Aachen - Tanzstück „Pandora“: Eine Berg- und Talfahrt der Gefühle

Tanzstück „Pandora“: Eine Berg- und Talfahrt der Gefühle

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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„Pandora“ im Theater Aachen: Bei der Uraufführung des Tanzstücks von Joost Vrouenraets faszinieren (von links) die Tänzerinnen Anna Senognoeva, Mami Izumi, Francesca Imoda und Roshanak Morrowatian das Publikum. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Sie sind so nah. Man sieht sie leiden und schwitzen, hört ihren Atem, nimmt sie körperlich wahr. In den Kammerspielen des Theaters Aachen kann das zu einem verstörenden Element werden. Bei seinem Tanzstück „Pandora” nutzt der Choreograph Joost Vrouenraets diesen besonderen Umstand.

Das Publikum ist berührt, erschüttert und fasziniert bei der Uraufführung des Stücks, das in Zusammenarbeit mit dem in wenigen Tagen startenden Aachener Schrittmacher-Festival gelingen konnte.

Rick Takvorian, künstlerischer Leiter des Festivals, ist nach 80 Minuten Tanz einer der ersten Zuschauer, die sich applaudierend von ihren Plätzen erheben. Vrouenraets ist ein Choreograph mit viel Erfahrung und großen Talenten. 2005 gründete er das Gotra Ballet, wurde vielfach ausgezeichnet, unterrichtet überall in der Welt und arbeitet an zahlreichen Theatern. In Aachen hat er etwa für die furiosen Tanzszenen der „West Side Story” gesorgt.

„Pandora” ist eine feine philosophische Arbeit, ein psychologisch und mythologisch fundiertes Werk, tänzerisch höchst anspruchsvoll, ja aufreibend, emotional tiefgründig und gleichzeitig publikumswirksam.

Aus der griechischen Sagenwelt

Vier Tänzerinnen, vier Persönlichkeiten: Anna Senognoeva, die Kindliche, Mami Izumi, die Unergründliche, Roshanak Morrowatian, die Klassische, Francesca Imoda, die Aufrechte. Vrouenraets wählt als grundlegendes Bild aus der griechischen Sagenwelt die Geschichte von der „Büchse der Pandora”, die allerhand Gaben über die Menschheit ausgeschüttet hat – nicht nur gute. So steht auf der in Schwarz und Weiß gehaltenen Bühne als einziges Objekt ein großer rechteckiger Kasten. Schwarz die Wände, weiß der Boden, weiß auch die zarten, von Fédérick Denis gleich und doch sehr unterschiedlich gestalteten Gewänder der Tänzerinnen.

Zu meditativen Toncollagen und Musikelementen von Loran Delforge beginnen die vier Frauen zunächst in kaum wahrnehmbaren Bewegungen, später dann in leidenschaftlich-akrobatischen Tanzelementen mit der Berg- und Talfahrt der Gefühle. Haare fliegen, werden aus dem Gesicht gestrichen, lockende laszive Weibchen, die sich nach und nach in Furien verwandeln können, Vrouenraets spielt häufig mit diesem Bild. Eifersucht brandet auf, Schreie, dann wieder Machtspiele. Wenn sie – noch immer in Formation – über die Bühne kriechen, bleiben ihre Körper in Spannung, die Blicke sind in die Ferne gerichtet. Mal zwei, mal eine, mal drei – Vrouenraets verändert fließend die Situationen, sorgt für Dynamik. Da breiten sich hilfreiche Arme aus, und plötzlich ist nur noch Kälte spürbar.

Tänzerisch ist das alles in Perfektion erzählt, Modern Dance auf der Basis klassischer Disziplin, frei und experimentell, beständig der Schönheit des Ausdrucks verpflichtet, selbst in der Wut. Atemberaubend eine Szene, bei der drei Tänzerinnen eine weitere liegend auf ihren Schultern tragen, ohne dass sie sich festhält oder die anderen nach ihr greifen. Zärtlichkeit und Brutalität, großzügige Offenheit und bissige Beschränkung des anderen sind Programm.

Gemeinschaftlich brutal

Wo sich ein neues Gefühl Bahn bricht, verfallen die Frauen in ekstatisches Zittern und Zucken, wälzen sich am Boden. Dann wieder erheben sie sich frech zu gemeinschaftlichen rhythmischen Passagen, etwa gegen Ende, wenn man sich boshaft und brutal gegen einen Unbekannten zusammentut – hier ein Zottelbär, der aus dem weißen Kasten steigt. Zunächst werden noch ein paar verlockende Posen ausprobiert, dann schlägt man zu.

Vrouenraets Stärke ist die Verdichtung von Gedanken und Gefühlen, unterstützt von Toncollagen, die man von Anfang an als Teil des Tanzes empfindet, untrennbar damit verbunden. Heftig ist eine Art „Mea-culpa-Szene”, bei der sich die Frauen mit zunehmender Intensität an die Brust schlagen und dabei wie Priesterinnen auf das Publikum zuschreiten, das die stark geröteten Hautpartien der Tänzerinnen nicht ignorieren kann.

„Pandora” ist ein in sich schlüssiges, aus starken Emotionen mit kluger Reduktion gewebtes Tanzstück, einfühlsam umgesetzt, mit Rhythmen, die den Zuschauer hineinziehen in die Träume, Sehnsüchte und Konflikte des Menschen. Früher oder später versteht jeder diese Sprache. Großer Applaus für die vier erschöpften Solistinnen, ihren Choreographen und das gesamte Team.

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