Und Reinhard Mey stellt sich wieder in den Regen

Von: Bernd Büttgens
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Reinhard Mey im Aachener Tonstudio: Alle drei Jahre kehrt er wieder in die Kaiserstadt zurück, um mit seinem Freund und Produzenten Manfred Leuchter das neue Album einzuspielen. 13 Songs kommen auf die neue Platte, die am 7. Mai erscheint. Foto: Bernd Büttgens

Aachen. Reinhard Mey ist ein höflicher Mensch. Er redet, wie er singt. Er wählt die Worte so fein, so überlegt, wie er das in seinen Liedern tut. Mey nimmt sich Zeit, hört aufmerksam zu, er bezieht klar Position. Manche Themen sind für ihn erledigt. Auf einen Radiohit zum Beispiel hofft er nicht mehr.

Doch andere Themen beschäftigen ihn. Die Verlogenheit, die doppelte Moral der Mächtigen, deutsche Soldaten in Afghanistan, auch die Suche nach dem Zauberspruch, der das Leben schöner macht - das und vieles mehr lassen ihn nicht los.

Zwei Stunden mit dem Liedermacher, ja, mit dem Liedermacher deutscher Zunge, vergehen wie im Flug. Er spielt ein neues Lied: „Wir sind eins” - das ist so ein Zauberspruch. Über eine alte, sich stets erneuernde Liebe, die alles verkraftet, alles übersteht, Ärger, Verzweiflung, ganz private Sorgen, die keinen anderen etwas angehen. „Mein Herz ist deins. Dein Los ist meins.”

Wie warm ist der Regen im Mai? Warum geht Mey raus, wenn die Tropfen vom Himmel fallen? Er, der es doch gut im Trockenen aushalten könnte. Still, zurückhaltend, die Legende bräuchte kein neues Kapitel mehr. „Um größer zu werden”, erklärt der Sänger. „Ich möchte, solange es geht, weiterlaufen, dazulernen, ich möchte wachsen, mich der Weisheit nähern, auch wenn es am Ende darauf hinausläuft zu wissen, dass man nichts weiß.”

Philosophisch klingt das, ist aber wohl viel simpler. Der Mann mit der Gitarre spielt weiter, er hat noch viel zu sagen. Und deshalb ist er wieder nach Aachen gekommen. Im Studio von Manfred Leuchter spielt und singt er, unterstützt von über 20 Musikerfreunden aus ganz Europa, seine neue CD ein. Sie heißt „Mairegen”, so wie das kleine Gedicht von Hoffmann von Fallersleben, das ganz am Anfang stand. Das die Idee stiftete für das 25. Studioalbum.

Zwei Freunde sitzen am Pult, sie hören in die Tonspuren. Dokumente der zurückliegenden Tage. Manfred Leuchter, der Produzent, Tonmeister, Akkordeonist - „das Multitalent”, wie Mey sagt - hat verschiedene Facetten eines Songs im Angebot. „Das Lied bleibt, das Kleidchen ändert sich”, findet Leuchter ein schönes Bild für die filigrane Suche nach dem passenden Arrangement.

Und Reinhard Mey schließt die Augen, hört und sagt später, was er denkt. Volle Konzentration, eine eingespielte, doch stets neue Arbeit. Diszipliniert, ruhig, konkret.

Nein, sagt der Liedermacher, er empfinde keinen Stress dabei: „Das ist die wahre Freude.” Es ist gut, dass er den Schritt nach Aachen gemacht hat, in das Tonstudio an der Ludwigsallee - „ich weiß das dankbar zu schätzen”.

Mit Leuchter arbeitet er schon seit 1986 zusammen, damals hat der Aachener einen Livemitschnitt eines Konzerts gemacht. Seit Anfang der 90er Jahre produziert er alle Mey-Alben, ist der kongeniale Partner, der Text und Musik des Berliner Sängers auf die CD bringt.

Schon im Hansa Studio, dem berühmten, dem großen in der Hauptstadt, war Leuchter der Mann hinter der Scheibe.

Seit drei Wochen sind die beiden nun Tag für Tag im Studio. Klare Arbeitszeiten sind vereinbart: Dienstbeginn morgens um 11 Uhr, gegen 18 Uhr ist Feierabend, danach sind die Freunde aber noch gemeinsam unterwegs. „Manfred hat mir im Laufe der Jahre gezeigt, was Aachen zu bieten hat. Das ist beeindruckend.”

