Tod eines Liebespaars im Venn wird zur Oper

Von: Jenny Schmetz
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Stürmt und schneit es da schon? Die Musiker müssen es wissen, sie arbeiten für die Kammeroper „Das Kreuz der Verlobten“ mit einer grafischen Partitur – hier zwei Beispielbilder. Insgesamt gibt es 122. Komponist Christian Klinkenberg hat sein musikalisches Konzept auf einem Raster entworfen, der Maler Marc Kirschvink hat daraus Bild-Kunst gemacht. Die Uraufführung ist am 4. Februar im Alten Schlachthof in Eupen. Foto: Marc Kirschvink
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Fing mit sechs an zu komponieren: Christian Klinkenberg (41). Foto: Elias Walpot

Aachen/Eupen. Die Notenständer müssen stabil sein. Zwar hat Christian Klinkenberg „nur“ eine Kammeroper komponiert, aber seine Partitur hat Gewicht – sie steckt im Computer. Die zehn Musiker blättern keine Papierseiten um, auf ihren Notenständern ruhen Tablets oder Notebooks. Zählt der Dirigent zu Beginn „Eins, zwei, drei“, drücken die Musiker auf Start – und das Video beginnt. Über die Bildschirme wandern Farbfelder, Schlangenlinien, Blöcke, Säulen – auf dass die Bilder Klänge werden!

Manch ein Musiker kann da anfangs schon mal ein bisschen aggressiv werden oder einfach nur staunen, erzählt Christian Klinkenberg amüsiert. Der 41-jährige Eupener hat für seine erste Oper zusammen mit dem Maler Marc Kirschvink eine grafische Partitur entworfen. Damit will er raus aus der Komfortzone, um die Musik „frischer“ zu machen. Klinische Perfektion mag er gar nicht, Improvisation dagegen sehr. Der Pianist kommt ja auch vom Jazz.

Seine Kammeroper „Das Kreuz der Verlobten“ ist wohl die erste ostbelgische Oper überhaupt, vermutet Klinkenberg. Aus der Region, in der Region, für die Region: Sie beruht auf einer tatsächlichen Begebenheit und macht die vielleicht bekanntesten Opfer des Hohen Venns zu Hauptfiguren, das 24-jährige Hausmädchen Marie Solheid und den 32-jährigen Bauarbeiter François Reiff. Noch heute erinnert unweit von Baraque Michel ein Kreuz aus Eichenbalken viele Wanderer an das Schicksal des Liebespaars, das 1871 in einem Schneesturm zu Tode kam. Klinkenberg kennt die Geschichte schon aus seiner Kindheit; der gleichnamige Band mit Erzählungen des Heimatautors Viktor Gielen stand in seinem Elternhaus in Raeren im Regal.

Seit Jahren schon hegt er den Wunsch, ein regionales „Gesamtkunstwerk“ zu schaffen, erzählt Klinkenberg. Und hier fand er „alle Zutaten, die eine Oper braucht“: Liebe und Tod, eine starke Dramaturgie und Raum für Kreativität. „Wir haben uns nur an die Fakten gehalten“, sagt Klinkenberg zwar. Doch niemand weiß genau, was vor fast 150 Jahren im eisigen Venn geschah. Das junge Paar machte sich auf einen 20 Kilometer langen Fußmarsch, um Papiere für die Hochzeit zu besorgen – mitten im Winter. „Der Weg ist weit, das Wetter launisch“, warnt Maries Bruder in der Oper. Vergebens. Wochen später werden nach der Schneeschmelze die Leichen der beiden Verlobten gefunden.

Mit kalter Hand und eisigem Atem wird das unberechenbare Wetter seinen Auftritt haben – nicht nur in der Musik, sondern auch als Figur auf der Bühne, verkörpert von der Kölner Sopranistin Irmke von Schlichting. Das, sagt Klinkenberg, war die „geniale Idee“ von Regisseurin Nicole Erbe, die in der freien Szene des Dreiländerecks schon viele Projekte verwirklicht hat. Nun schrieb sie das Libretto und inszeniert das kleine Musikdrama auf einem großen weißen Tuch, aus dem immer neue Schneelandschaften geformt werden können.

