Aachen - Theater Aachen: Beichtstuhl wird zur Liebesgrotte der Marilyn-Venus

Theater Aachen: Beichtstuhl wird zur Liebesgrotte der Marilyn-Venus

Von: Armin Kaumanns
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Wagners Oper „Tannhäuser“ in der Kirche: Szene mit (v. li.) Hrólfur Saemundsson, Woong-jo Choi, Paul McNamara, Pawel Lawreszuk und John Zuckermanbei der Premiere in Aachen. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Der „Tannhäuser“ hat’s nicht leicht heutzutage. Diese monumentale Oper behandelt bekannter Maßen die Gewissensnöte des mittelalterlichen, deutschen, ritterlichen Titelhelden, der auf der Suche nach der wahren Liebe zwischen Orgie und, sagen wir mal: Seele hin und her gerissen ist.

So ein Sujet – zumal die Geschichte einher geht mit Pilgerreise, Verdammung und Erlösungswunder – lockte schwerlich jemanden von der gemütlichen Wohnzimmercouch ins Theater.

Wenn nicht Richard Wagner die herrliche Musik geschrieben hätte. In Aachen hat Mario Corradi die Regie übernommen, der zuletzt, mit seinem Ausstatter Italo Grassi, Verdis „Luisa Miller“ ganz ordentlich zurichtete. Für seinen Tannhäuser fackelt er nicht lange und nutzt die opulente Ouvertüre zu einer Mischung aus Bildersturm und Karneval. Da bleibt einem die Spucke weg.

Das Produktionsteam fühlt sich bei der sängerwettstreitenden Ritterrunde im Kreis der spießigen Wartburg-Gesellschaft an die katholische Kirche erinnert. Sicherheitshalber die der 50er Jahre – dazu gibt es später originale Filme vom Heiligen Jahr in Rom.

Unser Tannhäuser ist also ein Priester, dem selbst bei seinen gottesdienstlichen Verrichtungen am Altar die Reize der Elisabeth nicht verborgen bleiben, obwohl die das wandelnde Klischee der nickelbrillig keuschen Bibliothekarin abgibt. Andererseits aber hat es ihm Maria angetan, die Mutter Gottes.

Und zwar verschärft. Da bimmelt nun also im Theater Aachen vor der Ouvertüre das Sakristei-Glöckchen hell und klar, Streicher und Bläser wühlen sich farbenfroh und von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah vehement und plakativ zu großer Emotion befeuert durch die Klanggetüme, als unserem Priester im ganzen Weihrauchschwall die Madonna leibhaftig wird.

Sie steigt aus dem Retabel. Ein wallend weiß gewandeter Engel schwebt aus dem Kirchengewölbe auf unseren Titelhelden hernieder, reißt ihm das Ornat vom Leib, entschwindet mit Beute und lässt ihn allein mit der immer lebendigeren Gottesmutter-Venus. Die streift keck ihren himmelblauen Überwurf ab und hüpft als originale Marilyn Monroe im berühmten weißen Plissee-Kleid über das aufgeschlagene Messbuch, hinunter auf den berühmten U-Bahn-Schacht, der ihr Kleid wie erwartet aufbauscht, und macht sich alsdann über unseren Tannhäuser her. Fröhliches Kopulieren auf dem Hochaltar.

Wenig später wird die Kirche vollends zum Venusberg. Ein antiker Römer schwingt die Peitsche über einem Jesus, der auf dem Weg zum Ölberg sein Kreuz durch die Wartburg wuchtet, dabei die Gemeinde unter einer blutroten Schleppe verschwinden lässt.

Woraufhin aus den Säulen unverkennbar weibliche Nackedeis hervortreten und den Tannhäuser kirre machen. Der Beichtstuhl wird zur Lustgrotte. Ogottogott.

Corradi hat die Pariser Venusberg-Fassung für sein Bilder-Feuerwerk gewählt. Da sind die Harmonien schon fast über den Tristan hinaus, geradezu expressionistisch. Sanja Radisic ist eine fulminante Marilyn-Venus, sie hat viele kostbare Farben in ihrem Mezzo, der im tiefen Register allerdings forcieren muss.

Als Tannhäuser gastiert Paul McNamara erstmalig in Aachen, sein tenorales Metall glänzt edel, männlich, schön. Wenn auch nicht schwerelos, so doch überzeugend. Jedenfalls ist bei Wagner wie auch bei Corradi der Venusberg-Spuk nach einer Dreiviertelstunde vorbei. Und es kehrt eine gewisse Ordnung in die Inszenierung zurück.

Die Idee mit dem Priesterseminar anstelle der Ritterrunde ist okay. Selbst wenn die Gewissensnöte der Titelhelden etwas von „Dornenvögel“ haben. Diese medialen Querverbindungen, die Konfusion der Bilder in unserem Kopf, der (ironische) Umgang mit Ikonen und Klischees ist für Corradis Arbeit stilbildend. Dass er mit diesem (Kirchen-)Latein im Sänger-Wettstreit-Akt, gerade auch im dritten Aufzug nicht weit kommt, ist ebenfalls klar. Und es ehrt ihn, dass er es nicht mit der Brechstange versucht, sondern Sängern und Geschichte ihren Raum lässt.

Berührende Rom-Erzählung

So sehen wir zwar ab und zu noch einmal eine Marilyn aufkreuzen (passend übrigens), sonst aber gewissenhaft geführte Chormassen (Opern-, Extra- und Sinfonischer Chor singen und spielen bis auf wenige „Schreihälse“ exzellent) und ein weitgehend famoses Sängerensemble. Hrólfur Saemundsson gelingt ein berückendes „Lied an den Abendstern“. Woong-jo Choi ist ein fulminanter Landgraf in Kardinals-Tracht. McNamara steht die „Rom-Erzählung“ großartig durch, spielt sie mitreißend.

Linda Ballova verfügt über große dramatische Farben in ihrem eher metallenen Sopran, ihre Elisabeth-Partie berührt. Den erwarteten Knalleffekt am Ende des gut vierstündigen Opernabends schenkt sich die Regie. Immerhin sprießen ein paar grüne Ranken um die Säulen. Ein bisschen Kitsch muss sein. Großer Beifall, wenig Entrüstung seitens des Premierenpublikums.

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