Aachen - Suermondt-Ludwig-Museum: Heiliger Josef als alleinerziehender Vater

Suermondt-Ludwig-Museum: Heiliger Josef als alleinerziehender Vater

Von: Eckhard Hoog
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Mit dieser Weihnachtsszene verbindet sich eine besondere Geschichte: Restaurator Michael Rief hat sie uns erzählt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Heilige Josef – er wirkt verlassen. Maria ist verschwunden, mit ihr Ochs und Esel. Immerhin: Sechs lockige Engel und zwei lustig behütete Hirten leisten ihm am Bettchen des frisch geborenen Heiland-Babys munter Gesellschaft.

Aber Vater – eigentlich, wie wir alle wissen, der „Ziehvater“ – hat offensichtlich vorgesorgt und scheint mit seiner prekären Situation ganz gut zurecht zu kommen: Auf dem Treppenabsatz zu seinen Füßen steht eine Pfanne mit frisch bereitetem Brei – ob der Kleine allerdings solch eine schwere Speise schon verträgt? Der liegt wohlig in einer aus Holzresten von einem womöglich frühen Baumarkt der Geschichte zusammengenagelten Krippe – Josef ist schließlich Fachmann, aber arm.

Ein Stück Eichenholz

Die ganze Szene besteht aus Eichenholz, tatsächlich aus einem einzigen Stück geschnitzt – die vermeintlichen Holzreste der Krippe sind ebenso täuschend echt dargestellt wie die Nägel, die sie zusammenhalten.

„Das war schon ein ordentlicher Kaventsmann, der Stamm“, befindet Michael Rief, Restaurator am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, voller Anerkennung für den bislang noch unbekannten Meister, der diesem recht gewaltigen Holzbrocken solch feine Figuren abgewinnen konnte. Das Objekt ist im Grunde eines der Glanzstücke des Hauses – doch um tatsächlich auch so auszusehen, muss es noch unter die Hände versierter Restauratoren kommen.

Und das kostet! Vielleicht öffnen sich jetzt zu Weihnachten großzügig Herz und Börse eines oder mehrerer Kunstfreunde in der Region. Schließlich hat das gute Stück auch noch unzweifelhaft einen direkten Bezug zu Aachen und seiner religiösen Geschichte . . .

Aber als erstes stellt sich hier doch diese Frage: Wollte der Schnitzer tatsächlich in jenen frühen Tagen, an der Wende zur Neuzeit, bereits das Modell eines alleinerziehenden Vaters am prominenten Beispiel quasi präjudizieren? Rief lacht amüsiert, nachdem er das Gerücht uns gegenüber spaßeshalber selbst in die Welt gesetzt hat. „Natürlich nicht“, sagt er.

Maria, Ochs und Esel – die gehörten selbstverständlich einst ganz fest mit dazu in dieser Weihnachtsszene eines spätmittelalterlichen Altarschreins – wo aber mögen sie hin sein? Über das Verschwinden kann man heute nur spekulieren: „Wahrscheinlich wurden die einzelnen Figuren einfach verkauft.“ Das muss wohl öfters vorgekommen sein – Respektlosigkeit machte zu allen Zeiten auch vor Maria kein Halt.

Im Januar knöpfen sich die Experten der niederländischen Stichting Restauratie Atelier Limburg (SRAL) – ein Ableger der Universität Maastricht – die heilige Teilfamilie erst einmal liebevoll vor, um die Kosten einer Restaurierung abzuschätzen. „Vierstellig“ dürfte der Betrag ausfallen, meint Rief.

Eine dendrochronologische Untersuchung – die Auswertung von Jahresringen zur Altersbestimmung von Holz – hat bereits stattgefunden. Ergebnis: In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Eiche geschlagen, wahrscheinlich im Spessart oder im südlichen Münsterland. Und zwischen 1480 und 1506 wird sich der Meisterschnitzer wohl ans Werk gemacht haben. Aus den Niederlanden muss er gestammt haben, da ist sich Rief sicher. Im Elsässischen, wie in den 70er Jahren noch als Ursprungsgegend angenommen, da schnitzte man nicht in Eiche, eher in Nussholz oder Linde.

Die Geschichte nahm nach Mariens Verlust noch in anderer Hinsicht einen schlechten Verlauf. Irgendein ahnungsloser Küster irgendeiner Kirche – Rief: „Typisch, das kam auch häufiger vor“ – sagte sich dann: „Da malen wir mal was drüber.“ Und aus war‘s mit der originalen Vergoldung – die verbirgt sich heute unter einer braunschwarzen Farbsoße.

1907 kam das Stück in die Sammlung des damaligen Suermondt-Museums, von der Stadt Aachen erworben zusammen mit der Sammlung des Kölner Restaurators Richard Muest. „Zehn Jahre später wurde fast die Hälfte davon wieder verkauft“, sagt Rief. Und das ist zum Weinen: „Viele der Stücke befinden sich heute in Los Angeles oder im Bayerischen Nationalmuseum.“ Allerdings ist ja noch genug da – Michael Rief tröstet sich mit einem Bonmot: „Wir sind zwar in der Provinz, aber nicht provinziell!“

Als „Kindlbreiszene“ ist das Motiv des besorgten Josef mit seinem gekochten „Müslein“ in die Ikonographie der mittelalterlichen Weihnachtskunst begrifflich eingegangen. Derlei pittoreske Details finden sich natürlich ebenso wenig im Evangelium wie der geflochtene Korb mit seiner absolut Aachen-bezogenen Besonderheit: Da schauen doch tatsächlich unter dem ein wenig geöffneten Deckel die Windeln Jesu heraus – das sind die Hosenbeine des Josef, die der fürsorgliche Ziehvater mangels Pampers zum bekannten Zwecke geopfert hat. Josef zieht seine Beinkleider aus – ein Bildmotiv, das sich mehrfach findet im 15. Jahrhundert. In diesem Fall ist das Auskleiden bereits geschehen.

Originale im Aachener Dom

Und wo befinden sich die textilen Originale seit Alters her? Richtig! Im staufischen Marienschrein in der gotischen Chorhalle des Aachener Doms – seit dem Mittelalter alle sieben Jahre zur Heiligtumsfahrt öffentlich gezeigt. Die römische Kaiserin Licinia Eudoxia hatte die heiligen Windeln im Jahr 445 in Jerusalem erworben. Eine Hälfte ging später nach Rom, die andere als Geschenk an Karl den Großen.

„Gottvater auf der Erde“, erklärt Michael Rief das Bildprogramm dieser Art mittelalterlicher Schnitzerei, „ das wollte man einfach vermenschlicht sehen, mit Details aus dem alltäglichen Leben, auch wenn die im Evangelium gar nicht vorkommen.“ Und heute stirbt die Hoffnung ganz zuletzt – auch wenn es unwahrscheinlich ist: „Vielleicht finden wir ja noch die passende Maria und können für eine Familienzusammenführung sorgen . . .“

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