Suzanne Jerosme: Ein anderer Job kam gar nicht infrage

Von: Jenny Schmetz
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Aus Paris über London nach Aachen: Suzanne Jerosme (25) ist Stipendiatin der Theaterinitiative. In Philippe Boesmans’ Oper „Au Monde“ singt sie derzeit an der Seite von Sanja Radišić und Camille Schnoor (unten, von links), in der Hochschulproduktion von Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ war sie neben Coline Dutilleul (oben links) zu erleben. Foto: Harald Krömer
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In Philippe Boesmans’ Oper „Au Monde“ singt sie derzeit an der Seite von Sanja Radišić und Camille Schnoor. Foto: Carl Brunn
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In der Hochschulproduktion von Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ war sie neben Coline Dutilleul zu erleben. Foto: Carl Brunn

Aachen. Mit unheimlich deformierten Familien kennt sie sich bestens aus. Rein dienstlich, versteht sich. Privat ist das in ihrer Familie ganz anders, betont Suzanne Jerosme mit einem Lächeln auf den rot geschminkten Lippen. Aber dazu später mehr.

Auf der Bühne des Aachener Theaters jedenfalls singt sie schon wieder in so einer „spooky Geschichte“, wie die Französin es formuliert.

Also wieder ein rätselhafter Gruseltrip zwischen Magie und Missbrauch, und wieder ein ziemlich kurzes Röckchen: Nach der kleinen Flora in Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ spielt die 25-Jährige nun in Philippe Boesmanse_SSRq neuer Oper „Au Monde“ das Nesthäkchen einer ziemlich unangenehmen Waffenhändler-Familie. Und dabei produziert sie Töne, die im Publikum äußerst wohlige Schauder erzeugen.

Schon ihr Britten-Casting für die Hochschulproduktion fand das Auswahlgremium um Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck so umwerfend, dass es erstmals gar kein gesondertes Vorsingen für das Stipendium der Theaterinitiative mehr gab: Suzanne Jerosme bekam es – ohne Diskussionen. Jetzt kann die Noch-Studentin eine Saison lang im Aachener Theater Profiluft schnuppern (siehe Kasten).

Wie man den Überblick behält

Im Erfolgsmusical „West Side Story“ hat sie das nun schon dreimal gemacht – in der Hauptpartie der Maria, anfangs sozusagen am Händchen ihrer Sopran-Kollegin Camille Schnoor. Denn durch die „West Side Story“ wuseln rund 40 Tänzer, Sänger, Schauspieler und Statisten. In dieser Mega-Produktion könnte man als Anfängerin vielleicht mal den Überblick verlieren.

Da hat Camille Schnoor, die vor drei Jahren selbst noch Stipendiatin war und in Aachen seitdem nicht nur als Maria gefeiert wurde, ihre Landsfrau auf speziellen Wegen hinter der Bühne und von Kostümwechsel zu Kostümwechsel geführt. Denn die Wiederaufnahmeproben boten für den Neuling gar keinen Durchlauf, sagt Camille Schnoor. „Schon eine Zumutung“, findet sie. Aber Suzanne Jerosme spricht da lieber von einer „sehr guten Erfahrung“. Offenbar ein sehr realistischer Einstieg in den Opernbetrieb.

Dass die gebürtige Pariserin irgendwann auf der Bühne landen würde, war irgendwie abzusehen. Bei der Familie! Also, ihrer ganz privaten. Der Opa, ein Opernfan, hat die Fünfjährige mit einem Video von Mozarts „Zauberflöte“ auf den Geschmack gebracht. Die Mutter ist Jazzsängerin und der Vater Schauspieler, der in TV-Politsatiren auch schon Sarkozy- oder Chirac-Puppen seine Stimme lieh, dazu kommen ein Pianisten-Onkel und eine Oma und zwei Opas, die am Dirigentenpult reüssierten.

„Wir hatten keine Chance, einen anderen Job zu ergreifen“, sagt Suzanne Jerosme und lacht. Auch ihre beiden jüngeren Schwestern, 23 und 21 Jahre alt, wollen das Singen zu ihrer Profession machen, die eine in der Oper, die andere im Musical. In der „West Side Story“ haben die zwei ihre ältere Schwester schon gesehen. Und danach Kritik geübt? „Nein, die sind very lieb!“, sagt Suzanne Jerosme, die im Gespräch Deutsch, Englisch und Französisch mixt.

Da können ihre beiden Bühnen-Schwestern in „Au Monde“ schon gemeiner sein. Eine davon spielt Camille Schnoor, die ganz privat wiederum ihre Kollegin mit Lob überschüttet. Sie sei auch schon „eine sehr gute Freundin“ geworden. Die Gepriesene selbst ordnet ihre Stimme eher nüchtern zwischen Soubrette und lyrischem Sopran ein, die Kollegin spendet Beifall für Wärme und „absolut wundervolle Piani“, „Können gepaart mit Bescheidenheit“.

Ebenso schwärmt die Vorsitzende der Theaterinitiative, Ingrid Böttcher, die stolz ist, dass man schon so viele erfolgreiche Talente fördern konnte. So wird Camille Schnoor kommende Saison einen schönen Karrieresprung ins Ensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters machen.

Weihnachten in „ihrer Stadt“ Paris

So weit ist es für Suzanne Jerosme allerdings noch nicht: Ende des Jahres will sie erst mal ihr Masterstudium an der Musikhochschule in Köln und Aachen abschließen. Die finanzielle Hilfe durch das Stipendium kommt ihr sehr gelegen, zumal sie noch Studiengebühren an die Guildhall School of Music and Drama in London nachzahlen muss.

„Jetzt konnte ich meinem Vater sagen: Du brauchst mir kein Geld mehr zu geben.“ Obwohl die Erfolgsaussichten in ihrem Job sehr vage sind, haben sie ihre Eltern „immer voll unterstützt“, betont die Sängerin. Ihr Vater kommt nun nach Aachen, um sich „Au Monde“ anzuschauen und seine Tochter am kommenden Sonntag auch im Weihnachtskonzert zu erleben.

Dann freut sich Suzanne Jerosme darauf, Weihnachten zu Hause zu feiern – in Paris. In „ihre Stadt“ wollte sie nach den Attentaten vom 13. November am liebsten sofort eilen. Aber das war wegen der Proben nicht möglich. Auf der Bühne flimmern über den Fernseher der Waffenhändlerfamilie in „Au Monde“ nun Bilder aus der Terrornacht.

Die Pariserin kennt die Tatorte natürlich sehr gut, ihr Bruder – kein Sänger, sondern ein DJ – hat beim Angriff auf die Konzerthalle „Bataclan“ eine Kollegin verloren, erzählt sie. Aber sie habe keine Angst. „Ich will nicht anders leben als bisher.“ Also Heiligabend zur Mutter, danach zur Familie des Vater, und am 28. Dezember wird die zierliche Frau noch ihren 26. Geburtstag gefeiert. Das Programm bis ins neue Jahr steht schon fest: „Wir werden zehn Tage nur essen!“

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