Seltsamer Vogel im Dämmerlicht

Von: Jenny Schmetz
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Der Forscher und sein Objekt: Ludwig (Josef Ostendorf) nimmt eine Vogelei-Schale unter die Lupe. Foto: David Baltzer

Köln. Solch ein Buhsturm, wie er Anna Viebrock im Kölner Schauspielhaus um die Ohren pfeift, ist ein seltenes Naturereignis. Im Bravoglanz dürfen sich nur die Schauspieler sonnen, der bekannten Bühnenbildnerin aber schlägt ungewöhnlich einmütige Unzufriedenheit entgegen.

Obwohl die Buhrufe am Ende ein wenig ermattet klingen, weil viele Zuschauer aus einer narkotischen Schläfrigkeit auftauchen. Nach rund 100 Minuten dämmriger Denkspielerei auf der Bühne ist ihnen das allerdings nicht zu verdenken.

Viebrock versucht sich in Köln auch als Autorin und Regisseurin: Ihr Uraufführungswerk „Der letzte Riesenalk” widmet sich nicht etwa dem Leben eines großartigen Säufers, sondern dem Ableben eines im 19. Jahrhundert ausgestorbenen, pinguinartigen Vogels. So seltsam, wie sich das anhört, ist der Abend dann auch.

Auf der breiten Bühne liegen nebeneinander Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer. Grau und piefig. Dank Viebrock, der Meisterin des Laminatimitats, ist mal wieder die Zeit stehengeblieben. Ihr Raum erinnert mit Wärter und Absperrungen an eine Vitrine im Museum oder ein Gehege im Zoo.

Darin ist Josef Ostendorf, ein zart säuselnder Fettberg im weißen Knitterkittel, als Wissenschaftler am Mikroskop und Computer zu beobachten. Ist er überhaupt Forscher oder nicht doch Forschungsobjekt? Ornithologe oder Psychiater? Kopfruckendes, fingernägelkauendes Tier oder an Angstzuständen und Hospitalismus leidender Patient?

Viebrocks rätselhafte Kopfgeburt, die sich unter anderem aus Marcel Beyers Roman „Kaltenburg”, Platon, Charles Darwin und Konrad Lorenz speist und mit Grunzen, Schnattern, Keckern und elektronischen Störgeräuschen gefüttert wird, lässt das offen. Kaum Dialog, kaum Handlung helfen den Zuschauern auf die Sprünge. Nicht Drama ist das Ganze, sondern Diorama, so lautet der Untertitel. Also ein Durchscheinbild oder Schaukasten - zum Beispiel mit ausgestopften Tieren.

Lähmende Leblosigkeit kennt man auch aus den Inszenierungen Christoph Marthalers, mit dem Viebrock als Ausstatterin ihre eindrucksvollsten Arbeiten gelangen. Doch da wurde der Stillstand mit Slapstick und Gesang aufgeladen, bei Viebrock hingegen mangelt es an Musikalität und Witz. Zwischen ratlos auf die Uhr blickenden und dösenden Zuschauern bleibt einem also viel Zeit zum Trauern und Träumen - über den ausgestorbenen Riesenalk oder das vom Aussterben bedrohte Medium Theater.

Zwischen Melancholie und Ratlosigkeit

Die Rezensenten versuchen, Sympathie für den „Riesenalk” aufzubringen, aber bleiben auch überwiegend ratlos. „Kein großer Wurf”, meint „nachtkritik.de”, „aber ein melancholischer (...) Abend (...) von stiller Konzentration”. „Zu zäh, ziellos und unverbindlich rätselhaft”, urteilt dagegen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Der „Kölner Stadt-Anzeiger” empfindet zwar auch tiefe Melancholie, aber befürchtet, dass der Abend sich „allzu wenig um seine Adressaten” kümmere.

Die nächsten Aufführungen: 27. Februar (mit Diskussion), 2., 11., 14. und 22. März, 19.30 Uhr.

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