Suermondt-Ludwig-Museum: Kunstkrimi um Monet führt nach Moskau

Von: Eckhard Hoog
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Selbst Detailaufnahmen des impressionistischen Werks hat der Mittelsmann aus London geschickt: Sie sollen die Echtheit belegen. Foto: anonym
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Erstmals gibt es taufrische Abbildungen von dem seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Monet-Bild „Tauwetter“ aus dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum: Hier hält es eine vermutlich ältere Dame in Moskau, der es zurzeit gehört, vor die Kamera – ohne Kopf, um nicht erkannt zu werden. Ein Mittelsmann – russischer Kunsthändler in London – hat es dem Aachener Museum für eine Million Euro zum Kauf angeboten. Foto: anonym
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Claude Monet: Die Signatur des Meisters ist bei dieser Ausschnitt-Aufnahme bestens zu erkennen. Foto: anonym

Aachen. Ein Aachener Beutekunst-Krimi, der in den Wirren des Zweiten Weltkriegs begann und um den sich bereits einige ziemlich kuriose Noten ranken, findet eine überraschende Fortsetzung.

Eines der wertvollsten Bilder aus dem Suermondt-Ludwig-Museum, das unmittelbar nach 1945 auf Nimmerwiedersehen verschwand, ist jetzt wieder aufgetaucht – und das mit nie gesehenen, taufrischen Abbildungen bis ins Detail: das Gemälde „Tauwetter“ von Claude Monet.

Die derzeitige Besitzerin ist eine ältere Dame mit Wohnsitz Moskau. Sie weiß aber offenbar sehr genau, wem das Werk tatsächlich gehört: Sie hat das Bild dem Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums, Peter van den Brink, zum Kauf angeboten. Über einen Mittelsmann: einen russischen Kunsthändler in London. Die Preisvorstellung: eine Million Euro.

Die mit der Offerte gelieferten Fotos sind nicht ohne einen gewissen Witz: Die Dame hält das Bild vor die Kamera und hat sich selbst dabei ablichten lassen – allerdings ohne Kopf, wohl um nicht erkannt zu werden. Dafür ist die Signatur „Claude Monet“ im Detail bestens zu erkennen, ebenso die Farbstruktur.

Der Museumsdirektor ist selbstverständlich hocherfreut, meint allerdings: „Das Preisangebot kommt mindestens drei Schritte zu früh. Zuerst müssen wir mal feststellen, ob es sich tatsächlich um unseren Monet handelt.“ Das heißt: Die eingehende Überprüfung und Vergleiche mit eigenen, älteren Abbildungen sind unausweichlich. Schließlich hat das Werk spätestens seit 1942 kein hiesiger Sachverständiger mehr gesehen.

Dann: „Handelt es sich dabei überhaupt um einen Monet?“ Selbst diese Frage hält van den Brink nicht selbstverständlich für geklärt. Also: „Ich müsste es mir erst mal aus der Nähe ansehen – mit einem Restaurator an der Seite.“ Und dann wäre auch noch Moskau an der Reihe, eine Ausfuhrgenehmigung zu erteilen – viele Hindernisse auf einmal.

Monets „Tauwetter“: 44 Zentimeter hoch, 55 Zentimeter breit, 1926 gestiftet von dem Aachener Unternehmer Franz Monheim, Vater von Irene Ludwig. 1942 wird es wie die Mehrzahl der Werke des damaligen Suermondt-Museums in der Albrechtsburg in Meißen ausgelagert und kehrt 1961 nicht wie das Gros der Bilder nach Aachen zurück. Hier vermutet man seither, dass es ein sowjetischer Soldat in Meißen mitgehen ließ, und schreibt das „Tauwetter“ mehr oder weniger ab.

Dann die erste überraschende Wende: 2002 erreicht das Suermondt-Ludwig-Museum ein geradezu absurd erscheinendes „Lebenszeichen“ des Monets: übermittelt ausgerechnet von einem dubiosen „Honorarkonsul der Republik Botswana“ in Moskau namens M. Petrow. Er behauptet in einem Brief, das Bild in der russischen Hauptstadt gesehen zu haben und fragt nach weiteren Informationen über das Werk. Museumsmitarbeiterin Christine Vogt schreibt zurück, dass in Aachen keine weiteren Infos existieren.

Post vom Puschkin-Museum

Monate später flattert ein Brief aus dem Moskauer Puschkin-Museum herein, diesmal interessiert sich eine Eugenia Georgiewskaja für das „Tauwetter“ – offenbar im Auftrag Petrows. Sie stellt zwei Fragen: Ob das Bild in Aachen als echtes Monet-Werk gegolten habe und welche weiteren Bilder zur Sammlung Monheim gehörten. Das Museum muss ihr mitteilen, dass das Gemälde nie wirklich erforscht worden ist.

Im Dezember 2004 gibt Petrow dann selbst in einem weiteren Schreiben an, er habe das Bild gekauft. Aber er weiß offenbar auch, dass das Aachener Museum immer noch berechtigterweise Anspruch auf den Monet erhebt; es ist im Art Loss Register eingetragen, einer international zugänglichen Liste verschollener oder geraubter Kunstwerke.

Petrow bietet an, dem Aachener Museum das Bild zukommen zu lassen. Offensichtlich kann er es nirgendwo verkaufen. Gegen eine „Compensation“ sei er dazu bereit. Museumsdirektor Peter van den Brink geht kurz nach seinem Antritt in 2005 darauf ein und schlägt vor, sich zusammen mit Experten mit Petrow in Moskau zu treffen. Doch der Kontakt bricht ab. Petrow meldet sich nicht mehr.

Zehn Jahre später: London calling. Van den Brink indessen ist skeptisch, dass Moskau die Ausfuhr des Monets überhaupt genehmigen würde. Soeben zurückgekehrt von der Zehnjahresfeier des Deutsch-Russischen Museumsdialogs in Berlin, führt er ein Beispiel an, das dort heiß diskutiert wurde: Erben eines russischen Offiziers, der damals eine private Bremer Zeichnungssammlung entwendet hatte, sind willens, das Konvolut zurückzugeben. Indessen: Moskau hat sein Veto eingelegt.

Ein letztes Hindernis für die Rückkehr des „Tauwetters“ nach Aachen: der Preis. „Ich würde erst einmal Sotheby‘s oder Christie‘s bitten, den Wert zu schätzen“, erklärt van den Brink. Zwischen zwei und fünf Millionen Euro erzielten solche kleinere Werke des französischen Impressionisten für gewöhnlich. Allenfalls zehn Prozent davon könnte man der Moskauer Dame anbieten. Van den Brink: „Es handelt sich schließlich nicht um einen Ankauf – verkaufen lässt sich das Bild ja nach wie vor nicht –, sondern um Finderlohn.“

Bei Stiftungen und anderen Förderern, bei denen das Geld eingeworben werden müsste, gelte die stillschweigende Vereinbarung, „Finder“ mit zehn Prozent des Marktwertes einer solchen „Fundsache“ zu entlohnen. Das könnten demnach bis zu 500.000 Euro sein – die wären erst einmal zusammenzubekommen. Und die „Finderin“ müsste auch noch einverstanden sein. Allerdings hätte sie eigentlich keine Wahl: Das Bild ist weltbekannt – und damit unverkäuflich!

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