„Shakespeares sämtliche Werke“: Hamlet als Western und Musical

Von: Eckhard Hoog
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Othello als Rapnummer: in „Shakesperas sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ als Open-Air-Produktion des Aachener Das Da Theaters auf Burg Frankenberg in Aachen. Foto: Achim Bieler

Aachen. Othello rapt wie ein Eminem des frühen 17. Jahrhunderts, Titus Andronicus landet zur fröhlichen Verwurstung auf dem Küchentisch eines zungenmälzernden Fernsehkochs, der einem irgendwie bekannt vorkommt, Romeo stirbt an einer Überdosis Antiasthmatikum aus der Sprühflasche, ohne Julia etwas übrig zu lassen. Die kann nun gucken, wie sie ihr tragisches Bühnenleben selbst sach- und fachgerecht zu Ende bringt . . .

Überraschende Wandlungen jedweder Art und ungeahnte Turbulenzen macht das vermeintlich allseits bekannte Personal aus den 37 Stücken von Altmeister Shakespeare an diesem Abend durch: Seine „Sämtlichen Werke“, von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield „leicht gekürzt“, gehen in knapp 90 Minuten als Sommerproduktion des Aachener Das Da Theaters open air auf Burg Frankenberg über die Bühne.

Über die Bühne? Falsch: über die Galerien und Stockwerke eines halb nachgebauten Globe-Theaters im Kleinformat, das Frank Rommerskirchen als ganz erstaunliche Holzkonstruktion im Schatten des Bergfrieds entworfen hat. Genug Platz für Bernhard Schnepf, Lena Sommer und Mario Thomanek, sich nach allen Regeln der Kunst in unzähligen Rollen und Kostümen (Frank Rommerskirchen und Nadine Dupont) auszutoben.

Da wird gefochten, dass sich die Balken biegen, geschossen, erdolcht, gewürgt und überhaupt laufend gemeuchelt – kein Wunder bei den gut 100 von 1200 Shakespeare-Figuren, die in den Dramen insgesamt ins Gras beißen.

Munter selbst anmoderiert, gibt das Trio alles, um unter der Regie von Achim Bieler ganz bewusst alle schmierenkomödiantischen Register zu ziehen – wobei immer wieder planmäßig etwas schiefgeht. Entweder klemmt der Dolch oder der Auftritt wird verpatzt.

Zeichentrick im Video

Die Komödien laufen zusammengefasst als Zeichentrickvideo (Achim Bieler) ab, die Historien gefechte tragen die Könige fußballerisch aus. Und immer wieder grüßt das Murmeltier, wenn Schnepf und Kollege Thomanek zum Säbel greifen – manchmal ist weniger an Action mehr. Die Grenzen zwischen lustiger Turbulenz und Albernheit geraten mitunter fließend, auch in der letzten halben Stunde, in der „Hamlet“ in typische Szenen verschiedener Film- und Bühnengenres zerlegt wird – vom Horrorfilm und Western übers Musical bis zum Science-Fiction- und Mantel- und Degen-Film.

Da wechseln bisweilen nur die Waffen – Lichtschwerter statt Säbel –, die Fechterei bleibt. Am Ende wird das Ganze auch noch rückwärts gespielt, und man kommt zu der Einsicht: Der ganz „normale“ Shakespeare ist eigentlich so schlecht nicht.

Die Darsteller immerhin gehen mit spürbarer Spielfreude ans Werk. Das Premierenpublikum klatschte lebhaft Beifall.

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