Aachen - Simon Rußig: Theater darf ruhig auch mal überfordern

Simon Rußig: Theater darf ruhig auch mal überfordern

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Blonde Haare, blaue Augen, weiße Zähne, klare Haltung: Schauspieler Simon Rußig. Foto: Harald Krömer
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Der 29-Jährige spielt in Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ am Aachener Theater den angeklagten Kampfpiloten. Foto: Harald Krömer

Aachen. 19 Mal ist er jetzt schon freigesprochen worden. „Leider“, sagt Simon Rußig – und in seinen hellblauen Augen blitzt kein Fünkchen Ironie auf. Als Major der Luftwaffe hat er gegen den Befehl seines Vorgesetzten ein Passagierflugzeug abgeschossen.

Es war von einem Terroristen entführt worden und sollte in eine voll besetzte Fußball-Arena gesteuert werden. Er hat also 164 Menschen getötet, um 70.000 zu retten. Durfte er das?

Nein, findet Rußig, das verstoße schließlich gegen das Grundgesetz. Aber ihn fragt am Ende der Vorstellung ja keiner. Der 29-Jährige spielt in Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ am Aachener Theater den angeklagten Kampfpiloten. Und da darf das Publikum Richter spielen.

19 Mal „unschuldig“

In 19 ausverkauften Aufführungen hieß es bisher 19 Mal „unschuldig“. Offenbar hat Simon Rußig den uniformierten Familienvater für die meisten Zuschauer in der Kammer sehr überzeugend dargestellt – gegen seine persönliche Überzeugung. Die klaren Abstimmungsergebnisse findet er „ein bisschen erschreckend“. „In Zeiten des Terrors muss man aufpassen, dass man keine Regel aufweicht“, meint der Schauspieler.

Für ihn kaum ein Trost: Seine Eltern haben eine Vorstellung besucht – und ihn schuldig gesprochen. Aber das sei ja zu erwarten gewesen. Beide sind Juristen, erzählt das neue Ensemblemitglied bei Rhabarberschorle und Tagliatelle im Aachener Café Kittel.

Schnell wird im Gespräch klar, dass der schlanke Mann in schwarzem Hemd und schwarzer Strickjacke sehr gerne Stellung bezieht. Das böse Vorurteil, Schauspieler seien nur Aufsagepuppen für die Texte anderer, kommt einem keine Sekunde in den Sinn. Die Studentenkneipe hatte Rußig als Treffpunkt vorgeschlagen, seine eigene Studentenzeit ist noch gar nicht so lange her.

Er kommt frisch vom Salzburger Mozarteum, doch vor dem Schauspielstudium hat er in Köln bereits einen Abschluss in Sozialwissenschaften gemacht. In seiner Bachelor-Arbeit hat er die Chancen eines einheitlichen europäischen Sozialmodells analysiert – „scheint ja zurzeit nicht so angesagt zu sein“, sagt er nachdenklich.

Schon während Rußig die Arbeit schrieb, bewarb er sich an Schauspielschulen – und brauchte nur zweimal vorzusprechen. „Ich hatte großes Glück, ich musste nie dafür kämpfen, Schauspieler zu werden“, sagt er. Auch nicht zu Hause. Seine Eltern meinten nur: „Wir habene_SSRqs gewusst.“

Es war auch kein plötzlicher Sinneswandel. Schon früh zog es Rußig, Schüler-Abonnent am Nationaltheater Mannheim, auch auf die Bühne – in der „ziemlich professionellen Theater-AG“ am Kurpfalz-Gymnasium in Schriesheim, gelegen inmitten von Weinstöcken an der Bergstraße zwischen Heidelberg und seinem Geburtsort Darmstadt, und dann während seines ersten Studiums in Kölns freier Szene.

Von seinem Wissen über Gesellschaftskunde kann er auch als Schauspieler profitieren: etwa jetzt bei Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“. Für Rußig ist der Roman, der ab 19. März auf die große Bühne gebracht wird, „fast eine soziologische Studie“, die Aufarbeitung einer Familiengeschichte – und der deutschen Geschichte: Siggi Jepsen sitzt in einer Jugendstrafanstalt und erinnert sich an seine Kindheit in den 40er Jahren, damals hat sein Vater, ein Polizist, im Auftrag der Nationalsozialisten seinen Jugendfreund überwacht, einen Künstler, der mit einem Malverbot belegt worden war.

„Erschreckend, wozu Menschen in der Lage sind“, meint Rußig, „in blinder Pflichterfüllung selbstständiges Denken auszuschalten.“ Das Thema hält er auch für „erschreckend aktuell“ angesichts des „unangenehmen Rechtsrucks“ in Deutschland.

Auf der Bühne aber soll es keine plakativen Bezüge zum Heute geben, sondern Lenz pur, fünf Schauspieler und ein gemeinsames Erinnern. „Wir sind alle Siggi“, erklärt Rußig den Regie-Ansatz Bernadette Sonnenbichlers. „Siggi schreibt die Geschichte auf. Wir befinden uns in seiner Zelle – und damit in seinem Kopf.“

Aber jetzt mal zu den Äußerlichkeiten. Die spielen bei Schauspielern ja eine Rolle. Blonde Haare, blaue Augen, weiße Zähne („Mein Bruder ist Zahnarzt“) und 1,83 Meter groß. Simon Rußig ist weder Beau noch Biedermann. Hinter seiner Normalo-Fassade schlummert aber ein geheimnisvoll-gefährliches Potenzial.

Auffällig, dass er bisher öfter Soldaten spielte: auch zu sehen in Videos auf der Homepage seiner Agentur. Dabei hat er selbst „überhaupt keinen Bezug zum Militär“, war auch nicht beim Bund. „Ausgemustert.“

In Klarsichtfolie verpackt

Als Major Lars Koch in „Terror“ sitzt Rußig beherrscht am Tisch: ein sehr reduzierter und konzentrierter Sprechakt im nachgebauten Gerichtssaal. Aber er kanne_SSRqs auch körperlich: Von der Marivaux-Komödie „Der Streit“ bleibt vor allem in Erinnerung, dass er hingebungsvoll an den Fingern der Partner nuckelte, und im „Auftrag“ durfte er sich in Klarsichtfolie einwickeln. „Selbstmörderisch“ fand das manch einer. Rußig muss lächeln. „Na ja, dann war das wohl gut gespielt.“ Er selbst mag sperrige Inszenierung wie diese Heiner- Müller-Aneignung. „Gut, dass Theater den Zuschauer fordert oder überfordert“, findet er.

Mit seinem ersten festen Engagement ist der 29-Jährige „sehr zufrieden“. „Ich weiß ja um den Arbeitsmarkt“, fügt er hinzu – also: um die vielen arbeitslosen Kollegen. Er will in Aachen eine „gute Zeit“ haben. Auch wenn er jetzt in den Endproben kaum Zeit für ein Privatleben hat: Statt Wandern in den Bergen rund um Salzburg geht er jetzt eben laufen auf dem Lousberg. „Wenn ich eine Sache wirklich gut kann, dann ist das leben“, klingt wie ein Motto. Das bedeute nicht Dauer-Party, sondern etwa Essen und Kochen.

Major Lars Koch trägt einen Ehering. Simon Rußig nicht. Ist er liiert? „Mein Privatleben hat in der Zeitung nichts verloren“, sagt er knapp. Ja, ja, Geheimnisse machen nicht nur Theaterfiguren interessanter.

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