Aachen - „The King’s Speech“: Weniger ist oft eben doch mehr

„The King’s Speech“: Weniger ist oft eben doch mehr

Von: Hermann-Josef Delonge
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Der Thronfolger auf der Therapeutencouch: Fabian Goedecke (links) und Wolfgang Mondon in „The King’s Speech“ im Aachener Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Am Ende kriegen sie sich, na klar. Bertie, der stotternde König von England, und Lionel, der freche Sprachtherapeut aus Australien. Als ziemlich beste Freunde liegen sie sich in den Armen, die Geigen schwelgen in Wohlklang. Regisseur Uwe Brandt hat dann doch noch tief in die Pathoskiste gegriffen.

Das sei ihm nachgesehen, nachdem er zuvor eine klare und konzentrierte Fassung von David Seidlers „The King’s Speech“ auf die Bühne des Aachener Grenzlandtheaters gebracht hatte. Die Inszenierung lebt von dieser Reduktion und einer starken Ensembleleistung.

Darum geht‘s: Albert, zweitältester Sohn von König George V., leidet unter seiner Sprachstörung; öffentliche Auftritte geraten zum Fiasko. Auf Vermittlung seiner Frau begibt er sich in die Hände des Möchtegernschauspielers Lionel Logue. Am Ende ist Albert König, nachdem sein Vater gestorben ist und der ältere Bruder David die Ehe mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson dem Thron vorzieht. Seine Rede am Tag, an dem das Empire Hitler und Deutschland den Krieg erklärt, wird zum Triumph.

Wie es bei Königs zugeht

Der geneigte Kinogänger hat unweigerlich Tom Hoopers oscargekrönte Verfilmung des Stoffs mit Colin Firth und Geoffrey Rush vor Augen. Gegen diesen Film anzuspielen, ist ein Wagnis. Es ist gelungen. Wir erleben, wie allzu menschlich es auch bei Königs zugeht, wie große Politik betrieben wird, wie wichtig Freundschaft ist.

Manfred Schneider hat für Brandt ein Bühnenbild gebaut, das die Möglichkeiten des Grenzlandtheaters perfekt nutzt. Ein einziges großes Zimmer, beherrscht von einem viktorianischen Kanapee, in der Mitte geteilt. Links die königliche Version mit feiner Tapete, rechts die kleinbürgerliche mit grober Holzvertäfelung.

Dieses Spiegelbild findet sich in der Personenzeichnung wieder: hier der Stotterer Bertie, ein von Selbstzweifeln und Blockaden geplagter Mann, der am Panzer der royalen Konventionen fast zu ersticken droht. Fabian Goedecke widersteht der Versuchung, eine große Stottershow abzuziehen. Er zeigt Bertie als einen verletzten, aber mit der Gabe der Selbstironie gesegneten Mann, dem eine starke Frau (bodenständig und aristokratisch zugleich: Verena Wüstkamp als Elizabeth, spätere Queen Mum) Halt gibt, der sich aber von seinem Bruder David (allen Verführungen zugeneigt: Tom Viehöfer) wie ein Depp behandeln lässt. Und dort Lionel Logue, der selbst ernannte Sprachtherapeut, der doch viel lieber Schauspieler wäre. Wolfgang Mondon liefert das Psychogramm eines Mannes, der Authentizität vor Anbiederung setzt, der aber auch schmerzlich erkennen muss, dass sein Lebenstraum, die großen Rollen auf den großen Bühnen, mangels Talent nicht in Erfüllung gehen wird. Auch er kann sich auf eine starke Frau verlassen (selbstbewusst und liebevoll zugleich: Simone Pfennig als Myrtle). Zwei Männer, die sich ihren Platz im Leben erkämpfen müssen.

Brandt grenzt den zeitgeschichtlichen Kontext der Geschichte explizit von dieser privaten Ebene ab: Durch den guten alten Theatervorhang, vor und auf dem sich die große Politik abspielt. Dafür sind Berthold Schirm als Premierminister Baldwin, vor allem aber der E-Zigarre schmauchende Boris Becker als Winston Churchill und Thomas Pohn als Ränke schmiedender Erzbischof von Canterbury zuständig. Es ist mal wieder lehrreich zu erleben, wie fließend die Grenzen zwischen pragmatischer Realpolitik und Zynismus sind.

Dass die ganze Zeit über ein Mikrofon wie ein Damoklesschwert über der Bühne hängt, ist nur ein Detail dieser fein austarierten Inszenierung. Am Ende hat es seinen Schrecken verloren. Donnernder Applaus des Publikums.

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