Schrittmacher-Tanzfestival: Akrobatik auf und unter Tischen

Von: Sabine Rother
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Choreographin Katarzyna Gdaniec war früher Kunstturnerin: Das merkte man dem Stück „Tabula“, das sich auf und unter Tischen beim Aachener Schrittmacher-Festival abspielte, an. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Dieser Abend beim Schrittmacher-Tanzfestival in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang startet mit kunstvoller Unbeweglichkeit: Die vier Tänzerinnen und vier Tänzer der Compagnie Linga, 1992 von den Katarzyna Gdaniec und Marco Cantiealupo in der Schweiz gegründet, haben „Tabula“ mitgebracht, eine Choreographie des Gründerpaares aus dem Jahr 2015.

„Tabula“ – das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Tisch“, „Tafel“, aber auch „Gemälde“ oder sogar „Vermächtnis“.

Die Magie des Begriffs, bei dem Festivalleiter Rick Takvorian zu Recht auch gleich die Assoziation vom „Letzten Abendmahl“ und von Künstlern wie Michelangelo Caravaggio hat, einem barocken Meister in dramatischen Hell-Dunkel-Szenerien, liegt den Aktionen zugrunde, mit denen sich das Tanzensemble um zwei eindrucksvolle rechteckige Tische versammelt.

Nach Aufbau und erstem Umrunden wird es finster – und wieder hell. Die Tänzer haben sich auf den vereinigten Tischen zu einem lebenden Bild formiert, nah beieinander, perfekt, angespannt, ästhetisch, vom milden Licht weniger Scheinwerfer golden bestrahlt. Das wiederholt sich einmal, zweimal, dreimal.

Einer huscht, einer gleitet

Bei Linga wird das Spiel mit der Perfektion auf die Spitze getrieben. Die Tische, die mal einzeln im Mittelpunkt stehen, aber auch zur langen „Tabula“ zusammengeschoben werden können, sind wie düster schimmernde Magneten. Bei den Schaubildern hat jeder Tänzer Kontakt mit der Fläche – und wenn es nur mit einem lang ausgestreckten Zeh oder einer Fingerspitze ist. Dann kommt endlich Bewegung ins Spiel. Unter dem Motto „drüber – drunter“ bewegen sich zwei Männer synchron, die einander nicht sehen können, nur spüren. Der eine huscht temporeich wie ein Geist unter den Tischen hin und her, der andere gleitet, schreitet und rennt über die Tischplatte, ein Spannungsgefühl entwickelt sich, das Spiel von Jäger und Beute.

Mit Perfektion gelingen rasche Umbauten, die beiden Tische werden zum engen Raum mit Klettersprossen, in dem sich ein Paar selbstvergessen bewegt, stützt, annähert. Da gibt es sehr zärtliche, innige Momente. Und wieder ist Akrobatik in extremster Form gefragt, die Langsamkeit, bei der man an archaische Stufen des Menschseins denkt, lässt für Tänzer und Tänzerin alles noch schwerer werden.

Die Polin Katarzyna Gdaniec war vor ihrer Tanzkarriere eine erfolgreiche Kunstturnerin. Offensichtlich nimmt sie diese künstlerisch-sportliche Ausdrucksform gern mit in die Arbeit der Compagnie. Doch bei „Tabula“ sind die konkreten Tanzmomente hierdurch gering. Da leuchten ein paar grandiose Bilder auf, aus denen man eine getanzte Episode machen könnte, verglühen aber rasch wieder.

Sobald eine Bewegungsabfolge, eine Szene entwickelt ist, wiederholt sie das Ensemble immer und immer wieder. Was zu Anfang fasziniert, ist irgendwann doch langweilig, obwohl man die Leistungen der Tänzer anerkennt.

Hinzu kommt ein heftiger Soundmix, der phasenweise das Maß des Erträglichen übersteigt, und auf Kopf und Bauch akustisch einprügelt. Im Programmzettel ist von einer „teils leicht bedrohlichen Mischung“ die Rede – das ist sanft untertrieben.

Das Publikum ist zunächst beim Applaus etwas zurückhaltend, feiert dann aber doch nach 60 Minuten die Compagnie Linga zusammen mit Katarzyna Gdaniec auf der Bühne.

 

Für die Aufführungen am Samstag und Sonntag (jeweils 20.30 Uhr), Stahlfabrik Strang, Philipsstraße 2, Aachen, gibt es noch Restkarten an der Abendkasse.

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