Sinfonieorchester: Selten wird Mahlers „Erste“ so schön gespielt

Von: Pedro Obiera
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Das Orchester unter der Leitung von Kazem Abdullah glänzte mit einer grandiosen Spielqualität im Aachener Eurogress: Geigensolist Michael Barenboim konnte dieses Niveau nicht erreichen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das Angenehme zuerst: Die Sinfonien Gustav Mahlers, die selbst Marcus Bosch Probleme bereiteten, sind bei Kazem Abdullah offenbar bestens aufgehoben. Die Aufführung der 1. Sinfonie im 6. städtischen Sinfoniekonzert im Aachener Eurogress gehört zum Besten, was auf diesem Gebiet seit langem zu hören war.

Gleich die Naturklänge der berühmten Einleitung brachte Abdullah mit feinem Klangsinn und anhaltender Spannung zum Klingen. Die in dieser Sinfonie überschaubaren, aber immer noch umfangreichen Dimensionen der Sätze hielt er mit kluger Übersicht unter Kontrolle. Abdullah setzte auch in den Höhepunkten nicht auf dynamischen Überdruck, sondern bevorzugte eine Klangkultur von edler Noblesse.

Delikatesse noch verfeinert

Interessant, dass die Schärfen und Reibungen der Partitur dennoch nicht zu kurz kamen, so dass die emotionalen Ein-, Aus- und Zusammenbrüche überzeugend hörbar wurden. Eine Interpretation, die eine konzentrierte Gelassenheit ausstrahlte, kein mit geballter Faust exerzierter Klangexzess.

Das gelingt freilich nur mit einem Ensemble, das die erheblichen solistischen und orchestralen Schwierigkeiten souverän bewältigen kann. Und da muss man Abdullah und seinem Musikern bescheinigen, dass die von Marcus Bosch erreichte Spielqualität in keinem Punkt nachgelassen hat, teilweise noch an verfeinerter Delikatesse hinzugewonnen hat. Ein Kompliment, das an die Musiker weitergereicht werden sollte.

Vor der Pause ging es im voll besetzten Eurogress nicht ganz so glücklich zu. Zwar können Aufführungen von Alban Bergs genialem Violinkonzert Sternstunden bereiten. Allerdings nur, wenn Solist und Orchester auf gleich hohem Niveau agieren. Dass das Aachener Sinfonieorchester anstelle des ursprünglich vorgesehenen Konzerts von Robert Schumann quasi aus dem Stand Bergs erheblich komplizierteres Werk mehr als achtbar stemmen konnte, verdient Respekt und hätte den Nährboden für eine ordentliche Interpretation bereiten können.

Gewaltakt des Solisten

Aber Michael Barenboim, der Sprössling eines berühmten Musikers, hat sich an dem Gewaltakt böse verhoben. Mit seinem dünnen, glanzlosen Ton konnte er sich so gut wie nie gegen das von Abdullah hilfreich zurückgehaltene Orchester durchsetzen.

Schlimmer noch: Der Solist fand zu keiner musikalischen Linie, buchstabierte den ordentlich geübten, wenn auch keineswegs lupenrein intonierten Notentext ohne ideelle Substanz und emotionale Anteilnahme. Die Erschütterungen, die Bergs bewegendes Requiem auf den Tod der 18-jährigen Manon Gropius auslösen kann, blieben aus.

Freundlicher Beifall für diese problematische Leistung. Ovationen für die Mahler-Symphonie.

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