Stars der Szene stellen im Hühnerstall aus

Von: Eckhard Hoog
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Natur, Architektur und Kunst – hier eine Skulptur von Ad Dekkers – bilden im Schlossgarten und im „Hühnerstall“ von Kasteel Wijlre eine harmonische Einheit. Das ganze Ensemble, 23 Kilometer von Aachen entfernt, muss man einfach gesehen haben. Foto: Eckhard Hoog
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Der Eingang zum unterirdischen Museum im Garten – dem ehemaligen Hühnerstall: entworfen vom Star-Architekten Wiel Arets. Foto: Eckhard Hoog
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Über Jahrzehnte trugen sie eine umfangreiche Kunstsammlung zusammen: die Schlossherren Marlies und Jo Eyck. Foto: Eckhard Hoog

Wijlre. Einen Katzensprung von Aachen entfernt – um genau zu sein: 23 Kilometer, sieben Kilometer vor Valkenburg – liegt in einem Dorf namens Wijlre das Märchen schlechthin: ein romantisches Wasserschloss von 1652, umgeben von einem fantastischen Garten und einem verwunschenen Wäldchen.

Mitten im Garten: ein architektonisches Juwel, ein Kunstmuseum aus Glas, Stahl und Beton, entworfen von dem niederländischen Star-Architekten Wiel Arets, Dekan am Illinois Institute of Technology in Chicago. Wijlre – ein Ausflugsziel erster Güte.

Bewohnt wird das Ganze seit 32 Jahren von Marlies und Jo Eyck, einem überaus gastfreundlichen und kunstliebenden Ehepaar aus Heerlen. Über Jahrzehnte hinweg haben die beiden eine eigene umfangreiche Sammlung zusammengetragen. Der Witz: In dem Museum tummeln sich in einer Ecke die Hühner – und das hat einen ganz bestimmten Grund . . .

Henk van Os, der ehemalige Generaldirektor des Amsterdamer Reichsmuseums, hat dem Phänomen Kasteel Wijlre ein reich bebildertes Buch gewidmet; darin spricht er in seinem sonst rein niederländischen Text von einem „Gesamtkunstwerk“ und benutzt damit eines der eher seltenen aus dem Deutschen übernommenen Lehnwörter. „Kunst und Natur – im Kasteel Wijlre von Jo und Marlies Eyck gehen sie eine einzigartige Verbindung ein.“ Eine eigens gegründete Stiftung – die Bonnefanten Hedge House Foundation – soll das Lebenswerk der Eycks jetzt sichern und der Öffentlichkeit erhalten.

84 Jahre alt ist Jo Eyck. Gemütlich sitzt er in seinem Ledersessel vor einem der Schlossfenster, die eine fantastische Aussicht auf den im Barockstil gehaltenen Garten bieten, pafft eine Zigarre und erzählt die ganze Geschichte. Ergänzungen in perfektem Deutsch liefert seine Frau. „54 Jahre sind wir jetzt verheiratet“, sagt sie. „Und wir haben immer noch die gleichen Möbel. Was einmal schön ist, ist doch immer schön. Oder?“

Die Stehlampe stammt aus den 50er Jahren, der Schrank mit dem versenkbaren Fernseher dürfte museumsreif sein. Aber so sind die Eycks: Der „Generation schwedisches Möbelhaus“ mit ihrer Vorliebe für einen flotten „Ex und Hopp“ – kaum angeschafft, schon wieder weggeschmissen – können sie nichts abgewinnen.

Jo Eyck hatte ein Geschäft in Heerlen – einen gutgehenden Farbgroßhandel. Um sich von der Konkurrenz abzugrenzen und Kontakt zu halten mit einer – sagen wir – „farbnahen“ Kundschaft, räumte er einmal im Jahr die ganze Halle leer und lud Künstler zu einer Ausstellung ein. Mit großer Resonanz: Irgendwann kamen selbst die Museumsdirektoren aus Den Haag und Amsterdam vorbei, mehr und mehr Künstler und natürlich auch Architekten. Und die brauchen ja schließlich hin und wieder auch mal neue Farbe.

