Aachen - Über die Gefahren von Zeitreisen: „Der Stein” im Theater

Über die Gefahren von Zeitreisen: „Der Stein” im Theater

Von: Peter Motz
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Den Traum von Zeitreisen gibt es seit Menschengedenken. In Gedanken reisen die Menschen immer schon die Zeit. Wie in unserer Erinnerung reale Albträume zu fiktiven Wunschträumen mutieren, zeigt Marius von Mayenburgs Schauspiel „Der Stein”. Das Theater Aachen bringt es ab Samstag, Premiere um 19.30 Uhr, auf seine große Bühne.

Dort eröffnet sich dem Zuschauer der Grundriss eines Hauses. Zwischen den Wänden gibt’s Platz für viele Wendungen. Eine kriminalistisch konstruierte Spurensuche beginnt. Der Tatort ist ein Wohnhaus in Dresden. Kurz nach der Wiedervereinigung kommen „Wessis” und sagen „alles meins”. Der gute Opa hätte es 1935 „erworben”: von Juden - natürlich, um „ihnen mit dem Kauferlös die Flucht zu ermöglichen”. 1993 basteln nun Omi, Mutti und Tochter im Dreigenerationenhaus an der Idylle. Ihr Pech ist, dass auch eine Ostlerin Anspruch aufs Haus erhebt - und allesamt 60 Jahre deutsche Geschichte mit sich herumschleppen.

Was in dieser Zeit so alles passierte, wird in Rücklenden erzählt. Dabei schaut man den Akteuren quasi in den Kopf. Die Geschehnisse kommen als subjektive Erinnerungen daher. Das kann ja heiter werden, oder? „Unterhaltsam”, sagt Regisseur Nicolai Sykosch und meint natürlich den Spannungsfaktor. Denn zum Lachen sind die verhandelten Themen nun wirklich nicht. Gerade jetzt, Stichwort Kriegsverbrecherprozess gegen Demjanjuk, sei die Diskrepanz zwischen erinnerter und tatsächlicher Geschichte ein „hoch interessantes Thema”, sagt Dramaturg Ralph Blase.

Inszenatorisch stellt Mayenburgs Stück eine große Herausforderung dar. Weil der Hausautor der Berliner Schaubühne hier mit vielen Zeitsprüngen operiert. Für die Uraufführung in Salzburg hagelte es 2008 Kritik. Nicolai Sykosch hat die Inszenierung gesehen und sagt: „Das kriegen wir besser hin.”

Das spricht nicht nur für das Selbstbewusstsein des freien Regisseurs, der sein Handwerk unter Jürgen Flimm am Hamburger Thalia Theater lernte und in Aachen in der vergangenen Spielzeit mit Václav Havels „Abgang” debütierte. Nein, die Aussage ist auch Ausdruck seiner Hochachtung vor den „Könnern” im hiesigen Haus, die Theater mit „progressivem Anspruch” machten.

Sein Ensemble, sagt Sykosch, erbringe in „Der Stein” Höchstleistung. Die Schauspieler hätten „Mittel gefunden, wie sie durch minimale Veränderungen” in Mimik, Köperhaltung und Sprache in ein anderes Alter, ein anderes Zeitalter springen. Denn die Zeitsprünge müssen sie bewältigen, da hilft ihnen kein wechselndes Bühnenbild, keine opulente Lichtregie, keine Requisitenschlacht.

Man darf sich also auf feinstes Schauspieltheater freuen: von Elisabeth Ebeling, Bettina Scheuritzel, Stefanie Dischinger, Katja Zinsmeister, Anne Wuchold und Torsten Borm. Letzterer verkörpert hier den Nazi-Opa, parallel spielt er am Theater den weisen Juden Nathan. Auch so eine Geschichte...
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