Aachen - Schrittmacher-Tanzfestival: Voller Leidenschaft, Würde und Mythen

Schrittmacher-Tanzfestival: Voller Leidenschaft, Würde und Mythen

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Faszinierend: Die Richard Alston Dance Company aus London begeisterte das Publikum beim Aachener Schrittmacher-Festival mit vier Choreographien in der Fabrik Stahlbau Strang. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Company-Gründer Richard Aston (67) ist persönlich in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang dabei. Er war der erste Company-Chef, der dafür gesorgt hat, dass die schwarz verhängte Bühnenrückwand geöffnet wird.

Und so ist auch an diesem Abend beim Schrittmacher-Tanzfestival der Blick freigegeben in eine archaisch anmutende Realität – Paletten, Kisten, einstiger Arbeitsraum, warm ausgeleuchtet wie der Weg in unendliche Weiten.

Zum dritten Mal ist die Richard Alston Dance Company in Aachen, zum dritten Mal begeistert das Ensemble die Zuschauer in der voll besetzten Fabrikhalle. Vier Stücke stehen auf dem Programm. Sie alle zeigen eine selbstbewusste, starke Company, klar im Ausdruck, elegant und sicher in den Einzelleistungen, schön in den Synchron-Szenen. In solchen Momenten gibt es für die Richard Alston Dance Company nur den einen gemeinsamen Schritt, den Sprung, das Tempo, die von allen getragene Interpretation. „Stronghold“, das Eröffnungsstück, eine Choreographie von Martin Lawrance, ist so ein Werk.

Schwerer, dunkler Klang

Der schwere, dunkle Klang von acht Kontrabässen, zunehmendes Crescendo (Musik: Julia Wolfe), die steigende Spannung wird von der barfuß tanzenden Company mit schneller Körpersprache beantwortet. Kraftproben untereinander, das Ringen um Dominanz an einem besonderen Ort, männliches und weibliches Element bestimmen die Szenen. Hände geben Signale, Streichen über Arme, Blicke funkeln.

Ihsaan de Banya, ein Tänzer, der nicht nur glänzende Soli einbringt, sondern die gesamte Gruppe inspiriert, strukturiert das Stück mit seinen Einzelaktionen, biegsam, mystisch, außergewöhnlich. Zum Gesamteindruck tragen die angenehm erdfarbenen, natürlichen Kostüme (Auswahl Inca Jaakson und Martin Lawrance) bei.

In „Unease“ von Joseph Toonga lebt die Straße, experimentieren die Akteure mit disziplinierten HipHop-Elementen. Es gibt Moonwalks und Robot-Elemente, das Spiel mit den „montierten“ Gelenken, wie es beim Street Dance beliebt ist. Dem Ensemble macht es Spaß, in immer neuen Varianten die fließenden Bewegungen in eckige Moves zu pressen.

Dann drei Minuten „Dutiful Ducks“. Nein, das sind keine „pflichtbewussten Enten“. Das Stück wird mit Spannkraft und klassischer Disziplin von Tänzer Liam Riddick umgesetzt, eine Choreographie Alstons aus dem Jahr 1982. Die „Musik” zum Tanz ist ein Gedicht des US-amerikanischen Komponisten, Lautdichters und Vertreters der Elektroakustischen Musik Charles Amirkhanian (Jahrgang 1945).

Wort-Klang-Spiele wie „hay in may“ oder „drano ducks“ erinnern an den Dadaismus und stehen im Vordergrund des surreal anmutenden Textes. In der Einspielung spricht der Sound-Poet persönlich. Man versteht wenig, ist aber gebannt, wenn sich Riddick die Rhythmen und Sprachmelodien zu eigen macht, sie ernst und mit abwesend-ruhiger Miene im Tanz umsetzt.

Mit dem längsten und ambitioniertesten Werk „Nomadic“, einer Choreographie, die Altmeister Alston zusammen mit Ajan Johnson-Goffe erarbeitet hat, schließt der Abend. Es ist ein würdevolles Monument für das Volk der Roma, durchzogen von den Gefühlen, Sprachen und Musikstilen seines uralten Daseins, transponiert in die Gegenwart. Live-Musik kommt vom Shukar Collective, einer Band aus Rumänien, die in ihrem Electro-Dance-Projekt traditionelle rumänische Klänge sowie Musik und besonders Gesänge der Roma mit modernen Beats verbindet.

Bulgarische Gesänge

Emanoil Handrabur und Christian Stanciu stehen auf der Bühne und gestalten den Sound am Steuerpult. Ihre Grundlagen sind die Gesänge der bulgarischen Ursari-Sänger, der Bärenführer, einer speziellen Roma-Gruppe im 19. Jahrhundert. Die Tänzerinnen und Tänzer antworten in ihren Aktionen, den rauchigen, starken Gesängen der leidenschaftlichen Stimme, grenzen sich ab in feiner Rhythmik, setzen häufig das Weiche, das Fließen gegen hartes, sehnsuchtsvolles Klagen. Selbstbewusstsein und Stolz der Akteure finden sich zusammen mit der zunächst gewöhnungsbedürftigen Musik in einem bewegenden Gesamtbild. Da klingen arabische und afrikanische Mythen an, gibt es rituelle Zitate – Ansätze eines Derwish-Tanzes – in der Choreographie, die dennoch ihre klare Linie bewahrt.

Das Schlussbild ist klassisch, modern und intensiv – so wie diese Company. Ihsaan de Banya, Nicholas Bodych, Elly Braund, Oihana Vesga Bujan, Jenny Hayes, Sharia Johnson, Ryan Ledger, James Muller, Nancy Nerantzi und Liam Riddick nehmen den Company-Gründer in ihre Mitte und empfangen den euphorischen Applaus.

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