„Ungehörtes“, das wieder zu seinem Recht kommt

Von: Sabine Rother
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Engagierter Musikwissenschaftler: Stefan Hagendorn, Bariton im Opernchor des Theaters Aachen, ist ein Experte für den fast vergessenen Komponisten Carl Heinrich Graun. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Alles begann mit einem Gespräch. Ziemlich unromantisch, in der Kantine des Aachener Theaters. Bei Kaffee und Brötchen unterhielten sich zwei Männer über ein Thema, das sie beide interessiert: Barockmusik. Dramaturg Christoph Lang arbeitete am Programm für das Konzert am Ostermontag im Alten Kurhaus in Aachen. Stefan Hagendorn (34), seit fünf Jahren Bariton im Opernchor, horchte auf.

Wie berühmt Graun einst war, zeigt ein Kupferstich aus der Zeitschrift „Carl Friedrich Cramers Magazin der Musik“ von 1783, das auf dem Programmzettel zu sehen sein wird. Man ehrte Graun dort gemeinsam mit Händel und Bach durch die Darstellung einer „Ehrenpforte“. Hoch oben trägt ein Engelchen auf gebauschten Wolken den Namen „Bach“, darunter zwei Säulen – eine für Händel, die andere für Graun. „Wir kannten beide diese Darstellung“, erinnert sich Hagendorn. „Da lag es nahe, dass wir etwas daraus machen.“

Das Ziel: Barockmusik, die das Publikum mit etwas „Ungehörtem“ überrascht. „Seit der Uraufführung haben diese Partituren im Archiv geruht. Es ist ein tolles Gefühl, sie jetzt zum Klingen zu bringen“, schwärmt Hagendorn. Die Sopranistinnen Soetkin Elbers und Suzanne Jerosme werden Arien sowie ein Duett aus der Feder Grauns singen. Zuvor gibt es die Ouvertüre zu Grauns Oper „Lucio Papirio“.

Der berufliche Lebensweg des hochgelobten Sängers und fleißigen Komponisten begann in Braunschweig, wo ihn Herzog Ludwig Rudolf als Vizekapellmeister des Opernhauses am Hagenmarkt verpflichtete. Danach (1735/40) wechselte der Musiker in die Dienste König Friedrichs des Großen. „Da hat sich sein Schaffen verändert, es gibt kaum noch komische Opern. Friedrich hatte bestimmte Vorstellungen“, erzählt Hagendorn.

Grauns Leben und Werk haben Hagendorn frühzeitig fasziniert. Der angehende Sänger, der zunächst in Frankfurt studierte und dann nach Karlsruhe ging, forschte und fand kostbare Partituren sowie Abschriften, die unter anderem streng verwahrt im Staatsarchiv Darmstadt lagerten.

„Ich kann mich gut daran erinnern, dass die Bibliothekarin mich sehr skeptisch empfing und fragte, ob ich mir die Hände gut gewaschen habe“, weiß er noch heute und schwärmt: „Der Geruch dieses dicken Papiers, auf das man die Noten damals kopiert hatte, ist unvergesslich.“ Auf Mikrofilm durfte er die Werke mitnehmen, die bereits den Übergang vom Barock zur Klassik spüren lassen und nun wieder zu hören sind.

„Wir öffnen damit ein Zeitfenster und blicken fast 300 Jahre zurück“, betont Christoph Lang. Wie lassen sich Grauns Werke charakterisieren? „Sie entsprechen dem Zeitgeschmack, der Soprane favorisierte“, erzählt Hagendorn. Er vermutet, dass die Liebe Friedrichs des Großen zu hohen Tönen nicht zuletzt von seiner Freude an der Flötenmusik gespeist wurde. Oder hatte der Herrscher doch ein Hörproblem und konnte diese Frequenzen besser wahrnehmen?

„Er saß im goldenen Käfig“

Die Wünsche seines Arbeitgebers prägten jedenfalls Grauns Arbeiten aus der Berliner Zeit. „Graun saß im goldenen Käfig, er musste sich anpassen. Es gibt einen Briefwechsel mit Telemann, der das belegt“, berichtet Hagendorn. Graun selbst war zwar ein guter Tenor, aber er hatte ein Problem: „Er beherrschte den Triller nicht, der zum Ende jeder Barock-Arie üblich war“, erklärt Hagendorn. Er selbst wird als Zuschauer im Konzert sitzen: „Meine Stimme ist zu tief. Ich darf mich zurücklehnen und einfach genießen.“

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