Sehr differenziert: Boschs„Matthäus-Passion”

Von: Pedro Obiera
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Aachen. Das Domkonzert in der Aachener Citykirche St. Nikolaus: Das bedeutet überschaubarere und kompaktere räumliche und klangliche Dimensionen, aber auch eine klaustrophobisch drangvolle Enge im voll gepferchten Zuschauerraum, wenn man ihn mit Stühlchen bestückt, auf denen sich allenfalls Grundschulkinder wohl fühlen dürften.

Da wird über die dreieinhalbstündige Strecke der „Matthäus-Passion” die Leidensgeschichte auch körperlich erfahrbar. Zumindest für die Rückenmuskulatur.

Die Bach-Interpretationen von Marcus R. Bosch gehören mittlerweile zur lieb gewonnenen Tradition im Aachener Musikleben. Dabei ist man vor Überraschungen nicht sicher. Bosch schlug diesmal erheblich differenziertere und oft ruhigere Tempi an als in den gehetzten Darstellungen der h-Moll-Messe oder gar des Weihnachts- Oratoriums. Die letzten Arien nahm er sogar ungewöhnlich schwer.

Besonders markant die Bass- und Gamben-Arie „Komm, süßes Kreuz”, in der Bach an sich einen betont leichten, tänzerisch punktierten Kontrapunkt zum beschwerlichen Kreuzgang setzt, den Bosch überspielt. Damit unterbricht er den Fluss des Riesenwerks und nimmt riskante Spannungseinbrüche in Kauf.

Ein zweites Problem betrifft die klangliche Ausrichtung. Da der Chor auch mit der räumlichen Enge zu kämpfen hatte, blieb die doppelchörige, quasi stereophone Anlage folgenlos. Der Nachhall der Nikolauskirche tat ein übriges, so dass auch im Eingangschor die markanten Bass-Punktierungen ebenso litten wie die Textver- ständlichkeit der Chöre. Die Choräle gestaltete Bosch sehr differenziert, stets gehaltvoll, aber niemals pathetisch.

Die Volkschöre bewahrten trotz kluger Kontrolle ihre dramatische Schärfe, und die großen Ecksätze überzeugten durch Boschs wie immer vorbildliche Phrasierung. In diesem Zusammenhang gehört den mit bestens geschulten Stimmen besetzten Chören hohes Lob: den von Martin te Laak einstudierten Aachener und Overbacher Kammerchören, dem Chor der „vocapella” (Andreas Küppert) und nicht zuletzt dem Kinder- und Jugendchor des Theaters Aachen (Frank Flade).

Eine homogene Solistenriege für die „Matthäus-Passion” zu finden, ist schwierig, wenn nicht unmöglich. Mit seinem hellen Charaktertenor bot Johannes Chum beste Voraussetzungen für eine klug deklamierte und präzis gesungene Gestaltung der anspruchsvollen Evangelisten-Partie. Auch die kniffligen Tenor-Arien gelangen ihm vorbildlich.

Derbere Akzente setzte Martin Berner in den Bass-Arien und den Partien des Petrus und Pontifex. Der Jesus von Florian Spiess wirkte etwas blass, die Sopranistin Michaela Maria Mayer hatte mit einigen unflexiblen Härten in den Höhen zu kämpfen. Die ausgedehnten Alt- Arien bewältigte Marie-Claude Chappuis auf erfreulichem Niveau.

Begeisterter Beifall für einen anspruchsvollen Abend.
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