„Eigentlich wollten wir nie Sammler werden“, sagt Jo Eyck und winkt ab. „Aber dann ist es irgendwie doch so gekommen.“ Zwei, drei Werke kauften sie jeweils aus ihren Ausstellungen in Heerlen heraus – da kam über die Jahrzehnte so einiges zusammen. „Es ist vorwiegend Kunst aus den sechziger und siebziger Jahren“, erzählt Marlies Eyck.

Und dazu gehören unter anderem so klingende Namen wie Richard Long und Tony Cragg, Ad Dekkers, Peter Struycken, Ben Akkerman, Rob van Koningsbruggen, Jan Schoonhoven und Carel Visser – „documenta“-Teilnehmer, Land-Art- und Konzeptkünstler, niederländische Vertreter eines minimalistischen Konstruktivismus, all das findet sich in der Eyck’schen Sammlung.

Nachdem Jo Eyck sein Geschäft an einen großen Chemiekonzern verkauft hatte, erwarb das Paar 1981 Kasteel Wijlre und setzte hier in romantischer Umgebung die Ausstellungen fort. Aber nicht nur das: Skulpturen von Künstlern wie Peter Struycken und Ad Dekkers fanden einen Platz in den weitläufigen Gartenanlagen. Sie nehmen Formen der Buchsbaumbepflanzung und die Bögen der Schlossarchitektur auf und passen sich so außergewöhnlich harmonisch in die Landschaft ein. Ein Gesamtkunstwerk eben.

Das wohl schönste Werk im Garten stammt von dem Italiener Giuseppe Penone, vierfacher „documenta“-Teilnehmer, Star der letzten „documenta 13“ von 2012 und Turner-Preisträger. Jo Eyck freut sich ganz besonders, wenn er erzählt, dass es immer wieder Kunstfreunde gibt, die nur wegen Penone Kasteel Wijlre besuchen. „Die fragen dann immer, wo sich seine Skulptur befindet, und ich zeige ihnen den Weg: da hinten, im Wald. Und dann kommen sie wieder und sagen: ‚Wir haben sie nicht gefunden.‘ – So ist es doch genau richtig: Wenn Kunst und Natur solch eine Einheit eingehen, dass sie kaum mehr zu unterscheiden sind.“

Des Rätsels Lösung: Penone hat in dem Wäldchen eine begehbare Pflanzen-Installation geschaffen, die wie der aus lebendigen Sträuchern bestehende Abdruck eines umgestürzten Baumes wirkt. Ganz am Ende steht die kaum zu entdeckende bronzene Skulptur eines Baumes.

Zum Problemfall auf Kasteel Wijlre wurde Ende der 90er Jahre der Hühnerstall – von der Hausherrin nebenbei auch als Orangerie und für die Aufzucht ihrer Orchideen genutzt. Das hölzerne Gebäude war morsch geworden und drohte einzustürzen. Jo Eyck hatte eine abenteuerliche Idee: genau an der Stelle des Stalls eine moderne Galerie, ein Museum zu bauen, um noch größere Tentoonstellingen zu veranstalten.

Er rief kurzerhand den befreundeten, längst weltbekannten Architekten Wiel Arets an. Eyck, lachend: „Ich fragte ihn einfach, ob er für uns einen Hühnerstall entwerfen wolle. Tatsächlich stimmte er gleich zu: ‚Einen Hühnerstall habe ich noch nie gebaut.‘“

Ein genialer Schachzug: Die Baugenehmigung für ein Museum auf dem denkmalgeschützten, historischen Areal hätten die Behörden nie und nimmer erteilt. So aber wurde lediglich ein verfallener Hühnerstall „renoviert“ – an gleicher Stelle, in denselben Dimensionen. Aber wie! Das Ensemble aus Glas, Stahl und Beton wirkt wie ein edler architektonischer Monolith in der Landschaft.

Damit das „Hedge House“ (deutsch: Ausweichquartier) nicht höher ausfiel als der alte Hühnerstall, ging Arets in die Tiefe. So entstanden Räume mit einer Höhe von bis zu sieben Metern – sie liegen verschlungen hintereinander, so dass der Besucher sich „mäandrierend“ durch das Gebäude bewegt.

