„Spannungen“: Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern

Von: Pedro Obiera
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Sie begeisterten das Publikum beim Eröffnungskonzert des Kammermusikfestivals „Spannungen“ im Heimbacher Jugendstilkraftwerk mit einem Stück von Penderecki: (von links) Byol Kang (Violine), Maya Meron (Viola), Danae Dörken (Klavier), Gabriel Schwabe (Violoncello), Marie-Luise Neunecker (Horn) und Jean Johnson (Klarinette). Foto: Claudia Veith
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Er hielt die Eröffnungsrede: Pianist und Dirigent Lars Vogt, der Dürener Gründer des Festivals „Spannungen“.

Heimbach. Auch wenn sich Musiker und Gäste wie in den zurückliegenden 18 Jahren erneut auf das einwöchige „Familientreffen“ rund um das Heimbacher Jugendstilkraftwerk freuen: Das Schicksal der Flüchtlinge lässt Lars Vogt, den künstlerischen Leiter des Kammermusikfestivals „Spannungen“, und seine Freunde nicht kalt.

Zwar hat man das Programm nicht spezifisch auf dieses Motto ausgerichtet. Das ist auch nicht notwendig. Flucht und Vertreibung prägen die Biografien vieler Komponisten, auf die kein Festival verzichten kann. Ob Korngold, Schönberg, Bartók oder Ligeti. Sie alle und viele andere haben unter den Folgen politischen Irrsinns ihre Heimat verlassen müssen.

In den beiden Vorspannkonzerten, die sich auf Beethoven konzentrierten, spielte das Thema noch eine untergeordnete Rolle. Und auch die Meister des Eröffnungskonzerts blieben von Vertreibung weitgehend verschont, nicht aber von politischen Katastrophen. Krzysztof Penderecki, Jahrgang 1933, überlebte als Kind die Terrorherrschaft der Nazis in der Nähe Krakaus und hat sich nach dem Krieg durch Kompositionen einen Namen gemacht, mit denen er den Feinden die Hand reichte.

Allerdings wandelte er sich zunehmend zu einem Hofmusiker für Stars und Edel-Festivals. Das gilt auch für sein ausladendes Sextett für Klarinette, Horn, Streichtrio und Klavier aus dem Jahr 2000, Publikumsmagneten wie Vengerov und Rostropowitsch in die Finger geschrieben, bewusst als Rückblick auf Bartók und Schostakowitsch komponiert. Dankbares, wenn auch eher repräsentatives als wirklich inspiriertes Futter für Könner wie die Hornistin Marie-Luise Neunecker, den Cellisten Gabriel Schwabe und deren Kolleginnen, die das Werk auf gewohntem Heimbach-Niveau interpretierten.

Anton Webern, der kurz nach Kriegsende noch einer amerikanischen Gewehrkugel zum Opfer fiel, markiert mit seinem Langsamen Satz für Streichquartett die zweite Leitlinie des Festivals: „Aufbruch“. Ein Studienwerk des späteren Meisters der zwölftönigen Miniaturen, das die Wertschätzung seiner Generation für Brahms dokumentiert, so wenig das Stück mit seinem idiomatischen Stil gemein hat. Brahms‘ Prinzip der „entwickelnden Variation“, der ständigen Veränderung musikalischer Keimzellen, die auch die Schöpfer der Zwölftonmusik beeinflussten, lässt sich in diesem kurzen Stück deutlich ablesen. Mit Christian Tetzlaff (Violine) und Elisabeth Kufferath (Viola) waren Stammgäste der „Spannungen“ am Werk, ergänzt durch Anna Reszniak (Violine) und den Cellisten Gabriel Schwabe.

Christian Tetzlaff, ein Mann der ersten Heimbacher Stunde, begnügte sich an diesem Abend mit diesem knappen Einsatz, nachdem er am Vorabend das Publikum mit einer Interpretation des Violinkonzerts von Beethoven begeisterte, von der die Besucher noch am folgenden Abend schwärmten. Unterstützt wurde er von seinem Freund Lars Vogt. Diesmal aber nicht am Klavier, sondern am Dirigentenpult des Kölner Kammerorchesters. Und in dieser Eigenschaft ist Vogt in den letzten Jahren deutlich gewachsen.

Am offiziellen Eröffnungsabend setzte Vogt zusammen mit Elisabeth Kufferath und dem Cellisten Julius Berger mit einem ausdrucksstarken Vortrag von Schumanns 2. Klaviertrio in F-Dur op. 80 Akzente, die der ungebrochenen Aufbruchstimmung des Komponisten ebenso gerecht wurden wie der zarten Poesie des „innigen“ langsamen Satzes.

Anlehnung an Collagentechnik

„Composer in Residence“ ist diesmal die junge schottische Komponistin Helen Grime, die in England und Amerika sehr bekannt ist, für Deutschland aber noch entdeckt werden muss. Dass sich das lohnt, zeigten ihre fünf Miniaturen für Streichtrio aus dem Jahre 2014 „Aviary Sketches“ in Anlehnung an die Collagentechnik Joseph Cornells.

Klar strukturierte Werke mit jeweils einem musikalischen Gestus, der, wie durch fremde Gegenstände in einer Collage, durch gegenläufige Akzente und Verläufe gestört und vorübergehend aus der Fassung gebracht wird. Dankbare Aufgaben für die Streicher, zu denen als dritter Spitzencellist des Abends Gustav Rivinius gehörte. Auf die Uraufführung von Helen Grimes Sonate für Oboe und Klavier mit Lucas Macías Navarro und Huw Watkins am Freitag darf man gespannt sein.

Heute Abend stehen drei Werkblöcke auf dem Programm, Mendelssohns Klaviersextett mit Publikumsliebling Aaron Pilsan am Klavier, sieben Lieder von Brahms mit der Sopranistin Juliane Banse und Messiaens ebenso erschütterndes wie Hoffnung spendendes „Quatuor pour la fin du temps“. Beginn: 20 Uhr im Jugendstilkraftwerk Heimbach.

Es gibt für die Konzerte fast immer noch einige Restkarten an der Abendkasse. Die Veranstalter empfehlen Interessenten, sich dort eine Stunde vor Konzertbeginn einzufinden.

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