Aachen - „Theater wird weiter mit K geschrieben!”

„Theater wird weiter mit K geschrieben!”

Von: Jenny Schmetz
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„Wir machen das bis zum erste
„Wir machen das bis zum ersten Rollator”: „Gründungsvater” Erich Josef Langwiesner (v.l.) und die Theaterleiter Mona Creutzer, Jochen Deuticke und Annette Schmidt posieren vor ihrem Theater Foto: Harald Krömer

Aachen. Wofür das K steht? Mona Creutzer reißt die Augenbrauen hoch, rauscht vom Stuhl und hetzt zur Tür. Kann sie wohl nicht mehr hören, diese Frage. Aber auch nach 25 Jahren kommen immer wieder Zuschauer an und wollen es wissen: Warum nicht Theater A, B oder C, sondern Theater K?

Kunst, Kultur, Kommunikation, Kontroverse - passt alles. Die Theaterleiter Mona Creutzer, Annette Schmidt und Jochen Deuticke haben dazu schon viele Geschichten erzählt, immer eine andere.

Für heute hat Mona Creutzer diese auf Lager, als sie lachend zurückkehrt: „Das werde ich nie vergessen!”, meint die Schauspielerin. 1986 gingen die Einladungen zur ersten Theater-K-Premiere raus. Prompt kam der Anruf von der Stadt: „Theater K?”, Creutzer spitzt als Fräulein von der Verwaltung angeekelt die Lippen, „K steht doch nicht für Kommunismus, oder?” Worauf die Theaterchefin schlagfertig entgegnete: „Nein, aber auch nicht für Kapitalismus!”

Erschöpfend lässt sich die K-Frage wohl nie beantworten, doch die drei Ks sind trotz Krächen und Krisen auch nach 25 Jahren in Aachen sicher: „Theater wird immer noch mit K geschrieben!” Ein klasse Buchstabe, knallt schön, lädt zu kreativen Gedanken ein. Daher gibts hier zum 25. Geburtstag kein „ABC”, sondern ein kleines „KKK”.

Kaktus: Mit dem „Endspiel” fing alles an. 1985, damals waren die drei Anfang bis Mitte 20, lernten sie sich beim Schauspieltraining von Erich Josef Langwiesner kennen, der als Schauspieler am Stadttheater engagiert war. Sie spielten Beckett - und wollten mehr. Als Theater Kaktus pieksten sie erste Zuschauer auf - so viele, dass Mona Creutzer bald fragte: „Sollen wir es wagen, in Aachen als Erste ein freies Theater zu etablieren?” Eine Woche gaben sie sich Bedenkzeit, dann kam die Antwort: dreimal Ja! Zwei weitere Gründungsmitglieder gingen im Laufe der Zeit, die Drei blieben und haben es, so sagen sie, bis heute nicht bereut.

In einer ehemaligen Schreinerei in der Rudolfstraße zeigte das Theater K. (kurz und knapp, aber zunächst noch mit Punkt) am 15. Juni 1986 seine erste Produktion: „Yvonne, die Burgunderprinzessin”, inszeniert von Langwiesner. Presse und Publikum beklatschten den „großartigen Erfolg”. Aus dem Hinterhofmilieu im Osten zog es sie 1995 in die Nachbarschaft von Quellenhof und Spielcasino. Doch der angeranzte Charme der Spielstätte blieb ein Markenzeichen, nun noch anrüchiger in der früheren Striptease-Bar Bastei. Da sitzen die drei heute, blicken etwas erstaunt auf ihr Vierteljahrhundert Theaterschaffen zurück und sagen mit einem Lachen: „Erich ist an allem schuld!” Erich Josef Langwiesner sitzt daneben und sagt: „Gern!”

Kavalier: Langwiesner, selbst ein Handkuss-Kavalier alter österreichischer Schule, schickt zum Jubiläum den „Rosenkavalier” ins Liebes- und Intrigenspiel. Das Landestheater Linz hat den 61-jährigen Schauspieler „freigelassen”, damit er bei seinen alten Freunden in Aachen Regie führen kann. Ihre Arbeit hat Langwiesner weiterhin verfolgt. Sein Urteil: „Wo Fantasie professionell wird, da ist das Theater K hervorragend.”

Kellnern: Nicht nur Fantasie, auch flinke Füße waren zuerst gefragt: „Anfangs mussten wir noch kellnern gehen, um unser Leben zu finanzieren”, erinnert sich Annette Schmidt an die ersten Jahre ohne öffentliche Zuschüsse. Aber was ist das bisschen Jobben schon gegen das große Geschenk der künstlerischen Freiheit, das selbstbestimmte Arbeiten ohne die Hierarchien eines Stadttheaters!

Klappern: Dass „Der Rosenkavalier” passenderweise genau ihre 100. Produktion ist - „ein Zufall”. Dass der eigentliche Jubiläumstermin bereits verstrichen ist - ein Versäumnis. So wichtig finden sie diese Zahlen einfach nicht. Und um die fette Marketing-Maschine anzuwerfen, fehlen Personal und Geld. Meist sind 15 Leute für das Theater K im Einsatz, keiner fest angestellt, auch die drei Chefs arbeiten freiberuflich.

Dazu kommt diese (selbst-)kritische Grundhaltung: „Wir sind schrecklich schlecht darin, uns selber zu feiern”, meint Mona Creutzer. „Wir klappern einfach nicht genug.” Wenn man sie kitzelt, kommt dann doch ein wenig Eigenlob: „Schon ein bisschen stolz” ist Annette Schmidt: „Das ist echt nicht normal, dass Schauspieler ein Theater so lange leiten.” Und Jochen Deuticke ergänzt: „Wir haben für uns selbst und Aachen sehr viel Pionierarbeit geleistet” - nicht nur künstlerisch, sondern zum Beispiel auch beim Formulieren von Förderrichtlinien. Die freie Szene war für Aachen damals ja noch Neuland.

