Süßer Grusel: Cecilia Bartoli besingt die Kastrate

Von: Esteban Engel, dpa
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Berlin. Zwitter, Eunuchen, Monster - über Jahrhunderte mussten Kastrate wüste Beschimpfungen und schlimme Vorurteile erleiden. In der Barockzeit wurden Jungen verstümmelt, mit ihren künstlich hochgezüchteten Stimmen traten sie auf den Opernbühnen in Frauenrollen auf.

Den tausenden musikalischen Opfern hat Starsängerin Cecilia Bartoli mit „Sacrificium” jetzt ihre neue CD gewidmet.

„Allein in Neapel wurden im 17. und 18. Jahrhundert jedes Jahr schätzungsweise 4000 Jungen kastriert”, empört sich die Mezzosopranistin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Wie am Fließendband wurden in Europas Musikhauptstadt den Knaben aus ärmsten Verhältnissen die Hoden zerschmettert oder die Samenleiter gekappt. Das Opernpublikum war begeistert: „Evviva il coltellino”, es lebe das Messerchen, riefen die Zuhörer den Kastraten im Theater zu.

Zehn Jahre lang suchte die Italienerin in Archiven nach den Spuren von Kastraten - und wurde vor allem bei Nícola Porpora (1686-1768) fündig. Der Gesangslehrer und Unternehmer managte die Boygroup des Barock: Mit Farinelli, Cafarelli, Salimbeni, Appiani und Porporini hatte der Neapolitaner die berühmtesten Kastraten unter Vertrag. Mehr als ein Dutzend Arien aus Porporas Feder, aber auch des preußischen Hofkomponisten Carl Heinrich Graun oder von Georg Friedrich Händel hat die Römerin Bartoli aufgenommen.

Der Aufstieg der Kastraten begann spätestens, nachdem 1668 Papst Clemens IX. bei hoher Strafe „Weibspersonen” als Sängerinnen unter Verdikt stellte und sie von den Bühnen verbannte. Schon Jahrhunderte vorher hatten Männer die Sopran- und Altstimmen im Kirchgesang übernommen - später dann auch immer mehr Kastrate.

Mit dem brutalen Eingriff wurde die Produktion von Sexualhormonen und Keimzellen unterbunden. Dadurch wird der Stimmbruch der Jungen unterbunden, aber auch die Knochenverhärtung verzögert. Aus der blutigen „Casting-Show” erhofften sich die Menschen aus dem Hinterland Neapels einen Ausweg aus bitterer Armut.

Virtuosität und Stimmenpracht versprachen sich Geschäftemacher und Musiklehrer von den „Engeln wider Willen”, wie Autor Hubert Ortkemper seine „andere Operngeschichte” nannte. Bald belieferte Neapel ganz Europa mit den singenden Knaben. Die Adligen suchten in den Kastraten den ultimativen Musik-Kick. „Die Italiener waren die einzigen, die sich in den Kopf setzten, die Musik auf Kosten der Nachkommenschaft auszuüben”, schrieb 1780 ein französischer Beobachter.

Auch „la Bártoli” konnte sich dem süßen Grusel der Frauenstimmen aus Männerkehlen nicht entziehen. Es sind Stücke aus Opern mit Namen wie „Siface”, „Sedecia” oder „Semiramide”. Sie kreisen um Tugenden, antike Könige und Mythengestalten. Mit ihren Wahnsinnskolloraturen schwingt sich die Römerin unter Begleitung des Barock-Ensembles Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini über drei Oktaven empor, stürzt dann hinab, holt tief Luft, flüstert, gurrt und durchläuft dabei das ganze Gefühlsregister - von himmelhochjauchzend bis hochbetrübt. „Das ist meine bisher schwierigste Produktion”, sagt Bartoli, „diese Musik geht bis an die Grenzen”.

Die Italienerin hat ein Händchen für Klassik-Hits mit Niveau - und alles spricht dafür, dass auch diese Platte ein Renner wird. Auf dem Cover räkeln sich nackte Männerskulpturen in Stein, gekrönt von Bartolis Kopf - ein bizarrer Anblick für eine bizarre Geschichte. Als sichere Bank für das Label Decca aus dem Musikkonzern Universal kann sich Bartoli ihre Eskapaden leisten.

Mit ihrer Salieri-CD machte „la Bartoli” den Mozart-Widersacher populär, Vivaldi-Arien wurden mit ihr zu Ohrwürmern und mit „Opera proibita” verpasste sie elegant den einst doppelzüngigen Päpsten und Kardinälen in Rom, die zwar Opern auf den Index setzten, sich aber selber dem Musikgenuss hingaben, einen eleganten Seitenhieb.
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