Das Grollen des Donners, das Pfeifen des Windes, das Knacken der Äste soll das Publikum hören können, aber auch folkloristische Tanzmusik der 1870er Jahre, denn alles beginnt auf einer Kirmes in Jalhay, wo sich Marie und François erstmals begegnen. Und dann wird es „ein bisschen moderner“, teilweise atonal, sagt Klinkenberg, der schon mit drei Jahren am Klavier saß und mit sechs Jahren anfing zu komponieren.

Wer jetzt denkt, auweia, zeitgenössische Oper, den beruhigt der Komponist: „Der Zuhörer kann sich zurücklehnen.“ Schon in seiner Jugend hat Klinkenberg als Jazzpianist Barmusik im Aachener Nobelhotel „Quellenhof“ gespielt, er hat Arrangements für Karl Frenzels Musical „Karl der Große“ geschrieben und Kinderstücke für Heinrich Heimlichs Figurentheater vertont, „eine Hühnerliebe“ zum Beispiel. Der Familienvater, der mit seiner Frau und zwei Teenie-Töchtern in Eupen lebt, kennt sich also durchaus mit Unterhaltungsformaten aus. Er schaffe Musik, „die sich ihrem Hörer nicht in einem rationalen Erkenntnisprozess, sondern in expressivem Erleben erschließt“.

Und das sagt er, obwohl seine erste Oper gleichzeitig ein praktisches „Experimentierfeld“ für seine Doktorarbeit am Konservatorium in Brüssel ist. Dort unterrichtet er als Dozent, dort hat er auch selbst studiert, erst Jazz-, dann klassische Komposition. Seine Dissertation beschäftigt sich mit Mikrotonalität, damit könne er seine Möglichkeiten als Komponist erweitern. Und wie? Er arbeitet mit Stimmsystemen, die die Oktave nicht nur in zwölf Halbtonschritte unterteilen, erklärt der Musiker, sondern in feinere Stufen.

Sein filigranes Material gewinne er aus den Obertonspektren der Töne. Oder um es einfacher zu sagen: Mit nur zwölf Tönen sei es so, wie mit großen Duplosteinen zu bauen. „Aber im Prinzip gibt es doch unendlich viele Möglichkeiten!“ Mikrotonal könne er wie mit Ton modellieren – zum Beispiel die „schwebenden Töne“ der mystischen Moorlandschaft des Venns, „irreal wirkende Klangsphären einer schillernden Zwischenwelt“.

Realisieren soll diese eine junge Besetzung: vier Sänger und zehn Musiker – natürlich alle Profis. Auch Klinkenbergs Bruder Stephan ist als Schlagzeuger dabei. Auf eine Anzeige auf der Webseite „theapolis“ hat er mehr als 100 Bewerbungen erhalten, berichtet der Komponist. Er könne zwar eine Gage zahlen, aber jeder müsse mit viel Herzblut dabei sein. Auch der Komponist kümmert sich nicht nur um feine Klänge, sondern ebenso um die Organisation von Essen, Übernachtungsmöglichkeiten oder Einspringern für erkrankte Musiker.

Alles werde realisiert „mit ganz begrenzten finanziellen Möglichkeiten“, sagt Klinkenberg auf Nachfrage. Ein Stipendium der Deutschsprachigen Gemeinschaft sei hilfreich, aber für ihn bleibe es ein Zuschussgeschäft. Wie viel Geld er reingesteckt hat, weiß Klinkenberg aber gar nicht, sagt er. „Ich bin keiner, der irgendwelche Budgets aufstellt.“ Und man nimmt es ihm ab. Er will ja auch keinen Gewinn machen, sondern seinen Traum verwirklichen, ein regionales „Gesamtkunstwerk“.

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