köln begleitete.

Abschaffung der Rollen

Mehr ist auch nicht nötig, weil die abgesandte Delegation der Kalifornier nur aus Shinoda und Bassist David Farrell besteht, die gleich zum Interviewbeginn in ihrer Suite unisono die Abschaffung klassischer Instrumentalistenrollen bei Linkin Park deklarieren. Es gäbe nicht mehr den Bassisten oder den Gitarristen in der Band, weil neuerdings alle sechs alles spielten.

Das passt ins Bild des neuen Albums „A Thousand Suns”, das am kommenden Freitag erscheint. Nachdem das Solisten-Verständnis über Bord geworfen wurde, muss gleich noch die musikalische Rezeptur der ersten drei Alben gefolgt sein. Zwar platziert Shinoda in „Burning In The Skies” einen Rap, aber in den Vordergrund gemischte Trommel-Attacken, die mit ihrem Zornesgehalt das Gesäge von Gitarren locker überholen, lassen Linkin Park diesmal fulminanter, direkter und gleichzeitig experimenteller ans Werk gehen.

Die ausgestreckte Faust ist nicht mehr die einzige Kreativkraft, aus der Linkin Park zum Kreieren ihres ersten Konzeptalbums schöpften. Die Lebensgeschichte des Physikers und Atombombenentwicklers Robert J. Oppenheimer wird in modernisierter Form mittels der drei Pfeiler Vision, Destruktion und Ohnmacht in eine musikalische und textliche Form gegossen.

Damit passe „A Thousand Suns” ganz ausgezeichnet zum Jetzt, wie Mike Shinoda findet. „Wir leben in einer Phase des Übergangs. Die Brücken zur Vergangenheit brechen zusehends ein, gleichzeitig fehlt uns die Vision für eine Zukunft des konstruktiven Miteinanders. Wir haben zwar jetzt Obama, aber nur alleine der gute Wille zum Andersgestalten unserer Zukunft wird sie nicht besser werden lassen. Gangbare Visionen kann unser neues Album natürlich nicht liefern, aber Fragestellungen können zu Visionen führen.”

Die visuelle Umsetzung von „A Thousand Suns” als Konzertversion ist Shinoda schon alleine wegen der ganzen geschichtlichen und folkloristischen Bezüge leicht gefallen, die diesmal Einzug hielten: Indische Tabla-Beats folgen Original-Reden Oppenheimers, dem unschuldigen Knabengesang des „Robot Boy” folgt der „Fallout”, disharmonische Sounds illuminieren die dunkle Grundstimmung kontinuierlich, bis „The Calatyst” und „The Messenger” zum Schluss zwar ohne Rezept, aber vorsichtig hoffnungsfroh aus den psychoakustischen 50 Reizminuten führen.

Farrell und Shinoda reden sichtlich stolzerfüllt über ihre neue Meisterleistung, die gute zwei Jahre Arbeit mit Co-Produzent Rick Rubin verschlang. „Wir sind als Band gereift, haben aus unseren sechs Egos Schritt für Schritt ein gemeinsames Mega-Ego geformt und können der Frage danach, was Linkin Park eigentlich ist, mit vereinter Kreativität viel unberechenbarer begegnen”, sagt Farrell. „Außerdem wäre es vermessen, lauthals Visionen einzufordern, wenn wir nicht selbst neue musikalische Ideen gehabt hätten. A Thousand Suns’ ist, wenn man so will, unser Beitrag zur Zukunft, die, wie man weiß, ohne Vergangenheit nicht möglich ist.”
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