Köln - Statt Skandal viel Beifall und wenig Buhs

Statt Skandal viel Beifall und wenig Buhs

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:
samsonbild
„Samson und Dalila” an der Kölner Oper: Spektakuläre Massaker- und Vergewaltigungsszenen haben im Vorfeld zwar für viel Aufsehen gesorgt, nehmen in der Kölner Produktion jedoch nur einen kleinen Raum ein.

Köln. Viel Lärm um (fast) nichts! Ohne Störungen, mit viel Beifall und einigen Buh-Rufen ging die verschobene Premiere von Camille Saint-Saens´ Oper „Samson und Dalila” über die Bühne des Kölner Opernhauses.

Das „Affentheater” im Vorfeld mit Krankschreibungen, Protesten und einem schon hysterischen Mediengewitter lässt sich beileibe nicht nachvollziehen. In zwei kurzen Szenen kommt es zu pseudorealistischen, im Wesentlichen aber stilisierten Vergewaltigungen und Erschießungen, die die Grenzen heutiger Bühnenpraktiken nicht überschreiten. Vor allem ist Regisseur Tilman Knabe nicht vorzuwerfen, um jeden Preis provozieren zu wollen.

Höhepunkt der Saison

Im Gegenteil. Obwohl das Werk nicht zu den stärksten Stücken des Repertoires zählt, markiert die Produktion den ersten Höhepunkt der zu Ende gehenden, insgesamt desolat verlaufenen Kölner Opernsaison. Dabei ist es Tilman Knabe hoch anzurechnen, dass er für die Auseinandersetzungen zwischen den Israeliten und den Philistern, die im heutigen Gaza-Streifen angesiedelt sind, keine vordergründige Aktualisierung strapazierte, sondern zusammen mit der Bühnenbildnerin Beatrix von Pilgrim ein abstraktes, eindrucksvolles Kriegsszenario von allgemeiner Gütigkeit schuf.

Und mit der „Ausgewogenheit”, mit der zunächst die von Samson angeführten Hebräer die gegnerischen Philister samt ihrer Fürstin Dalila massakrieren oder zumindest demütigen und später die Philister mit gleicher Brutalität zurückschlagen, entzieht sich Knabe jeder Parteinahme. Die geschändete Dalila nimmt grausame Rache an dem letztlich geblendeten und entmannten Samson. Am Ende gibt es, mit und ohne Hilfe des Herrn, nur Verlierer.

Eine pazifistische Botschaft, in der auch drastische Bilder ihren Platz haben, wobei man das alles natürlich auch ganz anders sehen kann. Nur: von der Oper lediglich ein bunt illustriertes, leicht blutverschmiertes Märchen aus 1001 Nacht erwarten zu wollen, damit bekräftigte man jene Kritiker, die in dem Stück lediglich einen antiquierten „Schinken” sehen.

Keine Frage: Der dritte Akt wirkt musikalisch noch dünnblütiger als der erste. Den Höhepunkt bildet zweifellos der zweite Akt, in dem Saint-Saens die teuflischen Verführungskünste Dalilas in schillernde Farben von pastosem Wohllaut taucht. Ursula Hesse von den Steinen wickelt Samson mit geradezu filmreifer Laszivität um den Finger und konnte sich dabei ganz auf ihre Reize im knappen Negligé konzentrieren. Denn ihr grippaler Infekt, der zu der Premierenverschiebung führte, ist noch nicht auskuriert, so dass die kurzfristig eingeflogene russische Mezzosopranistin Irina Mishura die Partie am Bühnenrand sang. Und das mit dem Glanz und der Pracht einer intakten Stimme von ungewöhnlicher Schönheit.

Einer solch geballten sinnlichen und vokalen Übermacht kann auch ein Held wie Samson nicht lange widerstehen. Samson in der Unterhose gab am Ende des Akts allerdings keine sonderlich heldenhafte Figur ab, erst recht nicht, nachdem ihm Dalila (hinter kurz geschlossenem Vorhang) noch sein Gemächte abschnitt. Doch investierte auch Saint-Sa’ns weit weniger Sorgfalt in die Musik der männlichen Hauptrolle als in die Gesänge des blonden Gifts Dalila. Immerhin stand Ray M. Wade jr. die Partie achtbar durch, ohne besondere Glanzpunkte setzen zu können.

Egils Silins als Oberpriester und Wilfried Staber als Dalilas Vertrauter Abimélech überzeugten in ihren Baritonpartien vollauf. Der von Knabe sehr dynamisch geführte Chor trug wesentlich zum insgesamt positiven Eindruck der Aufführung bei. Und Kapellmeister Enrico Delamboye holte mit dem Gürzenich Orchester aus der Partitur heraus, was an Substanz aufzuspüren war. Begeisterung übertönte einige Buh-Salven.

Die nächsten Aufführungen in der Kölner Oper: am 13., 16., 23., 29. und 31. Mai; 11., 14., 20., 25. und 28. Juni; 19.30 Uhr.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert