Theater Aachen: Der Schlager, geliebt und gehasst

Von: Jenny Schmetz
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Jetzt am Theater Aachen, bald beim Grand Prix? Autor und Regisseur Marc Becker (rechts) mit Musiker Malcolm Kemp. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Vielleicht hätte Marc Becker seinem fünfjährigen Sohn besser nicht aus seinem neuen Theaterstück vorgelesen. Hat er aber. Und so flitzte der Kleine beschwingt durch die Kita und schmetterte den Song „Schau nicht immer so der Praktikantin auf den A-A-A-A-Arsch!“

Damit hat sein Papa keine Einladung zum Theatertreffen erhalten, aber zum Elterngespräch. Immerhin: Dass sein Stück Hitqualitäten hat, war eindrücklich bewiesen.

Ja, „ohrwurmig vom ersten Takt an – das ist auch eine Kunst“, weiß der 45-jährige Autor nun, nachdem er sich durch ein musikalisches Genre geackert hat, das ihn fasziniert, obwohl er privat auch gut ohne auskäme: Der deutsche Schlager, geliebt und gehasst, gibt in seiner Revue „Alles für Euch“ den Ton an. Becker inszeniert sie selbst für die Kammerspielbühne des Aachener Theaters.

Beim Casting würde der Mann mit den braunen Turnschuhen und dem grau-melierten Zopf eher als Experte für Stadiongesänge durchgehen. Becker ist bekennender Fußballfan, als gebürtiger Bremer schlägt sein Herz natürlich für Werder. Aber er hat hart recherchiert, versichert er. „Gnadenlos“ Alben von Andrea Berg gehört, „Musikantenstadl“ geguckt und Schlagerforschung studiert – die gibt´s wirklich. Ein Seminar zum kulturellen Phänomen des Schlagers als Spiegel der Gesellschaft und systemaffirmative Flucht in die Innerlichkeit oder so würde der Politik- und Literaturwissenschaftler sicherlich spielend hinbekommen. Wobei schon die Frage „Was ist eigentlich ein Schlager?“ gar nicht so leicht zu beantworten ist. Na ja, im weitesten Sinne irgendwie ein Hit, der Massen bewegt.

Auch Theatermusiker Malcolm Kemp hat große Unterschiede kennengelernt. So klinge etwa Udo Jürgens oder Roy Black viel raffinierter als Helene Fischer. Der 39-Jährige hat zu Hause in seinem „kleinen Studio“ 14 Songs komponiert – für die Kehle der Hauptfigur, den ziemlich abgehalfterten Schlagersänger Ralle Keuchel. Das erinnert dann auch schon mal an Rock, Techno oder Johnny Cash.

Wer jetzt an Schlagerkasper wie Guildo Horn oder Dieter Thomas Kuhn denkt, liegt wohl falsch. Denn die beiden Theatermacher betonen, dass sie das Genre ernst nehmen wollen. „Ich wollte keine Verarschungsschlager schreiben“, sagt Kemp. Und Becker stimmt ein: „Es ist nicht als Parodie gedacht. Es soll in der Schwebe bleiben.“ Manch einer mag jedoch losprusten, wenn die Schauspieler Karsten Meyer, Bettina Scheuritzel, Philipp Manuel Rothkopf und Benedikt Voellmy am Mikro schnulzen und schmalzen – alles live zur Musik vom Band. Allerdings arbeitet der „eingängige Schlagerpop“ hier „mit seltsamen Verstörungsmomenten“, findet Rothkopf. Wenn etwa die vermeintlich trivialen Texte reimend („Klischee tut nicht weh“) abdriften ins Gewalttätige und Obszöne oder der Schlagerstar, der singend die heile Welt feiert, zugekokst mit Prostituierten im Pool erwischt wird.

Zusammengehalten wird die Nummern-Revue durch eine szenische Klammer: Ralle Keuchel singt bei der Eröffnung eines Autohauses. Womit wir beim zweiten Hauptthema des Abends sind: dem Auto, für Becker „das Symbol des Kapitalismus“ und noch so ein Vehikel für Sehnsüchte aller Art („Wie ein kleiner Kurzurlaub – weg vom Selbst“). Im Autohaus Klaus kommt das laszive Autogirlie ebenso zu Wort wie der überzeugte Autogegner („Ich als Randgruppe“). Becker, selbst eher Fahrrad- als Autofahrer, kann da auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: Während des Studiums hat er bei Autohaus-Eröffnungen als „Spaßkellner“ gejobbt und dabei Thomas Anders oder Gotthilf Fischer singend erlebt. Anscheinend war das ganz schön prägend.

Ob der „Autohausschlager“ sein 15. oder gar 20. Stück ist, weiß der Dramatiker gar nicht so genau. Seinem Prinzip „Jedes Jahr ein Stück“ will er jedenfalls auch nach seiner Zeit als Hausautor und -regisseur am Staatstheater Oldenburg treu bleiben. Marc Becker gilt als „einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker Deutschlands“. Ob das stimmt? „Keine Ahnung“, sagt er norddeutsch nüchtern. „Aber ich werde nachgespielt“, klingt er dann schon stolzer.

„Was bei jährlich 300 bis 400 neuen Stücken in Deutschland schon nicht schlecht ist.“ Dass er nicht ganz so bekannt ist wie die Erstliga-Autoren Lutz Hübner oder Roland Schimmelpfennig mag daran liegen, dass er schwerer zu fassen ist. Formal hat er alles Mögliche ausprobiert, gerne satirisch: vom Terror-Mosaik „U.S.-Amok“, das vor 15 Jahren im Aachener Mörgens zu sehen war, bis zum vielstimmigen Fußballkrimi „Wir im Finale“. Das ist meist eher Sprechchor oder Textfläche als psychologisches Drama. „Ich will mir kein Label geben“, sagt der Autor bestimmt.

Rigoros ist er auch als sein eigener Regisseur. Etwa beim Streichen. 100 Minuten lautet seine Zeitvorgabe und „molto vivace“ das Spieltempo. Also: Gas geben! Das muss Becker auch als Freiberufler mit Frau und drei Kindern. Zurzeit ist er gut im Geschäft: Nach Mainz und Aachen folgen für den Regisseur Oldenburg, Linz und Marburg. Der Autor schreibt an einem neuen Stück für Kinder – über Glück. Sollte seine Karriere mal weniger glücklich verlaufen, sieht er lachend einen Ausweg: Dann tut er sich mit Kemp zusammen. „Und als Musikproduzenten hauen wir einen Grandprix-Hit raus!“

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