2001 war die Eröffnung. Und wie es sich für einen Hühnerstall gehört, ist eine Ecke für die gefiederten Bewohner reserviert – mit Auslaufmöglichkeit. „Jeden Morgen hole ich zwei Eier heraus“, sagt Jo Eyck. „Das Hedge House ist eben doch eigentlich kein Museum. Kunst, Natur und das ganz normale Leben – das ist hier eine Einheit.“

Die aktuelle Ausstellung

Gerade findet eine aktuelle Ausstellung mit 15 internationalen Künstlern statt, die noch bis zum 14. Juli dauert: Der Österreicher Erwin Wurm ist dabei, die gebürtige Südafrikanerin Marlene Dumas, heute die höchstbezahlte niederländische Künstlerin – sie lebt in Amsterdam –, und der Heerlener Künstler Michel Huisman. Es ist die zweite Tentoonstelling der am 1. Juli 2012 gegründeten Bonnefanten Hedge House Foundation, jener Stiftung, die das Gesamtkunstwerk Kasteel Wijlre für die Zukunft bewahren soll.

Eigentlich wollte zu diesem Zweck die Provinz Limburg das Anwesen mitsamt der Eyck‘schen Kunstsammlung kaufen – was sich allerdings insgesamt als zu teuer erwies. Letztlich erwarb die Provinz lediglich die Kunstsammlung der Eycks – für das Bonnefantenmuseum in Maastricht, das plötzlich mit einem Schlag über eine ganz neue Abteilung verfügte.

Gleichzeitig wurde eine völlig eigenständige Stiftung gegründet – mit Hilfe etlicher kunstsinniger Zeitgenossen. Die Maßgabe: Stiftung und Bonnefantenmuseum veranstalten zweimal im Jahr im Hedge House eine Kunstausstellung. Ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat dabei Eycks Tochter Zsa-Zsa, selbst Kunsthistorikerin und Vorstandsmitglied der Stiftung.

Die aktuelle Ausstellung ist ein wahres Gedicht: „Far from the Madding Crowd“ heißt sie, was so viel meint wie „Weitab von der verrückt machenden Masse“. Titelgebend ist ein Video des amerikanischen Künstlers Dan Asher, das nichts anderes zeigt als eine völlig in sich versunkene Frau inmitten tosenden städtischen Verkehrs, die sich stundenlang mit einer banalen Plastiktüte beschäftigt. Zurückgeworfen auf sich selbst, begibt sich der Mensch in eine Fantasiewelt, einen Traum, eine virtuelle Realität – das ist das Thema.

Michel Huisman zeigt einen überdimensionalen Vogelkopf, den man sich aufsetzen kann – man sieht und hört, was dieser Vogel als letztes wahrgenommen hat, einen Wald, Vogelstimmen . . . Das Phänomen gefühlter Zeit thematisiert der Japaner Suchan Kinoshita mit einer hölzernen Kabine, in die man sich einzeln hineinbegeben kann, um in dieser intimen Atmosphäre wie Sanduhren wirkende Glasbehälter umzudrehen, die allerdings zähe Flüssigkeiten enthalten und beim Durchlaufen des engen Glashalses regelmäßige Geräusche von sich geben, wie eine Uhr – zerfließende Zeit. „All das wird hier in einer perfekten Situation präsentiert“, sagt Michel Huisman.

Und wer nach dem Besuch des Hedge House immer noch nicht genug hat von der Kunst, der mag sich ins ehemalige Kutschenhaus des Schlosses begeben – da findet sich noch rund ein Viertel der Eyck‘schen Sammlung, Skulpturen unter anderem von Richard Long und Tony Cragg.

Über ein Jahr lang, erzählt Jo Eyck, hat ein französischer Weinhändler versucht, das Schloss für einen sehr hohen Preis als sein Privathaus zu erwerben. „Wir wollten das nicht. Wir waren dafür, alles für die Gemeinschaft zu erhalten.“

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