Schwere Kost: „Der goldene Drache” im Theater Aachen

Von: Sabine Rother
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Starkes Ensemble auf dem Reiss
Starkes Ensemble auf dem Reissack-Berg: (von links) Felix Strüven, Björn Jacobson, Nele Swanton, Elisabeth Ebeling (vorn) und Rainer Krause in dem Stück „Der goldene Drache” von Roland Schimmelpfennig, das im Theater Aachen am Wochenende Premiere hatte. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Blut, Schmerz, Gewalt und Tränen: „Der goldene Drache” bringt diesen Menschen kein Glück, sondern Leid in allen Facetten. Er weckt das perverse und mörderische Spiel mit der Macht und vernichtet.

Regisseurin Ewa Teilmans hat das extrem schwierige Stück von Roland Schimmelpfennig (Jahrgang 1967), ausgezeichnet 2010 mit dem Mülheimer Theaterpreis und von der Kritik als „Stück des Jahres” gekürt, für das Große Haus des Theaters Aachen umgesetzt.

Schwerstarbeit, die ohne ihre fünf grandiosen Akteure Felix Strüven, Elisabeth Ebeling, Nele Swanton, Rainer Krause, Björn Jacobsen vermutlich in einem Desaster enden würde. Diese fünf spielen 17 Figuren in 48 Szenen, sie sind wandelbar ohne großen Kostümwechsel, textsicher, selbstironisch, spieltechnisch perfekt, und sie halten etwas aus. Denn das müssen sie. Bühnenbildner Manfred Kaderk schuf einen großzügigen Raum aus weißen, bühnenhohen Stoffbahnen, unterbrochen durch Lichtleisten, dominiert von der Darstellung eines rot-goldenen chinesischen Drachens. Vor der Bühne gibt es einen Wasserlauf, der je nach Beleuchtung magische Schattenbilder auf die umliegenden Wände wirft. Die Klangkulisse gestaltete Malcolm Kemp. Ein Hügel aus Reissäcken, die die Ensemblemitglieder hereinschleppen, ist Spielort für alle Szenen - ob nun asiatisches Restaurant, Kiosk oder weitere Wohnungen im Haus.

Überall wird gequält, überall herrschen Angst und Missbrauch, überall werden Hoffnungen nicht nur vernichtet, sondern regelrecht zertrampelt. (Blut-)roter Faden ist dabei Jean de la Fontaines Fabel „Die Grille und die Ameise”, bei der die Grille nach einem Sommer voller Gesang die fleißige Ameise um eine milde Gabe bittet. Die Ameise ist hartherzig. Hätte die Grille gearbeitet wie sie, wäre sie nicht in Not . . . Im Stück dreht Schimmelpfennig die Geschichte weiter, und unversehens geht es um Zwangsprostitution, Verstümmelung und Mord.

Große Präzision

Ewa Teilmans hat mit den Akteuren die raschen Szenenwechsel in bewundernswerter Präzision erarbeitet, alles klappt perfekt. Dabei spürt man, wie das Tempo zunimmt, wie sich das Unheil verdichtet. Wenn zu Anfang die beiden Jungen Vincent-Cornelius und Xavier-Nicolaus Orawiec als Bruder und Schwester durch das Wasser laufen und das „Jasmin”-Lied, eines der bekanntesten chinesischen Volksweisen, klangschön und melancholisch anstimmen, ahnt man bereits, dass dies tragischer Kern der Geschichte sein wird.

Gleich darauf gellen die Schreie eines jungen Chinesen in der winzigen heißen Küche des Lokals. Er hat irrsinnige Zahnschmerzen, aber niemand wagt es, ihn zu einem Arzt zu bringen, denn er ist illegal in Deutschland, wo er seine Schwester suchen und für die in der Heimat hungernde Familie Geld verdienen will.

Die Handlung wirbelt weiter. Es ist so, als ob der Autor alles in einen großen Topf wirft, den er beständig umrührt. Strukturierend wirken zu Anfang noch die Ansagen des Küchenpersonals mit Nummern und Zutaten der Gerichte, getanzt in Thai-Chi-Formation. Doch das gerät zunehmend aus den Fugen. Blut quillt mehr und mehr aus dem Mund des malträtierten Zahn-Opfers, die Grille, von der man längst ahnt, dass sie das verschleppte chinesische Mädchen ist, wird vergewaltigt und von einem ihrer Peiniger im Suff ermordet. Wer gerade nicht an der Szene beteiligt ist, sitzt abseits - wendet sich ab. Eine Mahnung?

Das sind feine Beobachtungen im Rahmen einer Handlung, die letztlich mit dem Holzhammer und in einer Art atemloser Überblendungstechnik den Zuschauern, die 105 Minuten an einem Stück aushalten müssen, bekannte Sachverhalte aufdrängt. Ist es wirklich einprägsamer, wenn ein Mensch permanent wie am Spieß schreit, ohne Unterlass Theaterblut gespuckt wird, wenn die Vergewaltigung nicht genug erscheint, sondern der Stiel der Klobürste auch noch blutrot ist und der böse alte Mann herumprügelt? Schimmelpfennig hat einmal betont, dass er eine „wirkliche Verbindung” zum Leiden der Illegale sucht. Aber wenn sich der Zuschauer schließlich angeekelt abwendet und irgendwann nur noch hofft, dass es aufhört, ist das wohl nicht der gewünschte Effekt.

Sandra Münchow sorgte als Kostümbildnerin für kleine, wirksame Details und ist mit diesen Signalen eine gute Begleitung der Regie in den schnellen Verwandlungen. Ewa Teilmans und ihr Team haben sich größte Mühe gegeben, dem Gedankengeflecht Form zu geben. Eindrucksvoll ist die bühnengroße Projektion eines heranfliegenden dunklen Vogels, der wie ein grauer Ball in der Ferne auftaucht, dumpf gegen die Realität einer Fensterscheibe prallt und verletzt mit klopfendem Herzen liegen bleibt. Dieser Ausschnitt aus dem Kunstvideo „Zugvogel” von Andreas Mares lässt niemanden kalt. Wird die Szene allerdings mehrfach eingespielt, weichen Mitleid und Schreck einer eher ungeduldigen Abscheu. Und das ist eher unglücklich.

Zahn wird gelutscht

Wenn eine der beiden „Stewardessen” schließlich den brutal herausgerissenen, kariösen und noch blutigen Zahn in ihrer Suppe findet, ihn herausfischt und schließlich - fasziniert vom Unfasslichen - in den Mund steckt und lutscht, wird der Kreis auf kuriose Weise geschlossen.

Saßen in einer surrealen kleinen Szene alle Familienmitglieder im zerstörten Zahn und winkten dem Jungen im fernen Ausland zu, so wird nun mit dem toten Chinesen auch der Zahn ins Wasser geworfen. Im Tod nehmen gnädige Wogen den Bruder auf, der seine Schwester sucht, und bringen seine Seele heim.

Wie zu Beginn des Stückes kommen die beiden stillen „chinesischen Kinder” schließlich erneut auf die Bühne, diesmal mit einem Totenkopf, den sie zwischen sich auf dem Reissack-Hügel legen. Anerkennender Beifall für alle Beteiligten.
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