Aachen - Ü55-Theaterclub im Mörgens: Den Tod mitten ins Leben holen

Ü55-Theaterclub im Mörgens: Den Tod mitten ins Leben holen

Von: Jenny Schmetz
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Nagen, schmatzen, greifen: Die Mitglieder des Ü55-Theaterclubs trippeln als gefräßige Krebszelle über die Probebühne. Die Performance „Um Leben und Tod!“ inszeniert Jens Dierkes (rechts). Foto: Harald Krömer

Aachen. Sie knatschen wie Babys und knutschen wie Teenies, sie schmatzen als gefräßige Krebszelle und piepsen wie eine Herz-Lungen-Maschine. Sie erzählen von ihren verstorbenen Liebsten und Fehlgeburten, vom eigenen Grabstein und ihrem verlorenen Glauben an Gott. Sie sind keine professionellen Schauspieler, und dennoch zieht es sie auf die Bühne. Sie sind zwar Theater-Laien, aber „Experten des Alltags“. Sie spielen keine Rollen, sondern sich selbst.

Ob Dorothee Köhn, 63, oder Henning Rohde, 70, sie präsentieren sich mit ihrem echten Namen und Alter und halten diese Angaben auf Tafeln in die Kamera, um auf Postkarten Werbung zu machen für ihr „Dokumentar-theater-Experiment“ mit dem Titel „Um Leben und Tod!“

Zehn Frauen und fünf Männer zwischen 55 und 86 Jahren treffen sich seit Januar im Ü55-Club des Aachener Theaters, um über ihre persönlichen Erfahrungen beim Abschiednehmen zu sprechen, über Hoffnungen und Ängste – und zu spielen. „Es geht nicht darum, schöne Bühnentode zu sterben, sondern sich mit der Realität auseinanderzusetzen“, sagt Jens Dierkes, Regie-Assistent am Haus. Er hatte die Idee zu dem Projekt. Das Thema beschäftigt ihn, seit sein Vater mit 57 gestorben ist. Mit 40 Jahren könnte er selbst der Sohn der meisten Mitwirkenden sein.

Viele sind schon seit Jahren beim Ü55-Club dabei, ein paar haben sich nach einem Aufruf in der Zeitung gemeldet. Ob Krankenschwester oder Hausfrau, Lehrer oder Ingenieur, gekleidet mit lila Comic-T-Shirt und Turnschuhen oder gestreiftem Hemd und Bügelfaltenhose: Zusammenkam ein „zufälliger Querschnitt einer älteren Gesellschaft“, meint Dierkes, „die vermeintlich nah dran ist am Thema Tod.“ Herausholen will er das Thema „aus dem tabuisierten Schattendasein“. Und die Ü55er helfen ihm dabei mit erstaunlicher Ehrlichkeit und Offenheit.

Wie wirkt der Gedanke an den eigenen Tod auf mich? Was bleibt zurück, wenn ich nicht mehr da bin? Die Club-Mitglieder antworteten auf Fragen dieser Art, vor der Kamera. Teile der Videos werden im Mörgens gezeigt, parallel dazu Spielszenen auf leerer Fläche, gesprochen werden fast ausschließlich eigene Texte, meist im Chor. „Mir war ganz wichtig, dass der Abend aus der Gruppe entsteht“, sagt Dierkes. Eine Witwe hat sogar ihr Abschiedstagebuch zur Verfügung gestellt.

Dazu singen die „Fährfrauen“ und erzählen von ihrer ehrenamtlichen Arbeit: Die Frauen aus Aachen und Ostbelgien schenken bei Abschiedsfeiern musikalisch Trost. Dorothee Köhn hat dies selbst erlebt: „Meine Mutter hätte Spaß an ihrer eigenen Beerdigung gehabt“, sagt sie nach einer Probe und lacht.

Ein total privates, intimes Thema – existenzieller gehte_SSRqs nicht. Und keiner hat es bereut, sich damit in die Öffentlichkeit zu wagen. „Es tauchte schon die Frage auf: Wie viel gebe ich preis?“, sagt Dietlinde Grundmann (72). Bei dieser Gratwanderung sieht der Regisseur auch seine besondere Verantwortung: „Es gab einige Momente, die ich aus Selbstschutzgründen rausgenommen habe“, sagt Dierkes – wohl auch, damit der Theaterabend nicht zur Therapiesitzung wird. Während der Proben sei viel Verdrängtes hochgekommen, Tränen sollen zwar nicht geflossen sein, aber für manche bot die Gruppe Hilfe bei der Trauerarbeit.

Besteht da nicht die Gefahr, dass der Zuschauer zum Voyeur wird, der Spieler zum Exhibitionisten? „Diese Leute findet man nicht im Lexikon unter dem Begriff ,Rampensau‘!“, betont Dierkes. Ein vehementes „Nein!“ kommt auch von Marion Gehrmann (59). Sie seien nicht exhibitionistisch, vielleicht extrovertiert. „Aber wir haben ja was zu sagen, zu geben!“ Viele Erfahrungen eben. „Ich will den Tod bejahen, nicht ausschließen!“, sagt sie. Es gehe darum, zu lernen loszulassen und nicht immer haben zu wollen.

Eine wichtige (Selbst-)Erfahrung für die Gruppe also, aber auch ein guter Theaterabend? Das soll jeder Zuschauer selbst entscheiden. Vielleicht bekommt er am Ende der Performance den Fragebogen in die Hand gedrückt und kann so das Thema Tod ins eigene Leben holen. Angst sollte er vor dem Abend nicht haben. „Es wird nicht schwerfällig!“, versichern die Mitwirkenden. „Es steckt viel Lebensfreude und Komik drin!“ Wenn etwa alle wie Models auf dem Laufsteg stolzieren – um eine Beerdigung herum. Oder am Ende, wenn einer nach dem anderen abgerufen wird, und Elisa Nölker (68) als Letzte abgeht. Tanzend.

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