Aachen - Schrittmacher-Festival: Tänzerische Leistung der Superlative zum Abschluss

Schrittmacher-Festival: Tänzerische Leistung der Superlative zum Abschluss

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Akrobatische Szenen von großer poetischer Kraft: Die Kompanie Sébastien Ramirez & Honji Wang aus Berlin gestaltete den vom Publikum euphorisch gefeierten Abschluss beim Tanzfestival Schrittmacher in Aachen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Mit einem poetischen Höhepunkt gelingt dem 20. Tanzfestival Schrittmacher in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang am Wochenende ein kraftvoller und vom Publikum euphorisch gefeierter Schlussakkord.

Nach insgesamt 40 Programmpunkten mit 12.000 Zuschauern in Aachen und im Theater Heerlen lässt die Spannung dieser inzwischen international gefragten und anerkannten Veranstaltungsreihe selbst am letzten Tag nicht nach, im Gegenteil. Im Publikum erinnern sich noch viele an den Spanier Ramirez und seine koreanische Partnerin Honji Wang. Da erwartet man choreographisch Spektakuläres und wird nicht enttäuscht. Schon in der ersten Szene kommt zum Einsatz, was weiterhin für dreidimensionale Effekte und zirkusreife Eindrücke sorgen wird.

Der „Rigger“ zieht die Fäden

Nachdem ein großes, über der Bühne bedrohlich schwebendes offenes Quadrat aus metallisch glänzendem Gestänge auf der Fläche gelandet ist, kommen die beiden Tänzerinnen Honji Wang und Johanna Faye aus dem Dunkel. Sie werden durch Stahlseilen aus einer Deckenkonstruktion gehalten. Von der Seitenbühne aus regiert ein ernster Mann in Grau – der „Rigger“. Kai Gaedtke bewältigt diese verantwortungsvolle Position mit Kraft und Einfühlungsvermögen, die komplizierte Koordination hat Jason Oettlé erarbeitet. Nun ringen die Frauen springend, rennend, krabbelnd bis zur Erschöpfung darum, zum Quadrat zu gelangen.

Sie beißen um sich, unmenschlich. Das ist „Borderline“, eine von zahlreichen Grenzsituationen, in denen Menschen alle Hemmungen verlieren. Mes-serscharf sind die Aktionen der Tänzerinnen, unbarmherzig der Rigger. Nur eine schafft es – Honji. Doch ist das ersehnte Ziel wünschenswert? Ist es Käfig oder Schutzraum? Bedrängung oder Geborgenheit? Wie wechselhaft das sein kann, ist Thema des Abends.

Zum Stil der Kompanie gehört es, kulturelle Identitäten einzuweben. So liegt im Käfig ein Päckchen – ein traditionelles koreanisches Gewand, das die Tänzerin behutsam und glücklich anlegt. Leicht und schön schwebt sie lächelnd aufwärts. Doch nach und nach gerät sie in einen gar nicht mehr so beglückten Zustand. Aus zarter Seide wird Fesselung, die Koreanerin quält sich, knüllt das Kleid, windet sich am Boden.

Immer neue Bilder leuchten auf. Da gibt es atemberaubende Slow Motion-Aktionen, Moonwalks und elegante Flüge über das mystische Gitterwerk im Stile der Kampfszenen asiatischer Action-Filme wie „Tiger & Dragon“.

Beständig sind die Akteure auf der Suche nach neuen Dimensionen, setzen sich damit auseinander, was die Psyche des Menschen daran hindern kann, etwas zu wagen. Das alles ist intensiv und in jedem Moment mit prallem Leben erfüllt. Zwei Männer sind etwa in ihrer Angst wie durch starke Magnete miteinander verbunden, balancieren auf einem unsichtbaren Hausdach oder einem Berg – das verlangt höchste tänzerische Körperbeherrschung und pantomimisches Talent.

Ein dritter Mann trennt sie plötzlich unbekümmert – und die Katastrophe bleibt aus. Wagnisse eingehen, Grenzen überschreiten und ein Risiko als Energie spendendes Lebensprinzip annehmen, davon erzählt „Borderline“. Das Stück ist nicht zuletzt glänzende Unterhaltung. Im skurrilen Becken-Gang staksen etwa die Frauen mit enormen Highheels über die Bühne und präsentieren sich den Männern. Das ist witzig, bissig und zugleich eine tolle gymnastische Leistung – keine kippt um.

Schließlich steigt die Kompanie in eine weitere Dimension auf. Mit weißen Gewändern erscheinen Ramirez, Honji Wang, Louis Becker, Johanna Faye und Mustapha Lehlouh wie Götter, die ein Gericht abhalten wollen. Sie fügen sich in die Gitter, überwinden sie und setzen zu ausgreifenden Aktionen an. Die Choreographie von Wang und Ramirez führt zu einer außergewöhnlichen Optik. Die weißen, unten geschlossenen Röcke aus dehnbarem Stoff (Kostüme: Anna Ramirez) formen sich bei jeder Beinbewegung zu bewegten Skulpturen.

Fliegender Engel

Gleichzeitig wird Street Dance als emotionale und bis in kleinste Feinheiten ausgearbeitete Sprache gepflegt – je nach Tänzer eine unmissverständlich Ausdrucksform. Fulminantes Finale ist ein in seiner Ästhetik kaum zu überbietender Pas des Deux mit Honji und Ramirez. Sie ein schwebender, kreisender, umarmender Engel, er ihr Partner mit Bodenhaftung. Es gelingt eine Komposition aus Sehnsucht und Leidenschaft.

Eine tänzerisch-sportliche Leistung der Superlative. Das Publikum feiert die Künstler, die nach 70 Minuten noch Kraft haben, um eine Hip Hop-Serie zu zeigen. Und sogar Kai Gaedkte, der ernste Rigger, beweist, dass er nicht nur der Puppenspieler im Stück ist.

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