Und am Ende kreischt die Kettensäge

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Neue Ausstellung im NAK von Si
Neue Ausstellung im NAK von Simon Goldin und Jakob Senneby
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Aachen. Das Kunstprojekt der Stunde: Einen Tag, nachdem die US-Großbank JPMorgan Chase zerknirscht bekanntgab, dass sie bei Kreditgeschäften mal eben zwei Milliarden Dollar verzockt hat, nimmt sich heute der Neue Aachener Kunstverein (NAK) des Themas Finanzkrise an - nicht mit einer traditionellen Ausstellung, sondern einem lange geplanten Mix aus Theater und Performance, der viel Witz verspricht.

„Transdisziplinäre Vernetzung” nennt NAK-Direktorin Stephanie Seidel das, was das weltweit erfolgreiche schwedische Künstlerduo Goldin und Senneby unter Mitarbeit einer Drehbuchautorin (Pamela Carter), eines Professors für Bankwesen und Finanzen (Ismail Ertürk), einer Bühnenbildnerin (Anna Heymowska) und eines Schauspielers (Hamadi Khemiri) für den NAK ausgeheckt hat: Heute um 18 Uhr wird der Schauspieler Khemiri den Finanzexperten Ertürk darstellen und im NAK einen Vortrag halten, den die Drehbuchautorin mit dessen Hilfe entworfen und inszeniert hat. Alles klar?

Das Thema: Kreditausfallversicherungen - woran JPMorgan Chase zufällig gerade gescheitert ist. Fast wie bestellt. Für Bank-Professor Ertürk jedenfalls so ziemlich das absurdeste Element in der gesamten Finanzwelt überhaupt, die pure Lizenz zum grenzenlosen Zocken. Der Experten-Darsteller wird in seinem Powerpoint-Vortrag auch über die Krise in Griechenland sprechen. Wie ernst das Ganze ausfällt, das den Titel „Ich gebe aus, teile auf, teile zu, spare auf, halte zurück” trägt, muss man abwarten.

Bei diesem tiefen Einblick in die Machenschaften der Finanzwelt schlägt Ertürk/Khemiri jedenfalls den Bogen von der Problematik zockender Banken bis zum Ursprung des Geldwesens: antiken Münzen, die in einer „imaginierten Sammlung” präsentiert werden und damit dem Projekt doch noch so etwas wie eine Ausstellungsnote verleihen. Zusammen mit einem Schauobjekt, das auf verblüffend klare Weise zumindest den sprachlichen Zusammenhang der Krisenelemente offenlegt: Auf einem Podest steht ein originaler Geldwechseltisch, Süddeutschland, 17. Jahrhundert.

Dessen Spezialität: Zieht der Geldwechsler an der Schublade, um die Moneten herauszukramen, bewegt sich die Tischplatte in Richtung Kunde - und hält ihn auf Distanz.

Auf Italienisch hieß das Möbelstück „banca”, heute eben die „Bank”. Ging der Geldwechsler pleite, wurde sein Arbeitsgerät zerstört - „banca rotta”, heute „Bankrott”. Am Ende der Ausstellung - der Vortrag ist bis zum 12. August als Film zu erleben - wird die Geldwechselbank, eine echte, wertvolle Antiquität, im NAK mit einer Kettensäge zersägt. Kunst kann ja so weh tun...

Performance Goldin und Senneby im Neuen Aachener Kunstverein, Passstraße 29: Samstag um 18 Uhr.

Als Film zu sehen bis zum 12. August, Di.-So. 14-18 Uhr.

Am letzten Tag der Ausstellung, 12. August, 16 Uhr, wird der Geldwechseltisch zersägt.

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