Aachen - „The Fiddler on the Roof“: Umjubelter Saisonauftakt im Theater Aachen

„The Fiddler on the Roof“: Umjubelter Saisonauftakt im Theater Aachen

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
13053946.jpg
Das Musical „Fiddler on the Roof“ hatte am Sonntagabend eine umjubelte Premiere im Theater Aachen: Selten hat man hier solche Menschenmassen auf der Bühne gesehen. Regisseurin Ewa Teilmans bietet auf, was nur möglich ist. Dabei geht es ihr bei aller Leichtigkeit der Inszenierung um eine schwere Botschaft: Es ist schlecht und hoffnungslos bestellt um unsere Welt. Die Bedrohung lauert überall. Foto: Carl Brunn
13053918.jpg
Er verkörpert den Tevje selbstbewusst und glaubhaft: Bart Driessen. Mit lustvollem Hüftschwung beginnt er immer wieder zu tanzen – die Hände gen Himmel gereckt. Foto: Carl Brunn

Aachen. Jetzt geht’s los. Endlich. Die neue Spielzeit am Theater Aachen hat mit einem echten Kracher begonnen, darf man resümieren nach der Premiere von Stein/Bocks Erfolgsmusical „Fiddler on the Roof“. Ewa Teilmans’ Regiearbeit greift beherzt in die Vollen, um den Jubel des Premierenpublikums zu provozieren.

Nicht Kosten noch Mühen standen offenbar der Verwirklichung dieses großen Spektakels im Weg, das nie gesehene Massen an Menschen auf die Bühne bringt, weder mit Bühnennebel noch mit Kanonendonner knausert und das Format der weltberühmten Vorlage von zweieinhalb auf satte dreieinhalb Stunden cinemascopemäßig verbreitert. Wow.

Aleppo ist überall

Irgendwie hat sich das allgegenwärtige Flüchtlingsthema in die Konzeption zur Aachener „Anatevka“ geschlichen. Jedenfalls blickt der Zuschauer von Anfang an gegen die enthäuteten Fassaden einer Ruinenstadt – Aleppo ist überall. Hier lebt ein Volk auf Koffern, denn die liegen gut sichtbar metaphorisch herum. Explosionen, Maschinengewehrsalven. Ein Geiger (toll: Benedikt Voellmy) fiddelt die schlichte Melodie, diese wenigen Töne, die in die Seele von Tevje weisen, diesem herzensguten Milchmann mit Frau und fünf Töchtern, der die Welt nicht mehr versteht. Sein Zwiegespräch mit Gott stottert im Kanonendonner.

Bart Driessen ist Tevje. Ein großer, prächtiger Mann und Bariton, der gern die Arme gen Himmel reckt, wenn er mit lustvollem Hüftschwung zu tanzen beginnt. Denn das Tanzen ist die eine Seite des Lebens in der kleinen jüdischen Gemeinde, die in Aleppo-Anatevka heimisch ist. Ewa Teilmans beschreibt deren ethnisch-religiöse Identität dank ausführlicher Recherche in einer Art Folklore-Doku, wenn sie etwa die familiären Vorbereitungen zum Sabbat-Mahl akribisch genau inszeniert. Rabbi und Musterschüler in vollem Ornat, aus der Kleidung der Männer baumeln Gebetsschnüre, man trägt Kippa. Und so fort. Alles im Dessin einer Zeit, die eine vergangene ist. Und wenn der ganze Clan zwischen die Trümmer strömt und zu tanzen und zu singen beginnt, dann haben Auge und Ohr wahrhaft viel Gelegenheit zu staunen. Alles ist gut und schön. Einerseits.

Brisante politische Lage

Denn die Bedrohung ist allgegenwärtig. Teilmans’ und das Aleppo ihres Ausstatters Andreas Becker setzt da nur eins drauf. Im Stück sind es die russischen, orthodoxen Einwohner des Städtchens Anatevka, das Militär und die politische Lage, in der Pogrome gegen Juden in der Luft liegen. Und die neuen Zeiten natürlich, in der sich Töchter nicht mehr ihre Ehemänner vorschreiben lassen wollen. Das macht ja ein Gutteil des Charmes aus, den „Anatevka“ so berühmt und erfolgreich gemacht hat: dass Tevje bei all den großen und kleinen Bedrohungen seiner auf Tradition gegründeten Welt nicht den Mut verliert und sich mit Bauernschläue, Mutterwitz und großem Herz gegen den Zusammenbruch der Welt und Werte seine Menschlichkeit bewahrt.

Bart Driessen verkörpert das alles selbstbewusst und glaubhaft. Sein „Wenn ich einmal reich wär’“ gleich zu Beginn lässt eine sonore, nah an der Sprache verortete Gesangsstimme hören, die gut in die mehr am Schauspiel als der Oper orientierte Musical-Inszenierung passt.

Den Gesangsliebhaber aufhorchen lässt der glühende Mezzo von Irina Popova, der die Rolle von Tevjes Frau wie auf den Leib geschnitten ist. Lisa Katharina Zimmermann darf als Zeitel, die älteste der Töchter, ebenfalls hohe Sangeskunst zeigen, während Soetkin Elbers und Michal Bitan als deren nächstgeborene Schwestern mit ganzem Temperament und Können nah am Musical disponiert sind. Als balzende Männer gefallen Sebastian Franz als armer Schneider Motel, Benedikt Voellmy als junger Revoluzzer Perchik, Hannes Schumacher als Russe Fedja.

Das alles ist getragen von einem mit allerlei folkloristischem Instrumentarium eingefärbten Orchester, dem Kapellmeister Justus Thorau beschwingte, manchmal geradezu rasant musizierte Klänge entlockt, bei der sich die Mitglieder des Sinfonieorchesters Aachen geradezu als Klezmorim erweisen. Dutzende von kleinen Partien sind aus dem Ensemble und dem Chor besetzt.

Perfekt bis ins Detail

Das ist eine große Kraft von Ewa Teilmans’ Arbeit, dass sie so viele Figuren so plastisch herausgearbeitet hat. Denn das häufig pompöse Gewimmel – hierzu gehört auch eine meist martialisch mit ganzem Körpereinsatz agierende Gruppe von Tänzern – hat Profil. Und der Zuschauer Spaß am Detail. Besonders an der Figur der Heiratsvermittlerin Yente. Rebecca Or, die pensionierte Chorsängerin, erweist sich mit pinkem Regenschirm und frecher Schnauze als temperamentvolle Komödiantin und als Lichtblick in diesem dann letztlich doch langen, schweren und düsteren Abend.

Ewa Teilmans ist es offenbar sehr darum angelegen zu zeigen, wie schlecht, hoffnungslos und ernst es um unsere Welt bestellt ist. „Die Welt ist aus den Fugen“, lässt sie ihren Protagonisten sagen und verwendet viel Zeit und Mühe auf bedeutungsschwangere Dialoge und theatrales Unter-die-Haut-gehen. Bei allen ausgelassen komödiantischen Momenten – wie die Hochzeitsfeier oder den Friedhofstraum, der aus „Tanz der Vampire“ stammen könnte – wirkt die eher leichte Form des Musicals wie erdrückt unter all dem, was die Regie noch sagen will.

Im Original steht am Ende so etwas wie Galgenhumor. In Aachen die Apokalypse: Nach dem kollektiven Exodus meucheln Russen den Fiddler. Dann muss aber doch noch ein bisschen Hoffnung her: Ein Sterntaler-Mädchen nimmt seine verwaiste Geige und spielt die Anatevka-Melodie des Anfangs. Kein Augenzwinkern, kein jiddischer Humor. Jubel.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert