Aachen - Turbulente Geschichte mit tollen Tricks

Turbulente Geschichte mit tollen Tricks

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Haydns Oper „Die Welt auf dem Mond“: Ensemble aus Studierenden der Musikhochschule Köln bietet brillante Leistung.

Dass ein Bühnenbild Szenenapplaus bekommt, erlebt man auch nicht alle Tage. Da geht im Theater Aachen der Vorhang auf zum zweiten Akt von Haydns Komischer Oper „Die Welt auf dem Mond“. Nachtblau wabern Nebelschwaden über einer ausladenden Bergkuppe. Im Hintergrund hieven vermummte Gestalten eine riesige Papp-Erdscheibe in den Horizont, und vorn pflanzt Ecclitico, der Architekt des grandiosen Täuschungsmanövers, eine Stange in den kargen Boden, an der er die Flagge der USA hisst: eine Boxer-Shorts mit Stars and Stripes.

Ja, lustig, frech und völlig unverkrampft geht es zu bei dieser letzten Opernpremiere der Spielzeit, die traditionsgemäß von Mitgliedern der Musikhochschule Köln bestritten wird. Die Begeisterung im Publikum ist groß und ergießt sich auch auf die anderen Aspekte dieser Inszenierung, die keine Wünsche offen lässt.

Vorlage von Goldoni

Haydn hat eine typische Gol­doni-Vorlage in Musik gefasst: Ein alter, autoritärer Geizkragen mit zwei knackigen Töchtern und ebensolcher Dienerin wird vom jungen Volk nach Strich und Faden gefoppt. Nur allzu gern glaubt dieser Buonafede sich auf dem Mond, dem Ziel seiner Träume.

Dafür verspricht er sogar die Töchter ihren Lovern und die Dienerin dem Mondkönig zu Frauen. Am Ende: Katzenjammer und junges Glück auf dem Boden der Erde. Sebastian Jacobs, Regieassistent am Theater Aachen, zeigt in seiner ersten großen Arbeit erstaunliches Talent. Nie herrscht auf der Bühne Langeweile, jederzeit spielen sich zwischen den mit großer Sorgfalt und Spaß am Detail gezeichneten Figuren kleine, lustige Geschichten ab, die den roten Faden der Handlung äußerst sympathisch umgarnen.

Wenn man bedenkt, dass alle Sänger zum ersten Mal auf solch großer Bühne stehen, sie sämtlich anspruchsvolle Arien zu singen haben, wissend, dass neben Eltern und Freunden auch Agenten im Saal sitzen, dann muss man sich schon wundern, wie locker und professionell sie agieren.


Detlev Beaujean hat liebevoll eine Bühne gebaut, die nicht nur auf dem Mond, auch auf der Erde mit skurrilen Details erfreut. Buonafede nämlich frönt seiner Leidenschaft für den Erdtrabanten vor der heimischen Glotze. Berge von Videokassetten der Mondlandungen türmen sich neben Zeitschriften und diversem Mond-Tand. Mit Zeitungsausschnitten ist die Wand des Wohnzimmers tapeziert, dessen einziges Möbel der beigefarbene Fernsehsessel ist.

Nebenan Küchenzeile und Esstisch, alles mit dem angestoßenen Charme der 60er. Kein Wunder, dass die Töchter hier raus wollen, in die Arme ihrer schmucken Geliebten. Wunder-Fernrohr, Wundertrank und die Mär von einer Welt der freien Liebe auf dem Mond genügen, den alten Sturkopf zu täuschen. Herrlich, wie die Mondreise vonstatten geht, wunderbar die Verkleidungsszenen im Hinterhof der Mondlandschaft (Kostüme: Renate Schwietert).

Goldoni/Haydn finden einen rasanten Weg hin zum turbulenten wie lebensklugen Finale. Diesen Spaß sollten sich Opernfreunde nicht entgehen lassen. Bemerkenswert, auf welch grundsolidem Niveau die Sängerinnen und Sänger in Köln und den Dependancen Aachen und Wuppertal ausgebildet werden.

Die Premierenbesetzung präsentierte gleich zwei ausgezeichnete Tenöre: Nik Kevin Koch mit den lyrischeren, schön timbrierten Anteilen in der Partie des Ecclitico; Guy van Horne mit beinahe heldischem Kern als Diener und Mondkönig Cecco. Beide höhensicher und so spielfreudig wie das gesamte Ensemble.

Mit Jisang Yoo war ein Bariton zu erleben, der in der bass-lastigen Partie des genasführten Buonafede nicht nur stimmlich brillierte, sondern dazu noch schauspielerisch Maßstäbe setzte.

Die Frauenpartien waren ebenfalls in besten Händen und Kehlen: Als Schwesternpaar Flaminia und Clarice hatten Caterina Maier und Neungmi Lee keine Mühe mit vertrackten Sopran-Koloraturen auf dem Präsentierteller Haydnscher Begleitmusik, Lee mit den fortgeschritteneren Anteilen. Lilia Tripodi kostete die kecken Szenen in der Rolle der Zofe Lisetta sehr bühnenwirksam aus, ihr Mezzo hat durchaus Potenzial.

Mit besonderem Applaus bedacht wurde Christina Müsgens, die in der Hosenrolle des Ernesto in den wenigen melodramatischen Passagen der Oper ausdrucksstarke Schattierungen fand. Alle Sänger zeigen sich auf bestem Wege, technisch wie musikalisch. Fast alle können noch an der Größe ihre Stimme arbeiten, da sind Yoo und van Horne am weitesten.

Restlos überzeugte auch das von Herbert Görtz geleitete Orchester der Hochschule, das sich schwungvoll seinen Spaß mit Papa Haydn gönnte. Auch hier ist Leichtigkeit das Schwere.


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