Aachen - Till Brönner: Ein Mann mit „grundharmonischem Seelenzustand“

Till Brönner: Ein Mann mit „grundharmonischem Seelenzustand“

Von: Michael Loesl
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Till Brönner gastiert am Freitag auf Burg Nideggen. Foto: C. Behring/FutureImage

Aachen. Till Brönner hat immer gespalten. Keiner weiß das besser als er selbst. Mitte der 1990er Jahre veröffentliche er seine Platten beim kleinen Qualitätslabel Minor Music, trat in Quartett-Besetzung auch im Aachener Jakobshof auf und wurde als „Deutschlands Jazz Trompeter Nummer Eins“ gepriesen.

Dass sich Musikalität nie aus sportlichem Eifer speiste, war ihm selbstverständlich bewusst. Entsprechend tat er das Marketing-Geschwätz um seine Person und sein Können beinahe peinlich berührt ab. Aber schon damals muss sein Selbstverständnis als Musiker, der im Jazz beheimatet war, gegen die Gepflogenheiten des Jazz-Betriebs rebelliert haben.

25-jährig, blies er Trompete und Flügelhorn wie ein junger Gott – aber kaum einer kannte ihn. Dabei spielte er keinen Deut weniger virtuos, ausdrucksstark und elegant als seine in etwa gleichaltrigen US-Kollegen, die als heiß gehandelte Newcomer die Welt bereisten.

Was tun? Einer Karriere in verrauchten Jazzclubs zuarbeiten und hier und da als Solist im Kontext von Big Bands und Orchestern glänzen? Oder den Versuch starten, den eigenen Namen als Markenzeichen zu etablieren? Wer genau hinschaute konnte schon früh ahnen, dass Brönners Karriere zukünftig keineswegs ausschließlich seinem Können geschuldet sein würde.

Seine Konzerte wurden von auffällig viel weiblichem Publikum besucht. Er hatte das Aussehen, mit dem sich Reichweite quasi ohne große Mühe schaffen ließ. Es galt lediglich, ihn effektiv in Szene zu setzen. Beispiele gab es seinerzeit im Jazz in Hülle und Fülle. Pat Metheny spielte als ewiger Strahlemann wie ein Abziehbild aus der Zahnpasta-Werbung, gehüllt in Ringelshirts, nicht vor 200, sondern bisweilen vor 10.000 Zuschauern. Der Gitarrist ließ sich für sein „Secret Story“-Album als weltgereister Romantiker inszenieren und verkaufte Millionen Platten.

Der notorische Individualist Miles Davis wurde von der HipHop-Gemeinde nicht zuletzt wegen seines extravaganten Lebens- und Kleidungs-Stils umarmt. Brönner, der Schöngeist, wechselte zum Platten-Major Universal Music und ließ seine Musik von der dortigen finanzstarken und vor allem bestens vernetzten Jazzabteilung ästhetisieren. Rasch erfand man inzwischen Etiketten wie „der deutsche Chet Baker“, und die Rechnung ging auf.

Die Zuschauerzahlen bei seinen Konzerten stiegen, seine Platten verkauften sich besser, und Brönner spielte als Gast-Solist mit Gott und aller Welt, vom brasilianischen Unterhaltungsmusikkönig Sergio Mendes bis hin zur gecasteten Girl-Group No Angels, der er ein Weihnachtsalbum produzierte.

Eigentlich rieb sich niemand mehr verwundert die Augen, als Brönner zum Gesicht der ersten Castingshow-Staffeln von „X-Factor“ im deutschen Fernsehen wurde. Trotzdem rümpfte man in Jazzkreisen vermehrt die Nase, wenn sein Name fiel und warf ihm vor, dem neoliberalen Zeitgeist zuzuspielen. Dabei hat Brönner nie Ausverkauf betrieben. Das Verstören mit „Katzenmusik“, atonalen Attacken auf Geist und Seele, entsprach seinen musikalischen Idealen nie.

Seine Jazz-Sozialisierung fand unter anderem mit dem ersten Album der Pat Metheny Group statt, das nicht wie Jazz klang, aber eine bis zum Exzess melodisch ausgearbeitete Variante des Jazz war. Wenn Brönner sagt, dass sein aktuelles Album „The Good Life“ Musik für Momente ist, in denen man es sich gut gehen lässt, gibt er die Rezeption seines Schaffens vor. Wohl wissend, dass sich heute ohnehin nur noch wenige Zeitgenossen die Zeit nehmen, ganze Alben intensiv zu hören.

Musik für gute Momente

Sein gesteigertes Qualitätsbewusstsein lässt ihn letztendlich sogar zum Antagonisten werden. Die Radiolandschaft der Moderne glaube mehr denn je, Künstlern vorgeben zu können, was angesagt ist und was nicht, sagt Brönner. Er, der Polarisierende, habe sich jedoch nie vorgenommen zu spalten. Wichtig sei für ihn vielmehr immer noch das Lauschen und Umsetzen der eigenen Impulse.

Brönner als Markenzeichen ist längst etabliert. Vielleicht kann er dem Feinjustieren seines Trompetentons gerade deshalb gesteigerte Aufmerksamkeit widmen. Neben seinem derzeitigen Steckenpferd, dem von ihm mitinitiierten „Haus des Jazz Berlin“ in einer alten Münzprägefabrik an der Spree, das eine Art Bauhaus der deutschen Jazz-Kultur werden soll.

Es ist durchaus vorstellbar, dass er für dieses Projekt mit der gleichen Beharrlichkeit am Ball bleiben wird, wie er seine Karriere verfolgte. Der die Ästhetisierung der Musik nie im Weg stand. Sein Seelenzustand sei ein grundharmonischer. Der manifestiere sich entsprechend in den Platten, die er im Laufe der letzten zweieinhalb Dekaden veröffentlichte und der unzähligen Konzerte, die er spielte. „The Good Life“, das Programm, mit dem er nach etlichen Jahren auf die Burg Nideggen zurückkehren wird, ist der vorläufige Höhepunkt seiner hochmelodiösen Jazzauffassung.

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