Und plötzlich sind zwei Gemälde weg

Von: Hermann-Josef Delonge und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Gut ausgeleuchtet: An diesem P
Gut ausgeleuchtet: An diesem Platz im Suermondt-Ludwig-Museum hing bis zum Mittwoch noch Joos van Cleves Triptychon mit der Anbetung der Foto: Andreas Steindl

Aachen/Prag/Wien. Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen war am Freitag gut besucht. Brückentag, Sonnenschein, angenehme Temperaturen. Die Menschen standen nicht gerade Schlange vor der Kasse, aber es zeigte sich erneut, dass die Joos-van-Cleve-Ausstellung eine Attraktion ist. Zwei Plätze an den Museumswänden sind allerdings verwaist.

Es finden sich dort - gut ausgeleuchtet - nur noch Aufhängungen, Texttafeln und kleine Zettel mit dem Hinweis, dass die Bilder, die dort bis Mittwoch hingen, bis zum Ende der Ausstellung am 26. Juni nicht mehr zu sehen sein werden. Bei einigen Besuchern löste diese knappe Erklärung Stirnrunzeln aus. Es ist aber auch nicht ganz einfach zu erklären, was da am Mittwoch geschehen ist - und vor allem warum. Wenn man es denn erklären will. Die Leitung des Aachener Museums will, oder besser: darf es nicht. Von Museumschef Peter van den Brink und Pressesprecher Peter Motz gab es nur eine äußerst knappe Erklärung. Man sei zur Verschwiegenheit verpflichtet, hieß es am Freitag kategorisch zu allen Nachfragen; dies sei im Vertrag mit dem Leihgeber so festgeschrieben.

Leihgeber des Triptychons mit der Anbetung der Könige und einer „Maria mit Kind”, der beiden Bilder also, die seit Mittwoch nicht mehr in Aachen zu sehen sind, ist die Nationalgalerie Prager Burg - mithin der tschechische Staat. Und der liegt im Streit mit Josef Stáva, einem ehemaligen tschechischen Staatsbürger und Unternehmer, der in den vergangenen Jahren öfters international mit undurchsichtigen Geschäften für Schlagzeilen gesorgt hat. Dieser Streit dreht sich, neben allen politischen und persönlichen Aspekten, letztlich um knapp 200 Millionen Euro. Er wird seit Jahren mit harten Bandagen und vor Gerichten ausgetragen. Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum ist nun unverschuldelt in den Streit hineingeraten. Da mag man für die Zurückhaltung sogar Verständnis aufbringen können.

Es geht um ein Geschäft mit Blutplasma, das Stávas Unternehmen Diag Human Anfang der 90er Jahre einfädeln wollte. Der damalige tschechische Gesundheitsminister, so Stávas Vorwurf, soll das Geschäft verhindert haben. 2008 bekam er vor einem Wiener Bezirksgericht recht und 200 Millionen Euro Schadenersatz zugesprochen. Seitdem geht es um die Frage, ob das Verfahren abgeschlossen ist. Stáva ist dieser Meinung, der tschechische Staat, der Berufung eingelegt haben will, anderer - und deshalb hat Stáva noch kein Geld erhalten.

Am 24. Mai kam es zur Eskalation: Ein Anwalt Stávas erschien im Wiener Museum Belvedere und ließ mitten in der laufenden Kubismusausstellung „Dynamik!” drei Kunstwerke aus tschechischem Staatsbesitz von einem Gerichtsvollzieher beschlagnahmen. Betroffen waren die Bronzestatue „Umarmung” von Otto Gutfreund und das Ölgemälde „Tänzerin” von Vincenc Benes aus der Nationalgalerie Prag sowie das Gemälde „Zwei Frauen” von Erwin Filla aus der Mährischen Galerie in Brno. Nach Berichten österreichischer Medien konnte das Belvedere gerade noch verhindern, dass ein Kuckuck an die Kunstwerke geklebt wurde. Sie befinden sich nun in einem Depot des Museums - zumindest ein paar Wochen lang. Bis dahin soll eine Lösung für den kniffligen Fall gefunden werden.

Ein Mitglied der tschechischen Botschaft in Berlin erklärte am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung, dass Stáva seine Forderungen gegenüber der Republik Tschechien am Donnerstag an ein internationales Konsortium verkauft hat. Das macht die Voraussetzungen zur endgültigen Klärung des Falles nicht einfacher. Als Reaktion auf die Pfändung vom 24. Mai hat der tschechische Kulturminister Jiri Besser Anfang der Woche den Auftrag erteilt, ins Ausland verliehene Kunstwerke zurückzuholen. So soll verhindert werden, dass es zu weiteren Pfändungen wie denen in Wien kommt.

Tschechien hat zurzeit 50 Kunstwerke im Gesamtwert von 14 Millionen Euro ins europäische Ausland verliehen. Dazu gehörten auch die beiden Bilder im Aachener Suermondt-Ludwig, die am Mittwoch abtransportiert wurden. Eine genaue Auflistung wollen die Behörden nicht veröffentlichen. Der Sprecher des Kulturministeriums bestätigte gegenüber der Tageszeitung „Lidove noviny” nur, dass es sich beispielsweise um ein Bild von Manet handle, das für eine längere Zeit nach Paris verliehen worden sei.

„Es ist bestimmt eine Gefahr, mit der wir uns befassen. Wir unternehmen die Schritte, um sie aufs Minimum zu verkleinern”, erklärte der Chef der Nationalgalerie, Vladimir Rössel, gegenüber tschechischen Medien. Außenminister Karel Schwarzenberg unterstützt die spektakuläre Aktion. „Wenn man die Werke nicht auf eine andere vernünftige Weise beschützen kann, bin ich selbstverständlich dafür”, sagte er.

Kurz und knapp: Die Erklärung des Museums

„Wir bestätigen, dass zwei Leihgaben nicht bis zum Ende der Ausstellung ,Leonardo des Nordens - Joos van Cleve im Suermondt-Ludwig-Museum gezeigt werden können. Es handelt sich um eine ,Maria mit Kind und ein Triptychon mit der Anbetung der Könige. Diese Werke sind am 1. Juni 2011 zurückgeholt worden.

Wir bitten um Verständnis, dass wegen einer Verschwiegenheitsverpflichtung im Leihvertrag keine weiteren Angaben gemacht werden können. Wir bedauern es sehr, dass wir den Besuchern unserer Ausstellung mit insgesamt über 60 Exponaten die beiden Werke nicht mehr zeigen können und bitten um Verständnis hierfür.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert