Aachen - Suermondt-Ludwig-Museum präsentiert Porträts aus der Fricke-Sammlung

Suermondt-Ludwig-Museum präsentiert Porträts aus der Fricke-Sammlung

Von: Eckhard Hoog
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„Blicke, die bleiben. Fotografische Porträts aus der Sammlung Fricke“: So heißt die Ausstellung im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, die heute um 19 Uhr eröffnet wird und bis zum 14. Januar 2018 dauert. Ausgewählt aus weit über 1000 Aufnahmen hat Kuratorin Sylvia Böhmer rund 100 Porträts aus 119 Jahren – viele berühmte Gesichter finden sich darunter, aber auch völlig unbekannte Menschen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wie sich die Zeiten, die ästhetischen Maßstäbe und künstlerischen Ideale doch ändern: Als die Berliner Fotografin Lotte Jacobi 1938 der amerikanischen Zeitschrift „Life“ eine Aufnahme von Albert Einstein anbietet, lehnt sie das ab. Begründung: „Viel zu unkonventionell für so einen berühmten Physiker und Nobelpreisträger.“

Einstein in lässiger Lederjacke, mit wirrem Haar und trübem Blick auf einem Sessel sitzend – als Porträt? Unmöglich! Heute ist das Bild neben seiner berühmten „Zunge raus“ nicht nur eine der bekanntesten Darstellungen Einsteins, sondern geradezu eine Ikone der Fotografiegeschichte.

Das Foto ist Teil einer grandiosen Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, die am Freitag um 19 Uhr eröffnet wird: „Blicke, die bleiben. Fotografische Porträts aus der Sammlung Fricke“.

Entwicklung der Porträtfotografie

Rund 100 vorwiegend Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus einem Zeitraum von 1898 bis 2017 führen hier auf spannende Weise mit besten Beispielen die Entwicklung der Porträtfotografie in all ihren Facetten vor Augen. Allein die Qualität war für Kuratorin Sylvia Böhmer für ihre Auswahl ausschlaggebend, so kommt es, dass sich die portugiesische Fischersfrau neben Konrad Adenauer und dem Dalai Lama wiederfindet.

In mehr als 40 Jahren haben Christiane und Karsten Fricke eine fantastische Fotografie-Sammlung zusammengetragen – mit Arbeiten von rund 150 Fotografen. Dazu gehören Sach- und Landschaftsaufnehmen ebenso wie Porträts und allerfeinste Beispiele des Bildjournalismus.

So gab es bereits 2013 im Suermondt-Ludwig-Museum eine Ausstellung zum Thema „Aufbrüche – Bilder aus Deutschland“. In dem Jahr hat das Paar die kostbare Sammlung dem Haus als Dauerleihgabe überlassen. Deren beste Kennerin, Sylvia Böhmer, präsentiert nun 100 Porträts teilweise chronologisch und thematisch wohlgeordnet.

Die Aufnahmen aus der Steinzeit der Fotografie sind noch schwer geprägt von einem Minderwertigkeitskomplex der Akteure: Um als Künstler wenigstens halbwegs ernst genommen zu werden, orientieren sie sich wie Frank Eugene Smith 1898 noch stark am Vorbild der Malerei. Seine hübsch inszenierten, weich gezeichneten Porträts von schönen Damen könnten genauso gut mit dem Pinsel entstanden sein.

Ganz anders in den 20er Jahren der deutsche Fotograf August Sander. Berühmt geworden ist er mit seiner Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Darüber hinaus begann er, ein Mappenwerk über die Deutschen anzulegen, das die Gesellschaft der spätwilhelminischen Ära und der Weimarer Republik in all ihren Facetten porträtieren sollte. Erst sein Sohn Gunther konnte das Werk veröffentlichungsreif vollenden. Aus der Serie finden sich Aufnahmen von Martha und Nelly Dix, Frau und Tochter von Otto Dix, sowie Straßenarbeiter – porträtiert ganz im Stil der Zeit: Die Herrschaften posieren erhaben neben und auf ihrer Dampfwalze, die Insignien ihres Handwerks stolz präsentierend – Hacke und Schaufel.

Wiederum ganz anders fast zur gleichen Zeit – Lotte Jacobi, geradezu revolutionär in ihrer Porträt-Auffassung: Die Schauspielerin Lotte Lenya, 1928 die Jenny in der Uraufführung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“, setzt sie in Szene mit durchdringendem Blick und brennender Zigarette, Accessoire eines neuen Typs von Frau.

Die „Deutschen in West und Ost“

Ähnlich wie August Sander widmete Stefan Moses eine ganze Serie den „Deutschen in West und Ost“, allerdings bannte er seine Protagonisten nicht in ihrem Arbeitsumfeld mit der Kamera, sondern ließ sie sich selbst vor nichts als einem grauen Leinentuch inszenieren. So auch ein Brautpaar 1963 in Köln – ein herrlich ungleiches Unikum: Sie im weißen Kleid mit Schleier, ein rundes, kleines, älteres Schätzchen, Losverkäuferin im Schatten des Doms, er ein schmaler hochgewachsener Kerl. Und auf jeden Topf passt eben doch ein Deckelchen – ein humorvolles Foto, das das Leben selbst geschossen hat. Von Nachdenklichkeit und Gefühlen tief geprägt: Stefan Moses’ Darstellungen von Menschen in seiner Serie „Deutsche Emigranten“.

In Aachen entstand eine Serie von Loredana Nemes 2014 während des Karnevals vor dem Rathaus: Dort spannte sie ein schwarzes Tuch auf und bat kostümierte Karnevalisten, davor wie auf einer Bühne für die Kamera zu posieren. Und inmitten des ganzen Trubels ergaben sich wie von selbst stille, einfühlsame, zeitlose Porträts mit vollkommen irritierender Wirkung. Wie ein Mädchen von Velázquez’ Hand erscheint das versunken dasitzende Mädel in seiner unwirklich prachtvoll-barocken Verkleidung. Und spielt auch noch versonnen mit den Händchen – die Fotografin beweist den perfekten Blick für den Augenblick.

Hochsensibel und sehr persönlich, offenbar entstanden in vollkommener Vertrautheit und Offenheit: Robert Lebecks Porträts von Romy Schneider. Berühmte und völlig unbekannte Menschen stehen nebeneinander – bisweilen skurril oder ehrwürdig, charismatisch oder unscheinbar.

Joseph Beuys mit dem Beil auf dem Ledersofa, festgehalten von Robert Lebeck, hypnotisierend blickend der Dalai Lama, aufgenommen von Walter Schels, fremd und doch persönlich nah der Beduine aus der Sahara, porträtiert von Horst Hahn – Individuen, die über sich selbst hinaus Auskunft geben über ihren kulturellen Hintergrund.

Christiane Fricke hat über jeden Einzelnen der Porträtierten eine Kurzbiografie verfasst – der Ausdruck ist im Museum erhältlich.

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