„Tiere essen“: Probieren lohnt sich, auch für Fleischesser

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
5675869.jpg
„Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn“: In „Tiere essen“ mit Markus Weickert, Rainer Krause, Pablo Sprungala (von links) in der Kammer des Theaters Aachen ist dies wahrlich kein erstrebenswertes Ziel. Foto: Marie-Luise Manthei
5675870.jpg
Gekocht wird auch: Die Schauspieler mit Kochethnologe Arpad Dobriban.

Aachen. Während die Zuschauer Platz nehmen, wird auf der Bühne der Kammer des Aachener Theaters schon fleißig gehackt und geschnippelt. Karotten, Zwiebeln und grünes Blattgemüse landen zerkleinert in einem großen Topf. Es zischt und brutzelt vor sich hin.

Vier adrett gekleidete Männer stehen an einer frei stehenden, blitzblanken Kochzeile, die das Zentrum der Bühne bildet. Es könnte eine von diesen vielen Kochshows sein, die sich beim Fernsehpublikum so großer Beliebtheit erfreuen.

Aber natürlich sind es nicht Tim Mälzer oder Jamie Oliver, die dort mit flotten Sprüchen den Kochlöffel schwingen. Regisseur Stefan Nolte und Dramaturg Harald Wolff haben den Weltbestseller „Tiere essen“ des US-Schriftstellers Jonathan Safran Foer auf die Bühne gebracht. Keine leichte Aufgabe, aber alle Beteiligten meistern sie mit Bravour, ohne großen Rundumschlag mit der Moralkeule und – vor allem das ist bemerkenswert – unterhaltsam.

Kein Aufruf zum Vegetarismus

Rainer Krause, Pablo Sprungala und Markus Weickert schlüpfen in kurzen Abständen sehr souverän in unterschiedlichste Rollen. Dabei zitieren sie abwechselnd zielsicher ausgewählte Textpassagen aus dem Buch, in dem Foer beschreibt, wie und warum er zum Vegetarier wurde. Die rund 400 Seiten sind auch ein flammendes Plädoyer gegen Massentierhaltung und Billigfleischproduktion, deren Umstände und weltweite Folgen der Autor ausführlich recherchiert hat und schonungslos beschreibt.

Der vierte Mann auf der Bühne ist kein Schauspieler, sondern Kochethnologe Arpad Dobriban, der später die beiden Gerichte erklärt, die er während der Aufführung im Hintergrund zubereitet: Eines ist rein pflanzlich, eines besteht aus tierischen Zutaten. Und: In beiden wird verarbeitet, was heute meist im Abfall landet.

Die Inszenierung, von den Machern ausdrücklich nicht als Aufruf zum Vegetarismus gemeint, lebt von Kontrasten. Zu Beginn lümmeln sich die drei Schauspieler vor und auf der Küchenzeile, über der eine altmodische, geblümte Tischdecke liegt. Zwischen ihnen wandert ein kleiner Topf herum, aus dem sie genussvoll Häppchen essen. Es ist die Küche der Großmutter, in der der kleine Jonathan so oft sein Kindheitsgericht „Hühnchen mit Möhren“ serviert bekam. Der Zuschauer spürt: Hier herrschen Geborgenheit und Harmonie.

Ganz anders die nächste Szene, für die die Küchenzeile an den rechten Bühnenrand geschoben wurde. Nun spielt die Handlung in einem gigantischen Flügelmastbetrieb. Der Blick des Zuschauers konzentriert sich auf weiße Plastikstreifen, die als Gardinen die seitlichen und den hinteren Teil der Bühne umschließen. Foer, in dieser Szene gespielt von Pablo Sprungala, steigt mit dem Tierrechtsaktivisten Chris (Markus Weickert in T-Shirt, kurzer Hose und Turnschuhen) in die Fleischfabrik ein, um Informationen für sein Buch zu sammeln.

Ausgerüstet mit einer Taschenlampe und einer kleinen Kamera umrunden die beiden die enge Gasse hinter den Gardinenstreifen, durch die ihre Umrisse und das Licht der Taschenlampe zu sehen sind. Die Kamera schickt verwackelte Schwarz-Weiß-Bilder auf die beiden Bildschirme, die oben an der dunklen Bühne hängen (Bühnenbild und Kostüme: Mathis Neidhardt). Im Zusammenspiel mit Foers Text wirkt das eindringlich und beklemmend, ohne dass Blut fließt oder die allseits bekannten Bilder von gequälten und verendenden Hühnern aus einschlägigen Betrieben gezeigt werden.

Explizit grausam wird es zwischendurch allerdings auch. Das kann den Zuschauern nicht erspart bleiben, denn das Stück soll ja auch die Frage beantworten, woher eigentlich das Fleisch kommt, das wir essen. Und unter welchen Umständen es produziert wird. Neben erschütternden Zahlen und Fakten ist auch die Rede von Rindern, denen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird. Von Ferkeln, die ohne Betäubung kas- triert, und lebenden Hühnern, die verbrüht werden – weil es so wirtschaftlich effizienter ist.

Für Auflockerung sorgt vor allem Rainer Krause. Etwa, wenn er zu Beginn mit Hilfe einer weißen, dick gepolsterten Plüschhose samt Bürzel zum Huhn wird – gackern inklusive. Später, auf der Ranch des US-Rinderfarmers Bill Niman, gibt er eine diskussionsfreudige Kuh in Latzhose. Sprungala wird als flauschiger Golden Retriever auf allen Vieren über die Bühne geschickt. Lachen ist erwünscht, die Zuschauer sind dankbar. Ins Lächerliche gleitet aber nichts ab, die Gratwanderung gelingt.

Nach der Premiere gibt es kräftigen, wohlverdienten Applaus und einige nachdenkliche Gesichter. Die Schauspieler bekommen davon allerdings nicht viel mit. Sie warten schon im Foyer, um den Zuschauern zu servieren, was Kochethnologe Arpad Dobriban während der Aufführung zubereitet hat. Probieren lohnt sich, auch für Fleischesser.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert