Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ in Aachen: Gag folgt auf Gag

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
14591550.jpg
„Ariadne auf Naxos“ im Theater Aachen: Szenenbild mit (von links) Makudupanyane Senaoana, Pawel Lawreszuk, Marielle Murphy, Irina Popova, Patricio Arroyo und Michael Terada. Foto: Carl Brunn

Aachen. Der Grat, der zwischen Humor und Klamauk verläuft, ist bisweilen schmal. Und der kleinste Fehltritt kann zu jähem Absturz führen. Der gebürtige Andorraner Joan Anton Rechi der inzwischen an bedeutenden Opernhäusern Europas inszeniert, fühlt sich nach überbordend witzigen Arbeiten in Aachen („Cenerentola“, „Barbiere“) offenbar so wohl im Ensemble, dass er hier auch Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ auf die humoristische Spitze treibt. Was das Aachener Publikum nach der Premiere zu Beifallsstürmen hinriss.

Wenig Respekt

Allzu großen Respekt vor der geballten deutschen Intellektualität, wie sie Strauss und Hofmannsthal im zerbröselnden Kaiserreich darstellten, zeigt Rechi nicht gerade. Im Gegenteil: Er hinterlegt all die kleinen und großen, in so unvergleichlich süße Töne gekleideten Wahrheiten über das Wesen der Musik, die Natur der Liebe und was noch so in dieser zwei Stunden währenden Turbulenz verhandelt wird, mit teils geradezu unverschämt deftiger Ironie zu hinterlegen.

Da verströmt die Ariadne ihr tiefschürfendes Todes-Arioso, während die drei Nymphen im Hintergrund einen Zickenkrieg vollführen; bei der Musik-Arie des Komponisten, am Ende des Vorspiels bedeutsam an die Rampe verlegt, vollführen Hampelmänner ein Guckuck-Spiel mit dem geschlossenen Vorhang. Und so fort. Bedeutung ist Rechi immer einen Gegen-Gag wert.

Dies Regiekonzept wandelt, wie gesagt, am Abgrund. Aber das tut die „Ariadne“ ja auch. Die Gegensatzpaare Kunst/Kommerz, Tod/Liebe, Ernst/Spaß sind hier ja schon fast prototypisch ineinander verwoben, gegeneinander ausgespielt. Und das ist ja das Ungeheure der Partitur, dass das gelingt. Wenn Rechi mit seinem Bühnenbildner Alfons Flores nun also ein biedermeierliches Rokoko-Gelass zeigt, einen dramatisch aufs Eck zugespitzten Salon mit allegorischen Putten über fünf Treppenwitz-Türen, und das Ganze per Wehrmachtsuniform des Haushofmeisters (mit unverkennbarem Führer-Dialekt: Hermann Killmeyer) ins Dritte Reich verortet, dann weiß der Zuschauer gleich, dass hier auch der gute Herr Strauss sein Fett wegkriegt.

Kostümbildnerin Merce Paloma darf dazu die Commedia-dell’arte-Fraktion um die kecke Zerbinetta in flotte Flamenco-Folklore kleiden – was, wie man im Programmheft erfährt, neben Wagner Adolf Hitlers größtes Pläsier gewesen sein soll. Für die teils abenteuerlichen Turbulenzen des Stücks (und der Inszenierung) hat das Theater eigens eine Choreographin (Sara Blasco Gutiérrez) verpflichtet. Rechi greift in die Vollen.

Und das ist, mal abgesehen von einigen Szenen, in denen der Klamauk recht unerträglich wird, ein schlüssiges, vor allem ein brillant umgesetztes Konzept. Wie musikalisch sich gerade im Vorspiel Gag an Gag reiht, mit welcher Lust am Detail etwa die Figuren des Musiklehrers und des Komponisten vorgeführt werden, das ist schon verdammt genau der Partitur abgelauscht und in ungemein unterhaltsames Theater umgesetzt. So wundert nicht, dass nach einigen merkbaren Schluckgebärden ob des starken Tobaks auf der Bühne, sich allgemeines Amüsement des Publikums bemächtigt und bis zum provokanten Schlussbild ungebrochen bleibt. Selten so gelacht, möchte man kalauern.

Die musikalische Qualität dieser „Ariadne“ muss dem extremen Anspruch von Strauss’ Werk Tribut zollen, bleibt aber für ein Haus wie das Aachener, das mit vergleichsweise bescheidenen finanziellen Mitteln ein hochmotiviertes Ensemble bindet und künstlerisch hohe Ambition behauptet, überaus beachtlich. Für die halsbrecherische Zerbinetta-Partie wurde Marielle Murphy verpflichtet, die außer Gelenkigkeit und sicherer Höhe auch Schmelz verströmen kann. Als weiterer Gast strahlt Cooper Nolan als metallischer Bacchus-Tenor in albernstem Bacchus-Kostüm zur allgemeinen Freude.

Ovationen für Kazem Abdullah

Die große Partie des Komponisten ist Sanja Radisic anvertraut, ihr Mezzosopran hat schon einiges von dem, was Strauss’ lyrische Kantilenen so unvergleichlich machen. Die Ariadne der Irina Popova wird in den besten Momenten ganz eins mit Strauss und der dramatisch todestrunkenen Figur. Hrólfur Saemundsson überzeugt als Hummer-stibitzender Musiklehrer, aufhorchen lassen Stipendiat Soon-Wook Ka als Tanzmeister und sein wunderbar licht timbrierter Kollege vom hohen Tenorfach, Makudupanyane Senaoana, als Gast in der Partie des Brighella. Die Ensembles der Nymphen und der vier Zerbinetta-Liebhaber sind bei aller Musikalität vor allem super-witzig.

Über (besser: unter) allem strahlt das Sinfonieorchester Aachen, dem Kazem Abdullah bei seiner letzten Musiktheaterproduktion als Generalmusikdirektor ganz viele der kostbaren Strauss’schen Farben entlockt. Abdullah findet wunderbare Tempi, die die Rasanz des Bühnengeschehens befeuern. Immer, wirklich immer trägt er die Sänger auf Händen. Gerade er erhält beim begeisterten Schlussapplaus besondere Ovationen, die auch als Dank und Ermutigung angesichts der Querelen um die Nicht-Verlängerung seines Vertrags gelesen werden dürfen.

Alles in allem also eine turbulente „Ariadne“, die vor allem ungemein witzig und unterhaltsam daherkommt. Ob Strauss das alles so gutheißen würde, darf allerdings bezweifelt werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert