Schrittmacher-Festival: Ein Kraftakt zwischen zwei Welten

Von: Ines Kubat und Sabine Rother
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Kraft, Rhythmus und Anmut: Die Yin Yue Dance Company zeigt eine Mischung aus Tradition und Moderne. Foto: Andreas Herrmann
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Tänzerin und Choreographin: Yin Yue, die aus China stammt und in New York lebt, ist mit ihrer Company in Aachen zu Gast. Foto: Harald Krömer

Aachen. Sie ist das Gesicht beziehungsweise der Körper des Schrittmacher-Festivals: Yin Yue, die Tänzerin und Choreografin, ziert Plakete, Flyer und Ankündigungen. Ihr Sprung, festgehalten im Bild, ist tänzerische Perfektion, jede Faser ihres Körpers angespannt, der aufgewirbelte Staub ein Sinnbild ihrer Erdverbundenheit.

„Natürlich bin ich stolz, dass ich für das Plakat ausgewählt wurde“, sagt sie in einer Mischung aus New Yorker Slang und chinesischem Englisch. Der Akzent verrät die Wurzeln der 33-Jährigen, die ursprünglich aus Shanghai stammt.

Vorfreude, aber auch Anspannung liegen im Blick der zierlichen Frau am Tag vor der Premiere: Denn Yin Yue ist mit ihrer eigenen Company nicht nur erstmals in Europa, sie bringt außerdem Stücke mit, die noch nie vor Publikum präsentiert wurden.

„Bei Wind und Wetter haben mich meine Eltern auf dem Fahrrad zum Tanztraining gebracht“, erinnert sich die Choreographin an ihre Tanzanfänge im Alter von vier Jahren. Mit elf wurde sie vor eine Entscheidung gestellt, die ihr weiteres Leben entscheiden sollte: Wollte sie professionelle Tänzerin werden oder weiter normal zur Schule gehen? Sie wählte das Tanzinternat und zog für eine „sehr harte Ausbildung“ in eine andere Stadt. Ihre Familie sah sie nur noch zwei Mal im Jahr. Bereut habe sie ihre Entscheidung nie.

Im Alter von 23 Jahren ging Yin Yue schließlich nach New York, um dort eine Masterclass im Tanz zu besuchen. Und sie blieb, denn die Möglichkeiten schienen groß: „Ich wollte auch Erfahrungen außerhalb der Universität sammeln.“ Mit Erfolg, denn 2015 wurde Yin Yue Preisträgerin des „Hubbard Street Dance Chicago International Commissioning Project“.

Jedoch ist auch ihr Weg nicht geradlinig verlaufen, war nicht nur von Erfolgen geprägt. Schließlich ist die Konkurrenz in New York groß: „Ich hatte einige missglückte Vorsprechen als Tänzerin.“ 2012 wollte sie nicht länger warten, sondern durchstarten – als Tänzerinund als Choreographin. Also suchte sie sich andere Tänzer, entwickelte erste Stücke und mietete ein Theater. Der ungewöhnliche Anfang war gemacht, danach ging es „Schritt für Schritt weiter. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt“.

Yin Yue übernimmt in den meisten ihrer Choreographien den Hauptpart, gibt energisch Bewegungsmuster und -wechsel vor, denen die Company folgt. „Manche wollen nur tanzen, andere nur Choreographien machen. Ich mache einfach beides“, sagt sie mit einem herzlichen Lächeln.

Durch ihre Ausbildung im Ballett und traditionellem chinesischen Tanz, aber auch durch die Erfahrungen mit der Moderne hat die 33-Jährige ihren ganz eigenen Tanzstil „FoCo“ entwickelt, eine Mischung aus Folk und Contemporary. Vier Stücke haben Yin Yue und ihre Tänzer Grace Whitworth, Liane Aung, Luke Bermingham, Lizzi Zevallos und Sarah Housepian für das Schrittmacher-Festival ausgewählt. Die Bühne bleibt dabei karg, ein nüchterner magischer Raum für große Gefühle, die ein dröhnender, monoton schmerzhaft hämmernder Rhythmus aus den Körpern saugt. Steingrau sind die wehenden Hemden der Akteure, das hat etwas Endzeitliches. Später dann gibt es Kleidung in warmen Erdfarben.

„Within Reach“, eine Choreographie der Compagny-Chefin aus dem Jahr 2013, philosophiert tänzerisch über äußere und innere Nähe, ein Ringen mit widersprüchlichen Gefühlen. Es dominiert die Beherrschung trotz heftiger Emotionalität. Geschmeidige, gleitende Bewegungen, eine meditative Konzentration, niemals unkontrollierte Hingabe, aber stets deutliche Präsenz – die Yin Yue Dance Company zeigt tänzerisch höchste Disziplin bei angenehm klaren Linien.

Die harmonisierenden und konzentrierten Übungen uralter Kampfkünste wie dem im chinesischen Kaiserreich entwickelten Tai-Chi (Schattenboxen) werden in diesen jungen Choreographien zu markanten, frischen Elementen einer neuen Zeit. Da flattern die hochgereckten Hände, scheinen in ritueller Gestik gleichzeitig zu geben und zunehmen, da bewegen sich die Arme und Schultern in weichen Wellen wie die Schwingen großer Vögel, gehen Tänzerinnen und Tänzer sanft in tiefe Grätschen.

Yin und Yang werden beschworen, die Symbole für das starke und schwache oder männliche und weibliche Element – kurz: die dualistische Natur der Welt. Die Lehren des Daoismus’ sind den Künstlern nicht fremd. Die Frauen bleiben stark, das Ringen in den variantenreichen, einfühlsamen und zugleich sportlich-distanzierten Zweier-Szenen ist ausgeglichen. Manchmal glaubt man sogar, anmutige Bewegungen balinesischer Tempeltänzerinnen zu erkennen.

Ob „Double Elements“ oder „Nightfall“ und „Stay“: Yin Yue will erzählen – von ihrem Trennungsschmerz und dem kulturellen Konflikt, den sie durchleben musste, als sie ihre Heimat verließ und in die USA ging, von all den neuen Gefühlen. Aber auch vom großen Willen, aus all dem eine neue, individuelle Tanzsprache zu entwickeln.

Sie denkt tanzend nach und zieht ihr Publikum hinein in diese Gedanken. „Through The Fracture Of Light”, das die Yin Yue Dance Company dem Schrittmacher-Festival als Weltpremiere schenkt, beweist, wie gut die Truppe bereits die großen Gesten beherrscht, mit denen die Choreographin körperliche Energie, tänzerische Ausbildung und philosophische Inhalte zusammenführt. Es gelingt ihr mit Biegsamkeit, Kraft, Dynamik und subtilen, sprühenden choreographischen Ideen. Das Publikum jedenfalls feiert die Yin Yue Dance Company beim Schritmacher-Festival, das damit um eine Facette reicher wird.

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