Linnich - „Schwanengesang” eines Weltkünstlers im Glasmalerei-Museum Linnich

„Schwanengesang” eines Weltkünstlers im Glasmalerei-Museum Linnich

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Mit Unterstützung von Ursula
Mit Unterstützung von Ursula Schaffrath-Busch, der Tochter von Ludwig Schaffrath (rechts), realisierte Myriam Wierschowski, Leiterin des Deutschen Glasmalerei-Museums Linnich, die erste umfassende Werkschau nach dem Tod des Alsdorfer Glasmalers. Foto: Dorothée Schenk

Linnich. Er war einer der größten Künstler, die unsere Region je hervorgebracht hat: der Alsdorfer Glasmaler, Bildhauer, Zeichner, Maler und Kunstprofessor Ludwig Schaffrath.

Unzählige Gebäude auf der ganzen Welt tragen seine Handschrift, in den USA galt er als der einflussreichste Guru der Glasmalerei. Im Februar 2011 ist er nach langer Krankheit im Alter von 86 Jahren gestorben. Und obgleich sein Werk von Aachen bis Yokohama im öffentlichen Raum global derart weit verbreitet und präsent ist wie bei kaum einem anderen Künstler, gaben bislang allenfalls kleine Präsentationen ausschnittweise Einblick in sein gesamtes Schaffen.

Erstmals stellt jetzt eine Retrospektive mit 60 autonomen, nicht architekturgebundenen Glasfenstern und einer ganzen Reihe von Mosaiken, Malereien, Textilarbeiten und Entwürfen für Sakralobjekte den ganzen künstlerischen Kosmos des Ludwig Schaffrath in seiner Entwicklung von den 50er Jahren bis zum Spätwerk vor. „Ludwig Schaffrath - Universum in Glas” lautet der treffende Titel der Ausstellung im Deutschen Glasmalerei-Museum in Linnich.

Erschütternder Moment

Ein alter griechischer Mythos besagt, dass Schwäne vor ihrem Tod mit trauriger, aber wunderschöner Stimme ein letztes Lied anstimmen. 2004, nach einer schweren Lungenoperation, reichte Ludwig Schaffrath seinem Arzt die Hand mit den Worten: „Jetzt beginne ich meinen Schwanengesang.” Seine älteste Tochter, Ursula Schaffrath-Busch, offenbarte uns diesen erschütternden Moment im Leben ihres Vaters. Sie verwaltet seinen Nachlass und stand Museumsdirektorin Myriam Wierschowski bei der Vorbereitung der Schau mit Rat und Tat zur Seite.

„Schwanengesang” - so nannte Schaffrath einen 30-teiligen Zyklus, an dem er von 2004 bis zu seinem Tod gearbeitet hat. 27 dieser wunderbaren Fenster stehen jetzt im Zentrum der Ausstellung - wie die Krönung eines Lebenswerks. Motive der Erinnerung, der Widmung und der Verehrung kommen in traumhaften Kompositionen zum Ausdruck - bis hin zu ganz persönlichen traumatischen Ereignissen. Im Glasbild „Alakurti” (2005) umgibt er in einer freien Komposition eine tundraschwarze Landschaft mit dem Blau des Meeres und der Seen, durchschnitten von einer roten Piste - künstlerische Reminiszenz an ein nachhaltig einschneidendes Kriegserlebnis des jungen Piloten, der während eines Einsatzes in Finnland einen Steckschuss erhielt, den er nur knapp überlebte. Beim Blick aus dem Flugzeug muss sich damals der Eindruck von der Landschaft für immer in seinem Gedächtnis eingebrannt haben.

Seinen großen Lehrern Johan Thorn Prikker, Frank Lloyd Wright, Anton Wendling und Ludwig Mies van der Rohe widmet er jeweils einen letzten Gruß und zitiert dabei charakteristische Elemente ihrer eigenen Formensprache: Beim Architekten Wright sind es Naturformen und Farben, die aus dessen Liebe zu Japan gespeist sind. Papierene Wände, sich wiegender Bambus im Wind - diese Vorstellungen vereinen sich zu einer sanften Symphonie aus Farben und Linien und machen einmal mehr klar, weshalb man Schaffraths Bilder poetisch mit „Gesang der Stille” benannt hat.

Bei der Hommage an Mies van der Rohe erinnern Raster aus Blei und Prismen an des Baumeisters Skelettbauten aus Stahl und Glas - eine erhabene Komposition wie die Huldigung an eine allumfassende Ordnung in der Welt.

Die Verbundenheit mit seiner Heimat Alsdorf kommt zum Ausdruck in Werken, die unmittelbar Bezug nehmen auf den Bergbau, auf Fundstücke aus dem Kohleabbau wie versteinerte Bäume und andere Fossilien. So nennt er diese Bilder von dunklen, geheimnisvollen Gestalten auf einem lichten Blau auch: „Fossil”. Erd- und Lebensgeschichte, Ewigkeit, Vergangenheit und Gegenwart: Der Weise ahnt den tieferen Zusammenhang all dessen.

Die letzte Arbeit des „Schwanengesangs” stammt aus dem Jahr 2011: „Epitaph” - ein Andachtsbild, das eine Gestalt aus ineinandergreifenden Kreisformen darstellt, die auf schwarzem Grund lichte Ausblicke gewähren in ein hoffnungsfrohes Blau, noch verschnürt von orangenen, sich kreuzenden Streben. Bis zuletzt ist Ludwig Schaffrath sich selbst treu geblieben: Statt bloße Illustrationen zu schaffen, die Gedankengänge festlegen, bietet er allgemeingültige Kristallisationspunkte für Assoziationen in einer Formensprache, die in Japan ebenso verstanden wird wie in Europa oder in den USA. Die Experimente mit Hinterglasmalereien aus den Fünfzigern, erste Pixelraster in seinen Mosaiken von 1959, Versuche mit geklebtem Verbundglas und Farbaufträgen aus Klebefolien, Prismenfenster aus den 60er Jahren, schließlich seine typischen Kon-struktionen aus fließenden Flächen und Linienbündeln - all das lässt sich hier in chronologischer Folge nachvollziehen.

Ein unaussprechlicher Ausdruck von erhabener Schlichtheit liegt in all diesen Werken. Dabei ist es faszinierend zu sehen, wie intensiv Schaffrath über Jahrzehnte hinweg nach immer neuen Lösungen suchte. Nebenbei entwarf er auch noch die Silberkette für den Sebastianus-Schützenverein in Linnich, gleichfalls ein Exponat in der Ausstellung - und auch das dokumentiert auf seine Weise ganz schlicht: Größe.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert