Trio Wanderer: Emotionen bis zum Äußersten

Von: Alfred Beaujean
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Aachen. Jeder Mensch hat seinen Namen, jedes Konzert hat seit geraumer Zeit sein Motto. So will das erste Kammerkonzert der verdienstvollen Accordate-Reihe im Krönungssaal „Russische Leidenschaft“ vermitteln.

Entzünden soll sie das fabelhafte, bald in Aachen so etwas wie Heimatrecht beanspruchende Trio Wanderer mit Hilfe der Musik von Sergej Rachmaninow, Dmitri Schostakowitsch und Peter Tschaikowsky.

Allerdings künden die Klaviertrios der beiden Letzteren weniger von Leidenschaft als von Trauer: Schostakowitsch schreib sein zweites Klaviertrio unter dem Eindruck des Todes seines jüngeren Freundes Iwan Sollertinsky, Tschaikowsky schuf mit seinem bedeutendsten Kammermusikwerk ein Denkmal für seinen verstorbenen Mentor Nikolai Rubinstein. Aber sei‘s drum, in jedem Fall geht es um große Musik.

Das noch vor dem Abschluss seines Kompositionsstudiums geschriebene einsätzige Trio von Rachmaninow, das den Auftakt des Abends bildete, entfaltet bereits die für den Komponisten so typische elegische Grundstimmung und fesselt vor allem durch den Schluss mit seinem hämmernden Bass-Ostinato. Weit gewichtiger die beiden Hauptwerke.

Schostakowitschs im Zweiten Weltkrieg entstandenes Trio mit seinem gespenstischen Flageolet-Beginn des Cellos, seinen Einschüben jüdischer Folklore und seinem düsteren, akkordisch dräuenden Passacaglia-Largo spiegelt den Gemütszustand des von Stalin gebeutelten Komponisten erschütternd wider.

Traumhaft sensibel

Tschaikowsky stellt einen vielgestaltigen Variationssatz zwischen zwei klagende Trauerblöcke und baut so eine Großarchitektur.

Spätestens seit Brahms ist die Gattung des Klaviertrios mit dem Problem der Klangbalance behaftet. Wie es gelöst wird, das entscheidet über den Rang eines Trio-Ensembles. Dass es an diesem Konzertabend scheinbar nicht vorhanden war, sagt alles über die grandiose Differenzierungskunst des Trio Wanderer.

Dieses traumhaft sensible Aufeinanderhören der drei Musiker Vincent Coq, Klavier, Jean-Marc Phillips-Varjabédian, Violine, und Raphael Pidoux, Violoncello, stand – und das ist das größte Wunder – keinesfalls der bis zum Äußersten gehenden Direktheit der emotionalen, expressiven Aussage im Wege.

Hier gingen die drei Musiker so weit, dass das Werk Schostakowitschs zu einer Art des Verzweiflungsausbruchs geriet. Das war ganz große Interpretationskunst, die unter die Haut ging.

Die Wiedergabe des Tschaikow-sky-Werkes, das nicht ganz so tief lotet, war nicht weniger aufregend in der großzügigen Geschlossenheit des Formalen wie dem elementaren Zugriff der ständig wechselnden Ausdrucksebenen. Ein ganz großer Kammermusikabend.

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