Mey findet schöne Worte für die Kaiserstadt und ihre Menschen. Offen, herzlich, „ein freundlicher Blick, ein Gruß, was gibt es Schöneres”, sagt einer, der nirgendwo in diesem Land unerkannt einen Kaffee trinken kann. Er lacht: „Ich finde es wunderbar, ich kann in dieser Stadt mit Manfred hingehen, wohin ich will. Er wird überall von zig Leuten begrüßt. Er ist hier der bunte Hund.”

Die Arbeit an der neuen CD, die am 7. Mai erscheinen wird, läuft gut. „Wir sind bestens im Rennen, am 1. April gehen die Lieder nach Köln zur EMI, bis dahin haben wir noch gut zu tun”, sagt Leuchter. Feinarbeit, der letzte Schliff.

Reinhard Mey, „von Natur aus eher chaotisch”, hat sich selbst eine klare Alltagsstruktur auferlegt: „Alle drei Jahre am 1. September beginnt die Arbeit an der neuen Platte.” Nach dem Morgenlauf über den alten Patrouillenweg entlang des ehemaligen Mauerverlaufs in Berlin geht es ins Arbeitszimmer. Konsequente Textarbeit, Mittagspause um 13.30 Uhr, nachmittags noch ein Innehalten bei einer Tasse Tee, weiterarbeiten bis in den Abend, sieben Tage die Woche, ein halbes Jahr lang. Dann gehen die Texte und musikalischen Entwürfe nach Aachen - das Studio als letzte Station in der Plattenproduktion ruft.

„Bei uns zu Hause gehen das Private und die Arbeit nahtlos ineinander über”, sagt Mey. „So ist unser Leben, Hella und ich mögen das so.” Hella, seine Frau, ist für den Liedermacher die wichtigste Bezugsperson. Sie hat in diesen Tagen auch im Studio vorbeigeschaut, hat ihren Mann und Manfred Leuchter bei der Arbeit fotografiert, hat einen ersten Höreindruck mit heimgenommen.

Es ist Reinhard Mey wieder daran gelegen, die über die Zeit gesammelten Ideen, die Skizzen, die flüchtigen Gedanken auf Papier zu bannen, ihnen einen musikalischen Ausdruck zu geben. Was früher noch auf Zetteln und Kassetten festgehalten wurde, steht heute längst im Mac-Book. Mey hat Spaß an der modernen Technik. Gerade eben hat er einen kleinen Videoclip im Studio mit seiner Digitalkamera gedreht, das Dokument soll auf seiner Homepage einen Platz finden. „Ich liebe auch diese Form, mich auszudrücken.” So fischt er in diesen Tagen Liedtexte aus dem Archiv heraus, stellt sie auf der Seite ein. Songs, die wieder erschreckende Aktualität gewonnen haben: „Das Narrenschiff”, „Füchschen” - es lohnt sich, sie nach all der Zeit nachzulesen.

13 Lieder werden auf der neuen CD zu hören sein, verraten wird noch nicht viel, nur das vielleicht: Eine Art Zauberspruch-Trilogie ist dabei, „Wir sind eins” ist das Liebeslied, „Spring auf den blanken Stein” erzählt vom Aberglauben, bloß nicht auf die Fuge im Pflaster zu treten. Reinhard Mey macht Musik, die Mut macht, der Poet der Jetzt-Zeit nimmt seine Hörer wieder mit auf die Reise.

Seit fünf Jahrzehnten singt der Mann seine Lieder. Eine Legende ist er, zweifellos. Und ist dennoch und immer noch aufgeregt: „Ja, so ist das, und so bleibt es auch. Wir müssen es immer wieder neu machen, immer wieder angehen. Bei jeder Platte, später bei der Tournee an jedem Abend auf der Bühne.”

Fürs Erste ist er gespannt auf die Reaktionen, „die langsame Evolution” des Liedermachers Reinhard Mey ist wieder ein Stückchen weitergegangen, die aktuelle Arbeit, die er als „zunehmend lustvoll” beschreibt, neigt sich ihrem Ende.

Mairegen. Jede Wette, er macht den Mey noch ein Stückchen größer.

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