Klotz:Ausführlich gewürdigt werden die Ks von ihren Fans. So hat der rührige Vorsitzende des Fördervereins, Jürgen Lauer, akribisch recherchiert: Seine fast 400 Seiten dicke Dokumentation will er am 6. November bei einer Feier vorstellen. Der ehemalige Lehrer hat auch ganz genau nachgerechnet: 100 Stücke, 95 Autoren, 25 Regisseure, 92 Schauspieler, 432 Rollen - so lautet die K-Geschichte in Zahlen.

Kommerz steht für die Ks ganz klar nicht im Vordergrund. Aber Geld brauchen sie zum Theatermachen natürlich schon. „Eigentlich gehts so nicht mehr”, sagt Deuticke. Er muss als „Finanzminister” im K-Team „das Defizit verwalten”. Seine Feststellung hatte durch die Jahre Bestand: „Wir bekommen ein Drittel Subventionen, ein Drittel erwirtschaften wir selbst, und ein Drittel fehlt.” In den vergangenen zehn Jahren aber habe sich die finanzielle Lage auch durch sinkende Zuschüsse verschlechtert. Immerhin: Für die nächsten drei Jahre habe das Theater K Planungssicherheit: 40.000 Euro fließen jährlich von der Stadt, 18.000 Euro vom Land.

„Es geht nicht mehr” - an diesem Punkt waren die Theaterleiter in 25 Jahren immer wieder. „Das ist wie beim Dax”, sagt Mona Creutzer gelassen, „es geht rauf und runter.” Die konstante K-Lösung für jeden Engpass: „Wir sind Künstler im Improvisieren und billig Einkaufen.”

Konkurrenz:Ungern wollen sich die K-Künstler mit den anderen vergleichen. Aber offenkundig besteht da eher eine Nähe zum Stadttheater als zu Grenzland- oder Das Da Theater. Ihr intellektueller Anspruch ist groß, die Ks wollen Geschichten und Theaterformen aufbrechen, immer wieder Neues ausprobieren. Dabei haben sie kein Abo-System als Sicherheitsnetz, aber ein treues Stammpublikum, „ganz gemischt”. Und auch der Nachwuchs fehlt nicht: „Seit Aachen eine ,Elite-Universität hat, kommen auch wieder mehr Studenten”, hat Annette Schmidt beobachtet. Im Schnitt sind es rund 10.000 Zuschauer im Jahr, die 120 bis 150 Vorstellungen, inklusive Gastspielen und Ko-Produktionen, besuchen, schätzen die Drei.

Kopf:Nicht ein Intendant regiert an der Spitze, sondern das „Triumvirat” aus zwei Frauen und einem Mann. Spielen und inszenieren, Stücke und Besetzung auswählen, Programmhefte und Plakate gestalten, Bühnenbilder bauen und Karten verkaufen, verwalten und beleuchten - die Aufgaben im „Gesamtkunstwerk Theater” sind nicht fest verteilt. „Das ist bei uns alles flexibel”, sagt Annette Schmidt. „Vielleicht ein Grund, dass das schon so lange funktioniert.”

Kritik:„Wir haben einen guten Ruf außerhalb”, findet Annette Schmidt. Preise, Festivaleinladungen und Ko-Produktionen geben ihr recht. Doch in ihrer Stadt, da vermissen sie manchmal die Wertschätzung - und die Neugierde. „Das Experiment schreckt im Moment”, sagt Mona Creutzer. Da hätten sich die Zeiten spürbar gewandelt. Wenn heute das Wort „Ficken” auf der Bühne ertönt, japst der brave Bürger im Zuschauerraum. „Da leben wir doch in der Provinz.”

Kunst: Nie weiß der Zuschauer, was ihn im Theater K erwartet. Die Unberechenbarkeit ist Trumpf! Ob Sophokles oder Jelinek, ob unterhaltsam oder verstörend, ob klassisches Kammerspiel oder das pralle Bilder- und Körper-Theater von Wolfgang Franßen, der es auf 19 Inszenierungen - etwa den unvergessliche „Woyzeck” (1994) - bringt: All diese Vielfalt passt ins kleine Theater K. Nicht in einen festen Guckkasten gezwängt, sondern in immer wieder anderen Räumen oder an neu eroberten Orten: von der Burg Frankenberg bis zum Lousberg. Sogar über die Grenzen hinaus: Die Kooperation mit der Toneelgroep Maastricht soll ausgebaut werden.

Kuschelkurs:Der liegt ihnen nicht. Nicht gefällig sein, beweglich bleiben, lautet die K-Maxime auch für die Zukunft. Beim Posieren für den Fotografen sagt Jochen Deuticke belustigt: „Wir machen das jetzt bis zum ersten Rollator.” Und vermutlich ist die Aussage auch auf ihre Theaterarbeit zu beziehen. In 25 Jahren also vielleicht Rosenkavalier am Rollator oder Romeo im Rollstuhl? Klasse, kann kommen!

Bloß keine Oper: „Der Rosenkavalier”

Gewohnt ungewöhnlich wird auch die 100. Produktion am Theater K.: „Der Rosenkavalier” hat am Mittwoch, 28. September, 20 Uhr, Premiere - allerdings ohne eine einzige Note der Oper von Richard Strauss. Das Libretto Hugo von Hofmannsthals will Erich Josef Langwiesner als bitterböse Komödie inszenieren. Die drei Theaterleiter spielen natürlich auch mit.

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