Aachen - Schrittmacher-Festival: Schwere Träume und dunkle Visionen

Schrittmacher-Festival: Schwere Träume und dunkle Visionen

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
Mitreißend: Das Do-Theatre so
Mitreißend: Das Do-Theatre sorgte beim Schrittmacher-Festival in Aachen jetzt für einen Höhepunkt: Die Aufführung in der ehemaligen Fabrik Stahlbau Strang endete mit donnerndem Applaus. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Aus dem Dunkel steigt bedrohliches Rauschen und Scheppern auf, Wind, Regen, ferner, dürrer Hufschlag? Ein Licht, Nebel - Bühne frei für die magischen Welten des Do-Theatres, das mit seiner neuen Produktion „Sin Agua” das Schrittmacher-Festival Aachen/Heerlen um eine Rarität bereichert.

Die russisch-deutsche Compagnie, international geprägt und inzwischen in Aachen ansässig, gründete sich bereits 1987 als experimentelles „Physical Theatre Company”. Seit 1990 nennen sich die artistischen Akteure unter ihrem visionären Direktor Evgeny Kozlow „Do-Theatre”.

Auch bei „Sin Agua” erlebt man sie wieder, diese Fähigkeit, schwere Träume und geheime Gedanken in surrealen Bildern umzusetzen und sie gleichzeitig von blitzschnell gezündetem schwarzen Humor zu durchkreuzen. Da sind Körper und Kopf gefordert, wird der Zuschauer gnadenlos hineingezogen in eine Welt, die tief Verborgenes, Dunkles aufleben lässt.

Die intensive Beschäftigung mit den psychedelischen Vorstellungen eines Salvador Dalí, die anrührende und doch so unglaublich widersinnige Geschichte des unbeugsamen „Ritters von der traurigen Gestalt”, den der Dichter Miguel de Cervantes in seinem „Don Quijote” durch eine Welt der Riesen und Ungeheuer taumeln lässt, haben diese Produktion geprägt. Hier mutiert der Tanz zur absoluten Regentschaft über den Körper, zerfließen die Gestalten wie Dalís berühmte Uhren und seine Don-Quijote-Fantasien, um danach mit dem Überlebenswillen urtümlicher Kreaturen weiterzukriechen, sich zu verbiegen und sich erneut in Körpern zu manifestieren.

Drei Frauengestalten (Julia Tokareva, Irina Kozlova, Olga Anikeeva) schreiten über die Bühne. Mit jeder Bewegung winden sich zu ihren Füßen kahlköpfige Männer (Alexander Bondarev, Iliya Romanov, Evgeny Kozlov). Die Paare bleiben wie durch unsichtbare Fesselungen verbunden, sanfte Bewegungen enttarnen sich als kalte Muster der Macht. Die unzertrennlichen Bande bleiben und werden sich im Laufe des Stücks umkehren, all das in einer gewaltigen Klangkulisse .

Zwischen Texas und La Mancha, zwischen den 50er Jahren an der Route 66 mit ihren Straßenkreuzern und den bedrohlich schwarzen Flügeln einer maroden Windmühle bewegen sich die Szenen einer Suche. Da glaubt man, die drei kahlköpfigen Männer, die zunächst herumzappeln, weil sie nicht wissen, wie man eine Latzhose anzieht, sind gerade von einem fernen Stern auf die Bühne gefallen. Hier entdecken sie nicht nur die Welt einer alten Tankstelle, an der niemand hält, sondern auch das gesellschaftliche System von Ausgrenzung und Kumpanei. Ihr Tanz ist heftigste Akrobatik, Überraschung und Veränderung in jedem Moment.

Die Frauen ringen als Anhalterinnen um einen Platz an der Straße, liefern sich ein irrwitziges Ringen um die beste Position. Begleitet werden sie von Pin-up-Projektionen, wie man sie vermutlich als sexy Appetitmacher auf erotische Freuden in den Fahrerkabinen amerikanischer Trucks finden konnte. Ein mörderisches Pflaster zwischen aufgeblendeten Scheinwerfern und sich entfernenden Hupen. Gedanken an Don Quijote?

Vielleicht an die „holde Dulcinea”, die ja im wirklichen Leben eine Prostituierte war. Vielleicht einfach an das Getrieben-Sein, die schmerzliche Lust, sich zu verlieren. Blues und Jazz, dann wieder ein paar Akkorde aus Bizets „Carmen”, die sofort wieder zerreißen, Harmonien, die in rostigen Türangeln zerrieben werden, so wirbeln die Paare über die Bühne. Die roten Blumen im Haar und dämonisch schwarze Mühlen-Assoziationen schlagen erneut die Brücke von Texas nach Spanien.

In großartiger Überblendung wanken Männer und Frauen als schwarze Silhouetten mitten hinein in die bedrohlichen Flügel, die sich aberwitzig mal nach rechts, mal nach links drehen. Die große Suche - nach was eigentlich? Wasser, Liebe, Leidenschaft oder Macht? Wenn der Regensturm die riesigen Kakteen der Wüste peitscht, treibt das Do-Theatre seine kraftvolle Inszenierung auf die Spitze. Überdimensional ragen die stacheligen Formen auf, es schüttet und es wird dunkel. 60 Minuten sind zerflossen, wie die Landschaften eines Dali, und dennoch bleiben sie surreale Realität - wie die Vision eines Don Quijote.

Donnernder Applaus für ein Tanz-Kunstwerk (Lichtdesign/Videos: Tanya Williams, Bühne: Alexander Bondarev, Kostüme: Julia Tokareva), das nur durch die tänzerische Genialität der Körper und die choreographischen Gedanken eines Evgeny Kozlov Gestalt annehmen kann.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert