So sitzt man mitten im Sinfonieorchester Aachen

Von: Bernd Mathieu
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Montagabend, Probe im Eurogress Aachen: Die Bläsergruppe ist gefragt. Eine Komposition von Gustav Holst („Die Planeten”) muss zur musikalischen Perfektion gebracht werden. Am Mittwoch und Donnerstag bildet das Werk den zweiten Teil des Sinfoniekonzerts. Teil eins ist eine deutsche Uraufführung, das Doppelkonzert für zwei Klaviere und Orchester von Detlev Glanert. Foto: Bernd Mathieu

Aachen. Kein schwarzer Anzug, kein Abendkleid, kein Lackschuh in Sicht. Nicht absatzweise ein Hauch scheinbarer feierlicher Unnahbarkeit. T-Shirts aller Farben, Turnschuhe, Jeans, Pullover beherrschen am Mittwochabend optisch die Bühne des Aachener Eurogress. Ein schönes Bild. Ein sympathisches.

Die Damen und Herren proben. Ganz junge, mittelalterliche, alle sind junggebliebene Könner. Mittendrin sitzen einige wenige Gasthörer, ja, nennen wir sie getrost mal so. Sie sind Mitglieder im Förderverein des Sinfonieorchesters („accelerando”) und sind am Mittwoch zu Besuch. Für sie stehen an strategisch möglichen Stellen Stühle bereit - neben den Pauken und neben der Bläsergruppe, in unmittelbarer Nachbarschaft der Harfe und der Streicher. „Wer Probleme mit dem Gehör hat, sollte sich nicht neben die Bläsergruppe setzen”, lautet der Tipp von Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch.

Dass er an diesem Abend in Zusammenhang mit seinem Orchester wörtlich von „Lärm” spricht, hat wohl eher berufsgenossenschaftliche Gründe. Wenn diese Künstlerinnen und Künstler in dem historischen Provisorium eines heimeligen Raumes der Elisabethschwimmhalle proben, erreichen die Dezibel-Zahlen schon einmal charmante dreistellige Dimensionen. Was nach der Lärmverordnung auf einer profanen Baustelle nicht zulässig wäre, unabhängig von der Art der Klänge. Laut ist laut, selbst im Gewand des Wohlklangs.

Und die Elisabeth-Probestation eine seit Jahrzehnten alternativlose „Tonhalle”. Nun hofft man auf das Umspannwerk in der Borngasse. Und langfristig immer noch auf das „Haus für Musik”, wenigstens auf eine schlanke Lösung mit dem Eurogress. Irgendwie. Irgendwann. Das Orchester hätte mehr Zuverlässigkeit und Perspektive verdient.

Klar: Dieser Musikkörper ist etwas Besonderes. Er hat gerade in den letzen Jahren einen enormen künstlerischen Aufschwung geschafft und ist nicht einmal temporär in eine spürbar-hörbare Abwärtsbewegung geraten. Manche Kritiker, die gerne und vorsätzlich ganz genau hinhören, werden auf der Spurensuche nach tonalen Defiziten kleinster Art mit strengsten Maßstäben sicher hier und da Kleinigkeiten aufstöbern, geschenkt: Am Ende bleibt das Ergebnis, dass das Sinfonieorchester Aachen zu den besten in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus gehört, erst recht wenn man Größe, finanzielle Mittel und andere Rahmenbedingungen vergleicht.

Zwei Tage vor einem Sinfoniekonzert darf das Orchester im Eurogress proben. Natürlich zahlt es dafür Miete. Ordnung muss sein. das als Gast mitten im Geschehen zu erleben, ist ein zunächst seltsames Gefühl. Man sitzt - und steht - hinter dem Orchester. Man schaut den Musikern über die Schulter. Man beobachtet sie während ihrer Einsätze, während ihrer Pausen. Mal wirken sie völlig entspannt, mal durch und durch konzentriert.

Sie kritzeln im schnellen Rhythmus eine Randnotiz in ihr Notenblatt, sie schwätzen kurz mit ihrem Nachbarn, und während einer Mehrtaktpause hat der eine Zeit für einen Blick in die neueste Ausgabe eines auf dem Notenständer spiegelnden Nachrichtenmagazins, der andere für eine kurze Info, die ihm sein Mobiltelefon sichtbar und - vor allem - lautlos aktuell präsentiert.

Auf dem Fußboden der Bühne begegnet uns das Übliche aus dem Alltagsleben von Menschen: ein Rucksack, ein Portemonnaie, eine Packung Papiertaschentücher, ein Schlüsselbund, ein Handy. Bei dem sympathischen Tuba-Kollegen muss hin und wieder ein Schluck Wasser (Medium) für Frische-Nachschub sorgen. Der Paukist wechselt unterdessen zwischen zurückgelehnter Körperhaltung vom Typ „Relax”, konzentriertem Blick in die Noten und stillem Warming-up mit weichen und nicht hörbaren Schlägen auf seine Knie.

„Über den Wolken”

Eine erstaunliche Gelassenheit scheint das Ensemble ergriffen zu haben, rein äußerlich. Die Aufmerksamkeit manifestiert sich unterdessen in ständiger Bereitschaft zum Einsatz. Wenn der Dirigent ab Takt 66 (oder war es 67?) wiederholen lässt, sind Handy, Nachrichtenmagazin, Programmheft und Wasserflasche in Sekundenschnelle abgemeldet. Der Laie ahnt: Die haben das im Griff. Und er spürt: Das sind unaufgeregte, bodenständige, akkurate Orchestermusiker, die auch bei einer Probe die Freude an ihrem Beruf in großen Mengen versprühen. Das macht sie über die Harmonie ihrer schönen Töne hinaus einfach liebenswert .

Marcus R. Bosch dirigiert in ruhiger Mimik und Geste, er spricht eher leise als laut, eher freundlich als ungeduldig. Seine Unterbrechungen sind Hinweise, keine Belehrungen. Ob das immer so ist, erschließt sich dem Besucher natürlich nicht. Könnte aber sein. Nervös? Nein, nicht wirklich, sagt er. Jedenfalls wohl nicht bei der Probe. Wahrscheinlich selten vor einem Konzert. Nervosität, so hat der vor wenigen Tagen 40 Jahre alt gewordene Generalmusikdirektor festgestellt, äußerst sich bei ihm durch Müdigkeit. Und müde ist diese musikalische Persönlichkeit ja wohl nicht!

Das 2. Sinfoniekonzert kokettiert mit dem schönen Titel „Über den Wolken”. Muss man mehr zu diesem faszinierenden Orchester sagen?

Deutsche Erstaufführung am Mittwoch und Donnerstag

Am Mittwoch und Donnerstag, jeweils um 20 Uhr, spielt das Sinfonieorchester Aachen Werke von Detlev Glanert (Doppelkonzert für zwei Klaviere und Orchester, deutsche Erstaufführung) und Gustav Holst (Die Planeten op. 32). Mit dabei sind unter der Leitung von Marcus R. Bosch das bekannte Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher sowie die Damen des Opernchors Theater Aachen und des sinfonischen Chors Aachen, Einstudierung Frank Flade.

Ein Mitschnitt des Doppelkonzerts von Detlev Glanert durch das Deutschlandradio Kultur erscheint als CD. Am 15. November, 11 Uhr, findet das erste Mozart-Konzert in der neuen Reihe „M&M” in der Ausstellungshalle von Mercedes Benz, Aachen, statt.
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