Schrittmacher-Tanzfestival kann sich vor Anfragen kaum retten

Von: Jenny Schmetz
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„Wie eine Kathedrale“: die Festivalmacher Rick Takvorian und Stefanie Gerhards vor der eindrucksvollen Kulisse der ehemaligen Aachener Stahlbaufabrik Strang. Dort startet am Freitagabend das Schrittmacher-Tanzfestival – auch mit neuen Stühlen (siehe rechts). Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Als Rick Takvorian den Gipfel erklommen hat, breitet er seufzend die Arme aus und haucht: „Ist es nicht schön?“ Sein Blick gleitet nicht etwa über ein Alpenpanorama, sondern eine steile Zuschauertribüne herab, auf eine Bühne und wieder hoch an Backsteinmauern und Stahlträgern entlang bis unter das lichtdurchflutete Dach der ehemaligen Aachener Stahlbaufabrik Strang.

 „Wie eine Kathedrale“, findet der städtische Kulturmanager fast entrückt. Beim Schrittmacher-Tanzfestival dürfen diese beeindruckende Aussicht ab Freitag wieder Abend für Abend 400 Menschen genießen, ehe sie ihre Blicke auf die Hauptakteure richten: Zum Aachener Auftakt wird die Londoner Henri Oguike Dance Company ihre ganz frische Produktion zu Barockmusik uraufführen.

Ein paar Etagen tiefer, im Untergeschoss des Aachener Ludwig Forums, hat Rick Takvorian das Schrittmacher-Festival vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Anfangs saß der gebürtige Amerikaner im Space auch schon mal mit kaum 40 Zuschauern – aber er ließ sich nicht entmutigen. Denn der ehemalige Tanzkritiker wusste: „Diese Kunstform war eine Lücke hier in der Region“ – die nach der Auflösung des Ballettensembles am Stadttheater noch größer wurde.

Schritt für Schritt führte Takvorian das Festival vom Experiment zum Erfolg. Als Gipfelstürmer sieht sich der 57-Jährige heute aber nicht. Und der Name „Schrittmacher“ („Meine Frau legt großen Wert darauf, dass sie ihn gefunden hat“, sagt er mit einem Lächeln) sei auch nicht als „Vorreiter“ zu verstehen: „Das fände ich ein bisschen überheblich.“ Vielmehr als Wortspiel mit den Tanzschritten, die das Herz ein bisschen schneller schlagen lassen sollen.

Auf den Flügeln des Erfolgs, aber nicht abgehoben oder elitär zeigt sich der Festivalmacher also: „Wir wollen ein Tanzfestival nicht nur für Tanzkundige sein“, betont er. Unerfahrene müssten keine Angst haben, verschreckt zu werden. Nach wie vor sei das Ziel, „ein Fenster zur Welt des Tanzes zu öffnen“, einen Querschnitt zeitgenössischer Tendenzen zu zeigen. Die Mischung machte_SSRqs: Sie reicht diesmal von der klassischen Moderne des Best-of-Balanchine-Abends, mit dem das niederländische Nationalballett auch auf Tutu und Spitzentanz-Schuhe zurückgreift, bis zu Hip-Hop und Kampfkunst.

Und diese Mischung kommt immer besser an: „So schnell sind die Karten noch nie weggegangen“, sagt Takvorian. Nach einem Rekord mit rund 10.600 Besuchern im Vorjahr „könnten es dieses Jahr sogar noch ein bisschen mehr werden“, bleibt er noch vorsichtig. Auch der Abo-Verkauf laufe immer besser: Mit rund 250 Abos gingen fast 100 mehr als im Vorjahr weg.

„Den letzten Kick“ habe dem Festival die Kooperation mit dem Theater Heerlen gegeben, die seit vier Jahren reift. „Ich kenne kein anderes Festival, das in zwei Ländern stattfindet“, sagt Takvorian stolz. Zuschauer strömen von Deutschland in die Niederlande und umgekehrt. Und erleben völlig unterschiedliche Atmosphären. Theater dort, Fabrik hier.

Nicht mehr kalt, feucht, verdreckt

Gerade die „coole Location“ in Aachen hat dem Festival wohl den (vorerst) allerletzten Kick verpasst. Viele jüngere Leute seien vor allem am rohen Charme des Backsteinbaus interessiert, der etwas großstädtisches Underground-Flair verströmt. Auch wenn die Fabrik-Premiere 2011 doch etwas unwirtlich war. „Das erste Jahr war das absolute Risiko-Spiel“, gesteht Takvorian rückblickend. „Total improvisiert, kalt, verdreckt“ – und für manch einen Zuschauer auch feucht, denn damals tropfte es noch durchs Dach. Aber das ist mittlerweile Regen oder Schnee von gestern. Diesmal darf das Publikum sogar – trocken und gut gewärmt – auf neuen schneeweißen Schalensitzen Platz nehmen.

Nicht nur immer mehr Anfragen von Zuschauern aus Köln oder Düsseldorf, Frankfurt oder Paris erreichen die Aachener Festivalmacher, auch Fachkritiker und Künstler zeigten immer größeres Interesse. „Viele Compagnien bewerben sich mittlerweile bei uns“, sagt Takvorian, der mit seiner Kollegin Stefanie Gerhards (26) jährlich gut 200 Produktionen für die Auswahl sichtet. Und das, obwohl viele Tänzer „zu Freundschaftspreisen“ aufträten. Denn bei geschätzten Schrittmacher-Gesamtkosten von 195.000 Euro erreicht der städtische Eigenanteil in diesem Jahr mit vermutlich 130.000 Euro noch keine astronomische Höhe. Immerhin werden die Künstler nun ein bisschen höher „gehoben“. Die Bühne ist um 20 Zentimeter gewachsen. So haben die Zuschauer noch bessere Sicht. Auch ganz oben vom Gipfel.

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