Aachen - Theaterpremiere: Begeisterung für den „Barbier von Sevilla“

Theaterpremiere: Begeisterung für den „Barbier von Sevilla“

Von: Armin Kaumanns
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Ein pinkes Wunder: Hrólfur Saemundsson (Figaro, l.), Patrico Arroyo (Graf) und Cordelia Katharina Weil (Rosina) im „Barbier“.

Aachen. Wer Sonntagabend gegen halb acht über den Theaterplatz musste, wird große Ohren gemacht haben. Das ist ein Giggeln und Scherzen, ein Lachen und fröhliches Murmeln. Die Premierengesellschaft von Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ steht auf den Stufen des Aachener Theaters und trägt die überaus aufgeräumte Stimmung aus dem Saal hinaus in die Pause.

Man ist amüsiert wie lange nicht, der Opernbesuch ein einziger Spaß. So soll’s sein.

Nach diesem neuerlichen Coup muss man den andorranischen Regisseur Joan Anton Rechi, den Bühnenbildner Alfons Flores und den Kostümbildner Sebastian Ellrich im Verein mit Gioacchino Rossini als Dream-Team bezeichnen. Vor fast genau zwei Jahren hatte schon ihre „Cenerentola“ Begeisterungsstürme ausgelöst.

Enthaaren mit Spitzentönen

Jetzt also der „Barbier“ im Kleid einer Telenovela – ein Wunder. Wieder ist das ganze Ensemble wie aufgedreht, spielt und singt mit einer Lust auf jede noch so aberwitzige Pointe. Und wieder schwappt diese Euphorie mühelos über die Rampe. Am Ende des dreistündigen Spektakels grölt, pfeift, johlt der Saal, beim Erscheinen des Produktionsteams hält es das Premierenpublikum nicht mehr auf den Sitzen.

Nun ist Rossinis „Barbier“ an und für sich komisch. Der alte Sack Don Bartolo will sich durch die Hochzeit mit seinem Mündel Rosina finanziell gesundstoßen. Wird aber vom Grafen Almaviva im Verein mit Rosina und Figaro nach Strich und Faden genasführt. Rossini hat das flott in Szene gesetzt, den Sängern Dankbares und Schweres in die Kehlen geschrieben. Auch aus dem Graben tönt Unterhaltung pur. Wenn nun aber die Herren Rechi/Flores/Ellrich sich des Stoffes annehmen, wird eine Telenovela draus. Und das ist dann noch viel amüsanter.

Zur ohrwurmlastigen Ouvertüre schlägt Volker Hiemeyer mit dem Sinfonieorchester Aachen softe, fast zärtliche Töne an, bevor es dann rossinisch keck und schnurrig abgeht. Und während die Ohren sich mit differenziert feinem Wohlklang füllen, gehen die Augen beinahe über. Die junge Dame in pinkem Mini und waffenscheinpflichtigen Pumps hatte schon darauf hingewiesen: Wir sind Zeuge einer Fernsehproduktion. Das Stück heißt „Alma viva“, ist eine Seifenoper, und man klatsche bitte nur, wenn „Applaus“ eingeblendet wird.

Fernsehkameras rollen durch die Szene, Türme von Scheinwerfern beleuchten blaue Pappwände, die von Jungs in gleichblauen Ganzkörperüberzügen zum Hause Bartolo verschoben werden. Das Set ist eine Bluebox, die blauen Herren sind auf der Mattscheibe unsichtbar, gleichwohl halten sie Blumenkästen, Parkbäumchen und Straßenlaternen ins Bild.

Rossinis Diener Fiorillo (Maximilian Krummen) avanciert zum Regisseur der Szene, in der der Graf Rosina das berühmte Ständchen bringt. So überaus witzig wird das alles dadurch, dass wir hineingezogen werden in eine Szenerie, die unablässig hin- und her zappt zwischen „Action!“ und „Cut!“. Gerade noch geht Figaro einer Maskenbildnerin an die Wäsche, schon mimt er im Scheinwerferlicht den tuntigen Coiffeur. Hier ein Quickie hinterm Vorhang, da der blanke Horror beim Einstimmen einer verschnupften Sombrero-Kapelle.

Der Graf, im Spot ein Darling erster Güte, lässt in den Drehpausen die zickige Diva raushängen. Und so fort. Don Basilio, bei Rossini Musiklehrer, ist bei Rechi ein ewig betrunkener, selbstverliebter Star im stets unpassenden Kostüm. Das Finale bestreitet er als römischer Toga-Träger.

Ulrich Schneider hat an dieser Verkleidung mindestens so viel Spaß wie das gesamte übrige Ensemble. Allen voran Hrólfur Saemundsson als Figaro sprüht vor komödiantischem Talent. Die Hüftschwünge von Patricio Arroyo werden ebenso Kultstatus erlangen wie das Gestöckele von Katrin Stösel. Rechi gelingt es bei aller Ausgelassenheit jedoch immer, sich nicht zu weit von der Vorlage zu entfernen, ja gerade an der Musik entlang sein Pointenfeuerwerk abzubrennen. Wie Figaro Rosina die Beinhaare entfernt, das Wachs gerade in dem Moment abreißt, wenn sie die Spitzentöne ihrer Koloraturen erreicht, das ist ganz große Kunst.

Auch sängerisch bleiben kaum Wünsche offen. Cordelia Katharina Weil gurgelt gelenkig und wohlig timbriert die Rosina-Partie, dass es eine reine Freude ist. Arroyos Tenor schwingt sich schwerelos zu lyrischen Höhenflügen; Saemundssons Bariton passt der Figaro wie angegossen. Das ganze Ensemble nebst Männerchor besticht durch Hochform.

Der zweite Teil – bis zum Happy End ist eine weitere Intrige vonnöten – lässt das Publikum in die Röhre schauen. Als sich der Vorhang öffnet, brandet Applaus für das Bühnenbild auf, das das pinke Schlafzimmer der Bartolos im 50er-Jahre-Bildschirm zeigt. Köstliche Szenen mit Arroyo als Musiklehrer. Und während der erste Akt noch in eine tumultartige Rollstuhl-Polonaise mündete, schließt der zweite in einer ausgelassenen Macarena. Auch das Hochzeits-Outfit ist zu schön, um wahr zu sein. Rechis „Barbier“ hat sein Publikum verzaubert.

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