Aachen - „Souffleur“: Herzblut trifft auf Ludwigs Lust

„Souffleur“: Herzblut trifft auf Ludwigs Lust

Von: Eckhard Hoog
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Das Kenia-Dromedar von Nancy Graves und "DA" von Heinricht Dunst.
Das Kenia-Dromedar von Nancy Graves und „DA“ von Heinrich Dunst: Der Kohlscheider Kunstsammler Wilhelm Schürmann konfrontiert im Auftrag von Brigitte Franzen im Aachener Ludwig Forum Werke aus seiner Sammlung mit denen der Sammlung Ludwig.

Aachen. „Alte Kunst, die kauft man mit dem Herzen. Moderne Kunst kauft man ohne Herz.“ Das Wort des Händlers der einschlägigen Fraktion auf der gerade laufenden Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht, das einer ehrlichen Überzeugung entspringt, klingt einem noch im Ohr, wenn man den in Fleisch und Blut existierenden Gegenbeweis vor Augen hat.

Wilhelm Schürmann, der in Kohlscheid und Berlin lebende Sammler, kennt alle Stücke seiner mehr als 1000 Werke umfassenden Kollektion zeitgenössischer Kunst derart genau, dass er zu jedem einzelnen eine Geschichte erzählen kann. Eine Geschichte? Wenn er gerade gut auf Draht ist – eine Endlos-Story. Und man hört ihm gerne zu.

Wer dem 68-Jährigen in den nächsten Monaten in seiner Ausstellung „Le Souffleur. Schürmann trifft Ludwig“ im Aachener Ludwig Forum begegnet, der sollte ihn unbedingt auf sein Herzblut ansprechen und sich alles einmal gründlich erzählen lassen. Versprochen: Es wird ein Hochgenuss – zumal noch im sympathischen Dortmunder Slang artikuliert.

Forums-Direktorin Brigitte Franzen hat den international hochgeschätzten Hans-Dampf-in-allen-Kunst-Gassen – Fotograf, Kurator, Publizist, jahrzehntelang Fotografie-Professor an der FH Aachen – eingeladen, einmal quasi von außen einen Blick auf die Sammlung Ludwig zu werfen, eine Auswahl zu treffen und einen Dialog der Werke mit denen seines eigenen Herzbluts in Gang zu setzen.

Beziehungsreicher Dialog

Titelgebend ist dabei ein Bild-Pärchen des belgischen Künstlers Olivier Foulon, das metaphorisch als Motto verstanden werden soll: die Andeutung eines Souffleurkastens als Sinnbild für so etwas wie Rückhalt oder „Leerstellen der Moderne“. Aber das muss man nicht unbedingt verstehen. In der Kunst ist sowieso nicht immer alles streng logisch, da sind sich die Direktorin und der Sammler unbedingt einig. Erklärtermaßen.

Auch, dass der „Dialog“ nicht proportional ausfällt mit 33 Werken aus der Sammlung Ludwig und 172 aus der Sammlung Schürmann hat aus der Sicht der beiden überhaupt nichts zu sagen: „Quantität ist nicht Qualität“, sagt Brigitte Franzen. Und recht hat sie: Einsam umkreist findet sich in Raum 1 der Ludwig‘sche Richard Hamilton mit seinen übermalten Fotos von Marilyn (1965) beziehungsreich von 22 Schürmann-Werken. Zum Beispiel mit Fotografien von Marilyn Monroes Kostümproben, die der Sammler vor Jahrzehnten in Hollywood für gerade mal 50 Cent pro Stück gekauft hat. Der künstlerische Zugriff ändert sich, das Motiv bleibt.

Was dabei die Kunst tatsächlich definiert, das lässt Schürmann als Frage ganz bewusst offen – und findet genau das auch im höchsten Maße spannend. Ein 24 mal 30 Zentimeter großes „Pigment Print“ mit dem Titel „Im Schatten unserer Blödheit“ von einem anonymen Kreativtalent hat er zum Beispiel im Internet erworben. Dort wurde es unter der Rubrik „Missglückt“ angeboten. Subrubrik: „Best of“. Über so etwas kann Wilhelm Schürmann herzlich lachen – überhaupt prägen die von ihm gestalteten Räume ein subtiler Humor ebenso wie ein verdecktes heimliches Thema: der Konflikt oder der Segen, wie man‘s nimmt, von männlich und weiblich.

Für Konrad Klapheck war die Schreibmaschine unbedingt männlichen Geschlechts, geradezu Ausdruck einer männlich dominierten Gesellschaft – weil darauf die wichtigsten Entscheidungen des Lebens schriftlich getroffen wurden. Allein: Irgendwie muss er verdrängt haben, dass Schreibmaschinen vor allem von weiblicher Hand bedient wurden – oder versteckte Klapheck bewusst ein Stück Ironie in seinem gemalten Exemplar, das er 1958 „Athletisches Selbstbildnis“ (Sammlung Ludwig) genannt hat?

Schürmann jedenfalls konfrontiert das kunsthistorische Männlichkeitssymbol mit der Sicht einer zeitgenössischen Frau: der Engländerin Fiona Banner. Die pflanzt einen bis aufs blanke Aluminium polierten Tornadoflügel senkrecht auf. „Eine Riesenerektion“, begeistert sich der Sammler über die „unglaubliche Ästhetik“ des perfekt stehenden Objekts. Der künstlerische Zugriff ändert sich, das Thema bleibt.

Unendlich fortsetzen ließe sich die Folge des Kunst-Dialogs. Die Ausstellungsdauer bis Ende Januar 2016 ist auf jeden Fall ein Segen: Mehrfacher Besuch lohnt sich!

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