Aachen - Star-Geigerin Hilary Hahn: Einen „Koloss” anders betrachtet

Star-Geigerin Hilary Hahn: Einen „Koloss” anders betrachtet

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
hahnbild
Präsentiert ein neues Album: Weltklasse-Geigerin Hilary Hahn. Foto: Peter Miller

Aachen. Das ist Hilary Hahns Ding nie gewesen: Die fetten, die gefühlsduseligen Passagen in romantischen Violinkonzerten nach Herzenslust auszukosten, den Schmalz aus ihrem Instrument zu quetschen, dass im Saal Schweiß und Tränen fließen. Im Gegenteil. Die Weltstar-Geigerin hat sich ihren Ruhm mit einer Art zu musizieren erkämpft, die sich aus dem Nachdenken speist und nachdenklich macht.

Hilary Hahn ist mit 31 Jahren eine große, eine ernste, eine ernstzunehmende junge Frau, der man auch ihr neues CD-Projekt glaubt, selbst wenn es den Pathos-Koloss Tschaikowski enthält.

„Für mich sind die beiden Konzerte von Tschaikowski und Higdon nicht nur durch meine Zeit am Curtis Institute verbunden. Sie sind beide intensiv, großartig durchdacht und erhellen sich gegenseitig”, sagt die amerikanische Geigerin, die vielleicht wegen der Pfälzer Wurzeln ihrer Familie exzellent Deutsch spricht, zu ihrer neuesten CD-Veröffentlichung.

Ja, da hat sich das einstige Wunderkind gut beraten lassen von den Markt-Beobachtern im Klassik-Segment. Denn einerseits lädt das schon Tausende Mal eingespielte Tschaikowski-Konzert den konservativen Konsumenten zum wachen Wiederhören ein; andererseits ist so ein neues Stück, wenn es sich denn so leicht verdaulich und höchst effektvoll präsentiert wie das von Jennifer Higdon, durchaus ein Kaufargument für den übersättigten Klassik-Fan.

Die Silvester 1962 in Brooklyn geborene Komponistin hat für dieses Hilary Hahn gewidmete und von ihr uraufgeführte Konzert im vorigen Jahr den Pulitzer-Preis für Musik erhalten, Grammys 2008 und 2010 weisen Higdon als in Amerika äußerst erfolgreich aus. Und das Violinkonzert ist ein äußerst delikates Stück Musik, das den Hörer mit feinen Schlagwerk-Klangfarben entzückt und vom Gestus Alban Berg nahe ist.

Der singende Ton

Die Solo-Geige hat massig zu tun, virtuose Konversation mit den Gruppen des Orchesters; Hilary Hahn kultiviert ihren singenden Ton wieder unvergleichlich; und zwischendurch geht es regelrecht fetzig zu. Dabei verlangt das Werk dem Hörer keine Elfenbeinturm-Bildung in Sachen Form ab - es ist konservativ dreisätzig angelegt, mit einem romantisch elegischen Mittelsatz und furiosem Kehraus am Schluss. Und der Kopfsatz weist nicht nur in den ersten Takten, in denen Geigen-Flageoletts zusammen mit von Stricknadeln angeschlagenen Metall-Klangkörpern eine Art Feen-Musik herbeizaubern, ein Feuerwerk von Ideen auf. Mal sehen, ob sich andere Weltklasse-Geiger auf dieses Konzert einlassen.

Higdon war Hahns Dozentin für Geschichte zeitgenössischer Musik am Curtis Institute of Music in Philadelphia. Damals war Hahn 16. „Sie war meine ideenreiche, inspirierende Lehrerin”, erinnert sie sich heute. Später traf man sich ein paar Mal, zuletzt 2005 in Baltimore, wo die Idee zum Violinkonzert entstand. Sponsoren, Auftraggeber wurden gefunden, Uraufführung war 2009, Weltersteinspielung jetzt.

Auch das Tschaikowski-Konzert lernte die junge Geigerin am „Curtis”, mit 13. Es ist eben ein Pflichtstück für jeden angehenden Geiger. Nach einigen Konzerten als Teenager legte Hilary Hahn das Konzert für rund zehn Jahre beiseite, um jetzt die um einige Takte längere recht selten zu hörende Originalfassung einzuspielen. „In meinen Teenager-Jahren war es ein eindrucksvoller Koloss, aber nun schien es facettenreicher und voller Nuancen, eher wie eine Figur der Literatur: impulsiv, dennoch bedacht, feurig, jedoch verletzlich, romantisch, trotzdem fast klassisch in seinen Gesten”, sagt Hahn zum Tschaikowski-Konzert.

Ihre Qualitäten sind auch hier unüberhörbar: Vor allem das zarte, ein wenig spitze, von einer Art nervöser Unschuld beseelte Vibrato, das die lyrisch-leisen Passagen durchströmt, ist faszinierend einzigartig. Technisch kann sie einfach alles, ist sich auch vor ein paar Fingersatz-Mätzchen nicht fies und musiziert wunderbar natürlich. Das ist schon sensationell.

„Obwohl die beiden Konzerte aus unterschiedlichen Welten stammen, haben sie doch viel gemeinsam: lyrische Zartheit, grüblerische Eleganz, energische Unbekümmertheit und große geistige Reife”, sagt Hilary Hahn zu ihrer neuen CD. Wir wollen ihr da beipflichten und ihr wünschen, dass ihr großer Erfolg ihr die Möglichkeit lässt, sich ungewöhnlichen Projekten zu widmen. So macht Ruhm Spaß, ihr und uns.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert